"Ein Dollar die Seite." So lautete das Angebot eines unbekannten Auftraggebers für erotische Geschichten. Und die inhaltliche Vorgabe war ebenso klar: "Am liebsten nur Sex, ohne poetischen Firlefanz". Dass unter diesen Voraussetzungen überhaupt ein Werk wie "Das Delta der Venus" entstehen konnte, deutet bereits auf das grosse schriftstellerische Talent hin, das Anaïs Nin dann in ihren Tagebüchern entfalten konnte. Die merkwürdigen Rahmenbedingungen, unter denen Anaïs Nin ihre 15 erotischen Geschichten schrieb, entschuldigen auch die nicht ausgemerzten Schwächen, über die sich Literaturwissenschaftler gerne hermachen. Obwohl die Erzählungen bereits in den 40er Jahren entstanden, wurden sie erst 1977 veröffentlicht. Das Echo war gewaltig. Auch weil erotische Literatur vorher als klare Domäne der Männer galt. Ich kann mich jedenfalls gut daran erinnern, was die Lektüre damals bei mir auslöste. Ich war vom pornografischen Inhalt fasziniert und gleichzeitig schockiert, dass eine Frau so lasziv, sinnlich und direkt über Sexualität schrieb. Ob das nun literarisch war oder nicht, interessierte mich nur unter dem Aspekt der gesellschaftlichen Akzeptanz.
Fast dreissig Jahre später schaffte ich mir nun dieses Hörbuch an. Und wenn Henry Miller damals schrieb, dass Anaïs Nin ein schamlos schönes Buch schrieb, verwende ich dieses Kompliment für die Sprecherin Angela Winkler. Diese bedeutende deutsche Schauspielerin hat eine schamlos schöne Stimme. Sie liest die erotischen Geschichten von Anaïs Nin mit einer Tiefe und Erotik, die glauben lässt, das Buch habe erst heute die Erzählerin gefunden, die es wirklich zum Leben erwecken könne.
Mein Fazit: Eine phantastische Angela Winkler liest 15 erotische Geschichten aus den 40er Jahren, als seien sie für die Fortsetzung von "Tausend und eine Nacht" geschrieben worden. Anaïs Nin würde mir wohl zustimmen, dass die Hörfassung ihrer Erzählungen genau so sein müsse.