Hoch oben in den österreichischen Alpen stößt der Archäologe Mitch Rafelson auf einen sensationellen Fund: Drei Mumien haben in einer Eishöhle die Zeiten überdauert, und ganz offensichtlich handelt es sich dabei um Eltern und Kind. Doch während die beiden Erwachsenen Neandertaler zu sein scheinen, ist der Nachwuchs ein moderner Mensch. Währenddessen untersucht die Molekularbiologin Kaye Lang ein altes Massengrab in Georgien -- und alle weiblichen Opfer sind schwanger. Was haben die beiden Vorfälle gemeinsam? Alle Leichen sind von einem Virus infiziert, welcher gerade weltweit die Gesundheitsbehörden in Alarmbereitschaft versetzt.
Dieser Virus ist schon seit Urzeiten im menschlichen Erbgut integriert und erwacht nun zum Leben. Die 'Herodes-Grippe' verursacht bei Frauen Fehlgeburten, wobei die abgestoßenen Feten auf das Äußerste defomiert sind. Und immer wieder gibt es Meldungen, wonach die Frauen sofort ein weiteres Mal schwanger werden -- selbst ohne sexuellen Kontakt! Handelt es sich bei dem Virus wirklich nur um eine besonders heimtückische Krankheit? Oder muss die Evolutionstheorie neu geschrieben werden?
Wenn der renommierte wissenschaftliche Spektrum-Verlag einen SF-Roman im Hardcover herausbringt, dann kommt das im von Taschenbüchern dominierten Genre einer kleinen Sensation gleich. Dabei ist Das Darwin-Virus weder ein alles überragendes Ausnahmebuch noch das Meisterwerk dieses preisgekrönten Autors. Allerdings ist es ein ungewöhnlich sorgfältig recherchierter Wissenschaftsthriller, der eine originelle und spannende Theorie glaubwürdig präsentiert. Nebenbei gibt er einen authentischen Einblick in die Alltagswelt der Biowissenschaftler, die im Gerangel um Geld und Anerkennung unorthodoxen Theorien gegenüber alles andere als aufgeschlossen sind. Diese Authentizität bringt es mit sich, dass Bear seinen Lesern allerhand Fachvokabular zumutet. Mancher Leser wird vielleicht von Begriffen wie Retrovirus und Antigen in die Flucht geschlagen. Hilfreich ist dabei ein Nachwort und ein Glossar, in dem alle wichtigen Fachausdrücke gut erklärt werden. Das Darwin-Virus ist Wissenschaft in ihrer unterhaltsamsten Form -- auch für Nicht-SF-Leser bestens geeignet. --Birgit Will
Linné, Lamarck, Darwin - wohl alle bekannten Evolutionsbiologen hatten mit Ablehnung und Widerstand zu kämpfen, als sie mit ihren Theorien über die Vererbungslehre alles bisher Geglaubte in Frage stellten. So ergeht es auch den Hauptfiguren in Greg Bears Wissenschaftsroman.
Die Molekularbiologin Kaye Lang und der Archäologe Mitch Rafelson machen unglaubliche Entdeckungen, aus denen sie nur den Schluss ziehen können, dass die Evolutionsgeschichte des Menschen umgestoßen und völlig neu geschrieben werden muss. Nicht durch zufällige Mutationen, wie bisher angenommen, sondern durch zielgerichtete Veränderungen im Erbgut habe sich der Mensch weiterentwickelt und dadurch besser an seine Umgebung angepasst.
Zu Beginn des Romans stehen drei scheinbar unabhängige Vorfälle: Unweit der georgischen Hauptstadt Tiflis wird ein Massengrab entdeckt, in dem sich etwa sechzig Frauen, Männer und Kinder finden. Alle weiblichen Opfer waren schwanger, als sie starben. Es stellt sich heraus, dass die Ermordung der Menschen nicht in grauer Vorzeit stattfand, sondern lediglich fünf Jahre zurückliegt. Die georgischen Behörden tun alles, um diese Entdeckung zu vertuschen.
Zur selben Zeit werden in den österreichischen Alpen in einer Höhle drei Mumien gefunden: ein Neandertaler-Paar mit einem Neugeborenen an seiner Seite. Doch das Kind weist überraschenderweise Merkmale eines modernen Homo sapiens sapiens auf.
Unterdessen verbreitet sich weltweit eine Viruskrankheit, die so genannte Herodes-Grippe, von der nur schwangere Frauen betroffen sind. Der Krankheitserreger verursacht Fehlgeburten, wobei die abgestoßenen Feten sehr starke Fehlbildungen aufweisen. Außerdem wird immer wieder berichtet, dass diese Frauen erneut schwanger werden, auch ohne sexuellen Kontakt.
Besteht irgendein Zusammenhang zwischen diesen Ereignissen? Zunächst scheint dies nicht der Fall zu sein. Doch Kaye Lang, Spezialistin für Retroviren, sieht eine Verbindung: Sie entdeckt virale Elemente namens SHEVA, die seit Millionen von Jahren ins menschliche Erbgut integriert sind, offenbar auf unbekannte Weise aktiviert werden und vermutlich für die geheimnisvolle Grippe verantwortlich sind. SHEVA kann sowohl bei den urzeitlichen Neandertaler-Leichen und ihrem Säugling als auch bei den in Georgien gefundenen Toten nachgewiesen werden. Lang glaubt, dass dieses Retrovirus nicht nur für den Ausbruch der neuartigen Influenza verantwortlich ist, sondern vielmehr eine Art Evolution durch eine plötzliche Weiterentwicklung des Menschen bewirkt. Mitch Rafelson, der die Höhlenleichen gefunden hat, istebenfalls ihrer Ansicht. Dagegen sieht Christopher Dicken, Virologe von den National Centers for Infectious Diseases in Atlanta, durch die Epidemie den Fortbestand der Menschheit bedroht. Zur Bekämpfung des Virus leitet er drastische Maßnahmen wie Zwangsabtreibungen bei Schwangeren, die SHEVA tragen, ein.
Im Rennen gegen die Zeit versuchen beide Parteien, das Rätsel zu lösen, herauszufinden, ob SHEVA nur ein gefährlicher und mysteriöser Krankheitserreger oder aber ein Motor für die Entwicklung einer neuen menschlichen Art und damit für die sprunghafte Evolution ist.
"Das Darwin-Virus" ist ein gut recherchierter Wissenschaftsroman um ein faszinierendes, fesselndes Thema, der zeigt, dass wissenschaftliche Thesen häufig keine unumstößlichen Gesetze darstellen. Der Leser erhält Einblick in die alltägliche Welt der Biowissenschaftler und deren Probleme, neue und unmöglich erscheinende Entdeckungen in der Öffentlichkeit glaubhaft zu vertreten.
Gleichzeitig übt der Autor unterschwellig Kritik an der heutigen Welt voller Schnelligkeit und Wachstum, in der der Mensch oft überfordert ist. Er zeigt auf, dass der Lauf der Zeit, selbst wenn jedes noch so kleine Detail des Lebens erforscht zu sein scheint, durch den Menschen nicht aufgehalten werden kann.
Doch trotz der spannenden Idee und des durchaus gelungenen fesselnden Anfangs krankt der Roman an einigen Längen im Mittelteil. Auch die eingeflochtene Liebesgeschichte zwischen den Protagonisten ist meiner Meinung nach flach - und außerdem überflüssig. Leider entwickelt sich aus dem Wissenschaftsthriller immer mehr ein Science-Fiction-Roman, dessen Unwirklichkeit in der Auflösung des Rätsels und dem Schluss gipfelt. Etwas weniger fiktional und irreal hätte sicher besser gewirkt.
Rezensent: Susanne Dorn