„Wenn Sie in diesem Jahr - oder diesem Jahrzehnt - noch ein Buch lesen wollen, dann lesen Sie dieses!" meint Andreas Eschbach und geht damit (wir schreiben das Jahr 2005) für meinen Geschmack mit dem Hype etwas zu weit...
...aber: Wolfgang Jeschke hat ein großartiges Buch geschrieben, eines, das ich wegen der Fülle der Ideen, der Lebendigkeit der Cha-raktere und - schließlich handelt es sich um Science Fiction, auch wenn der Umschlag das klugerweise verschweigt - der Phantastik, des „sense of wonder" unter die ganz großen seines Genre einreihen möchte.
Jeschke entführt uns in gleich mehrere Welten: die des finsteren und doch manchmal auch sehr prallen Mittelalters, wo seine Protagonis-tin Domenica Pflanzensamen sucht, die in naher Zukunft - Welt Nummer 2 - die Folgen einer gewaltigen Atomkatastrophe in Mittel-deutschland heilen sollen. Ein geheimnisvolles Amt des Vatikans schickt sie durch einen Zeittunnel in die Vergangenheit und wir erle-ben Welt 3 - eine Welt höchster technischer Errungenschaft, die die Zeitreise beherrscht, auch wenn die Reisenden nur „Trittbrettfahrer" sind, „wie Hunde, die U-Bahn fahren, ohne selbst über den Fahrplan bestimmen zu können" formuliert es der Autor.
Und dann wäre da noch Welt Nummer 4, irgendwo jenseits des Raum-Zeit-Gefüges, jenseits der Grenze, „dort wo das Universum kein Leben hervorgebracht hat". Und von jenem Ort aus greift ein geheimnisvoller Reisender, „den die, die ihm begegnet sind, den En-gel nennen", gelegentlich ins Geschehen ein....
Das alles wären schon die Ingredienzien eines guten Science-Fiction Romans - wenn eben Wolfgang Jeschke nicht mehr wäre als bloß ein Autor, der seine Figuren in einem Science-Fiction „ou-topos", e-ben einem „Nich-tort", eindimensional, zielstrebig und vorhersehbar vor sich hin agieren ließe, was er aber nicht tut (und weshalb er sich vielleicht acht Jahre Zeit genommen hat, dieses großartige in sich brillant verschachtelte Werk zu schreiben).
Wir erleben hautnah das Grauen einer post-atomaren Welt, die lang-sam aber sicher an der Klimakatastrophe und dem Bevölkerungs-druck aus dem Süden zugrunde geht, ein Europa, dessen uns be-kannte Grenzen sich verschoben haben, mit Mächten wie dem etwa in alten Grenzen wiedererstandenem Österreich Ungarn, dem Vati-kan, der in Salzburg residiert und auch ein weltlicher Machtfaktor geworden ist und einem Deutschland, das in seine Kleinstaaten zer-fallen ist und in dem teilweise die Ultrarechte das Sagen hat.
Doch wir erleben auch eine Technik mit hyperschnellen Lichtgleitern zwischen den Kontinenten, Luftschiffen und Magnetbahnen und eine Zeitreisetechnik, die in der Schilderung sowohl der technischen Hin-tergründe wie auch den „praktischen" Auswirkungen auf Reisende wie „Zeitheimische" für den, der sich ein wenig mit der Physik aus-kennt, plausibel wirken könnte.....
Und all das ist von „lebendigen" Akteuren getragen und in einer Sprache geschrieben, die das teils liebevoll teils kritische Beobach-ten der Umgebung, der Städte, der Landschaften und der Menschen erkennen lässt, und die manchmal durchaus poetische Anklänge hat.
Und ob die Welt, in der Domenica aufgewachsen ist, nun die unsere ist oder jene, die sich aufgrund der „Cusanischen Acceleratio" vor über fünfhundert Jahren von unserer Zweitlinie abgespalten und die schlimmsten Folgen des Glaubenskampfes vermieden hat und in der das erste Luftschiff den Atlantik bereits Mitte des achtzehnten Jahr-hunderts überquerte, wird nie eindeutig klar....(aber das mag viel-leicht nur für mich gelten, obwohl ich als Science-Fiction Leser durchaus Veteranenstatus beanspruchen darf).
Aber das ist eben das, was gute SF ausmacht - „the sense of won-der"....Danke, Wolfgang Jeschke!