Ich bin Religionslehrerin an einer Realschule und wie jedes Jahr sollen meine Schüler selber Fragen formulieren und es sind immer dieselben: Stammen wir von Affen ab oder von Adam und Eva? Wie soll das mit Adam und Eva überhaupt gewesen sein? Haben da irgendwann Bruder und Schwester miteinander...? Wie war das mit der Arche Noah? Hat es die gegeben? Wie groß muss die gewesen sein? Wie hat Noah alle Tiere der Erde versammelt? Wie hat er die Löwen eingefangen? Was hat er gemacht, damit sich die Tiere nicht gegeseitig auffressen? Und die Fische, die leben ja im Wasser, die sind gar nicht bei der Sintflut gestorben! Und überhaupt gibt es Gott? Woher weiß man das? Und wie sieht er aus? Wo wohnt er? Und Jesus? Hat er Wunder gewirkt? Woher weiß man, wie er aussah? Hatte Jesus Kinder? Ist er wirklich auferstanden? Und wann ist er nach der Auferstehung endgültig gestorben?
Auch Jugendliche der Klassen 10 (!) stellen diese Fragen und es ist einfach unglaublich, wie wenig wir über unsere Religion wissen. Gar nichts! Wirklich gar nichts! (Abgesehen von oben genannten netten Geschichten, die gerne im Kindergarten und Grundschule erzählt werden.)Aber ich frage mich: Woher sollen wir etwas darüber wissen? Sowohl im Religionsunterricht als auch in meinem Theologiestudium hat man die heißen Eisen nie angefasst. Auch ich blieb immer mit meinen Fragen und Zweifeln allein. Man hat einfach niemanden, der einem einen Denkanstoß geben kann. Am allerwenigsten die Kirche (die treibt jeden selbstständig denkenden Menschen noch mehr in den "Unglauben"). Ja, ich muss sagen in den letzten Jahren bin ich immer mehr an meinen Zweifeln verzweifelt. Denn irgendwann fängt der Verstand an unablässig zu arbeiten. Das Gerüst, das man sich seit der Kindheit mühevoll zusammengwerkelt hat, bricht mit zunehmendem Alter zusammen wie ein Kartenhaus, Alternativen gibt es keine und zurück bleibt eine große Leere und absolute Unsicherheit.
Tja und nun habe ich mir halbherzig, vor allem für meinen Unterricht, ein paar Bücher rausgesucht. Unter anderem 3 von Christian Nürnberger (Grund: reißerische Titel (das zieht leider bei mir) und KEIN amerikanischer Autor (da bin ich dogmatisch)), von denen ich im Prinzip nicht viel erwartete, die ich wie alles, so ein bisschen quer las und dann immer mehr las und schließlich "Das Christentum" in zwei Tagen von vorne bis hinten las. Und ich war einfach nur glücklich. ENDLICH ein Buch, das die Zusammenhänge erklärt und nicht nur um den heißen Brei herum redet. ENDLICH verstehe ich wieder etwas. ENDLICH etwas, woran ich anknüpfen kann. Ich habe bei der Lektüre oft lachen müssen (mein Mann denkt ich lese ein Witzebuch), weil zum ersten Mal jemand MEINE Zweifel offen ausspricht: Ich bin also keine Abtrünnige, sondern komme vielleicht trotz meiner vielen Fragen doch noch ins Paradies - obwohl mein allerkatholischster Onkel mir schon mit 6 Jahren eröffnet hat, dass es sehr schwer ist, dorthin zu gelangen.
Was mir besonders gut an der Lektüre des Buches gefallen hat ist, dass ich vieles aus meinem Studium wieder erkannt habe, aber mir bisher die Zusammenhänge nicht klar waren. So, wie wenn man einzelne Perlen einer Kette hat und einer kommt und fädelt sie auf. Und übrigens finde ich Christian Nürnbergers Auslegung, was das Christliche sei, am christlichsten, was ich bis jetzt gelesen habe. Er beschreibt die radikalen Ansprüche Jesu an seine Nachfolger, aber er wird nie dogmatisch, weil Jesus einfach nicht dogmatisch ist!
Für mich ist dieses Buch wirklich ein Geschenk und ich habe wieder Hoffnung und vor allem richtig Lust die heißen Eisen wieder anzufassen!