Milorad Pavic ist immer gut für außergewöhnliche Romanformen -- man denke nur an seinen legendären Kreuzworträtsel-Roman. Aber mit dem "Chasarischen Wörterbuch" hat er sich selber übertroffen: Er bietet dem Leser nichts weniger als den scheinbaren Rohstoff unendlich vieler Handlungen, deren Rote Fäden er dennoch erkennen lässt. Die zugrunde liegende Idee ist so einfach, dass man erstmal draufkommen muss: Ein Lexikon als Roman, bzw. ein Roman als Lexikon!
Der Romanstoff besteht vordergründig aus Geschichte und Kultur der Chasaren, einem Volk, das tatsächlich existiert hat und über das die einschlägigen Lexika Erstaunliches berichten: Sie gründeten ein nicht nur für ihre Zeit (ca. 8. bis 12. Jh.) bemerkenswert tolerantes Reich, das in etwa das Gebiet der heutigen Süwest-Ukraine umfasste und in dem lange Zeit das Judentum Staatsreligion war -- unter großzügiger Duldung anderer Religionen. Da aber kein einziges schriftliches Dokument der Chasaren selbst erhalten ist, beruht alles heutige Wissen auf nicht-chasarischen Quellen.
Ein geheimnisumwölktes Volk also, wie geschaffen für all die Sagen und Legenden, die sich gern um magere Fakten ranken. Pavic hat aus diesen Sagen und legenden etwas ganz Neues geschaffen und damit d e n ultimativen Roman der Postmoderne geschrieben.
Die Vorgeschichte: Es geht zunächst und vor allem um ein verschollenes (fiktives!) Lexikon, das "Liber Cosri" oder "Chasarische Wörterbuch", das ursprünglich im "himmlischen Alphabet" verfasst und im Traum offenbart wurde -- die etwas profanere Version wurde 1691, je nach der Religion des betreffenden Teiles, in hebräischen, griechischen oder arabischen Lettern von einem gewissen Joannes Daubmannus gedruckt. Die vollständige Rekonstruktion des Originals würde den Menschen gottgleich machen (dagegen wiederum hat der Teufel höchstpersönlich Einwände).
Mit diesem Chasarischen Wörterbuch hat es natürlich seine Bewandtnis; es besteht nämlich aus drei verschiedenen, jeweils selbständigen Wörterbüchern: einem jüdischen, einem christlichen und einem islamischen Teil (daher die drei Sprachen) -- und außerdem ist es getrennt in weibliche und männliche Abteilung. Die Inquisition vernichtete alle Exemplare bis auf zwei -- das vom Drucker vergiftete goldene Exemplar, und das Kontrollexemplar mit silbernem Schloss...
In Pavics Roman geht es einerseits um Wörterbuch-Fragmente, die sich auf kruden Wegen erhalten haben: Sie wurden seinerzeit aus dem Hebräischen/Griechischen/Arabischen ins Lateinische übersetzt, und nun liest man die Übersetzung aus dem Lateinischen ins Serbokroatische (deutsche Leser können beruhigt sein: Bärbel Schulte hat das serbokroatische Exemplar kongenial übersetzt).
Außerdem gibt es noch drei Wissenschaftler, für jeden Wörterbuchteil einen, mit der jeweiligen Religion. Diese drei Wissenschaftler, jeder auf seine Weise eine skurrile Gestalt, treffen sich 1982 auf einem Kongress in Istanbul und wollen das Wörterbuch rekonstruieren (auf den Spuren dreier Vorgänger aus dem 17. Jahrhundert übrigens). Zwei von ihnen überleben das allerdings nicht lange.
Das alles aber nur am Rande. Man kann den Roman da zu lesen beginnen, wo man will; schließlich hat er die Form eines Lexikons. Natürlich handelt es sich bei den Lexikonartikeln nicht um dürre Faktenmitteilungen, sondern um seitenlange wortgewaltige historische Berichte, Legenden, Biographien usw. usw. -- alle aus der Feder Pavics. Allein diese Mosaiksteinchen sind allesamt kleine Meisterwerke. Aber es sind tatsächlich "nur" Mosaiksteine, das große Ganze (sofern man nicht lieber von unendlich vielen "großen Ganzen" ausgeht) konstruiert sich während des Lesens.
Man beginnt die Lektüre also bei einem beliebigen Stichwort, kann nun den Querverweisen folgen oder auch nicht, man kann sich innerhalb eines Wörterbuchteiles bewegen oder die Einträge der drei Religionen miteinander vergleichen (und sich auch da wieder durch weitere Verweise treiben lassen) -- kurz: Die Romanhandlung beginnt überall, und sie kann überall enden. Man erfährt auf dieser Tour einiges über die Chasaren -- der Serbe Pavic dürfte Anfang der 1990er Jahre nicht von ungefähr ein Volk thematisiert haben, das sich durch Toleranz auszeichnete... -- Man erfährt aber auch manches über die Verschrobenheiten des Wissenschaftsbetriebs, und man lernt, wie sich die Sollbruchstellen des Zusammenlebens verschiedener Kulturen womöglich intakt halten lassen.
Übrigens muss man nicht befürchten, sich im "Chasarischen Wörterbuch" zu verheddern und den Roman am Ende frustriert oder entnervt zuzuklappen. Pavic hat zahlreiche Fährten in seinem opus magnum gelegt, die aufzuspüren und denen nachzugehen ein Vergnügen der besonderen Art ist. Egal welcher Spur man folgt: Es ergibt sich immer eine ganz andere Geschichte mit ganz anderer Entwicklung und ganz anderem Schluss. Heraklit lässt grüßen: Man steigt nicht nur kein zweites Mal in denselben Fluss, nein, man liest auch kein zweites Mal dasselbe Buch.
Über diesen aberwitzigen Krimi, historischen Roman, über diese kabbalistische Studie, Liebesgeschichte, Legendensammlung, postmoderne Bestandsaufnahme (und was noch alles) kann man nur eines sicher sagen: Man wird es nie "ausgelesen" haben -- und das ist gut so.
Ein unglaubliches Buch, das ich jedem ans Herz lege, der von einem Buch mehr erwartet als "süffige Handlungen" und dergleichen.