Dubioses über Bush und das System
James H. Hatfields Biographie des Präsidenten
Seit je eignet sich der Präsident der USA zum Gegenstand von Diskussionen und Publikationen. Das liegt nicht zuletzt an der Machtfülle, die der Mann im Oval Office geniesst: Laut Gesetz ist er Staatsoberhaupt und Regierungschef, kombiniert also zwei Rollen, die in parlamentarischen Herrschaftsformen meist getrennt sind. Bringen Nachforschungen eines hartnäckigen Reporters den Exponenten in Misskredit, verfolgt die globale Zuschauergemeinde, durch Watergate sensibilisiert, das Drama wie den möglichen Niedergang eines Helden Shakespeares und genüssliches Schaudern dominiert. Heikel wird es aber, wenn die Glaubwürdigkeit des Rechercheurs in Zweifel zu ziehen ist. Denn dann geraten mehr als nur Einzelheiten ins Zwielicht. Dies gilt auch für James H. Hatfields Buch über George W. Bush. Ein Buch mit Geschichte Der Band, eine unautorisierte Biographie, konzentriert sich auf die Jahre Bushs in Texas, wo der 1946 geborene Patriziersohn 1994 Gouverneur wurde, ehe er 1998 die Wiederwahl gewann, um bald darauf den höchsten Posten der Vereinigten Staaten anzustreben. Hatfield nennt eine Reihe pikanter Details. Während jedoch zum Beispiel bekannt ist, dass Bush bis zum 40. Lebensjahr dem Alkohol sehr zusprach, will der Verfasser von drei anonym bleibenden Quellen erfahren haben, der Texaner sei 1972 wegen Kokainbesitzes verhaftet worden. Damit nicht genug: Vater Bush habe Seilschaften genutzt, um den Vorgang aus den Akten zu tilgen. 1999, kurz nach Auslieferung der Studie, kam heraus, dass Hatfield wegen Anstiftung zum Mord fünf Jahre in Haft gewesen war. Der Journalist beteuerte, man bringe ihn mit einem Namensvetter durcheinander einen Beweis blieb er schuldig. Und folglich beseitigte die New Yorker St. Martin's Press die 90 000 Exemplare des Titels. Ärger gab es ferner mit der andernorts herausgegebenen Neuauflage im Jahr 2000, wegen der von zwei Publizisten formulierten Einleitung. Ein weiteres Mal erschien die Arbeit mit renoviertem Prolog im Juni 2001, was wohl trotz allem eine Genugtuung für den Urheber war. Das Druckhaus der jetzt erhältlichen deutschen Ausgabe, der Bremer Atlantik-Verlag, teilt indes mit: Hatfield, «beruflich ins Aus gesetzt und wirtschaftlich ruiniert», hat sich am 18. Juli 2001 umgebracht. Kritik an Protektion Der Vorwurf des Drogenmissbrauchs, der auf breite Resonanz stiess, ist krass, und manche andere Anschuldigung klingt fadenscheinig unter anderem weil selbst Zitate nirgends genau belegt sind; stattdessen gibt es eine inkomplette Bibliographie, die extra zu bestellen oder online zu betrachten ist. Mithin wirken ellenlange Ausführungen darüber, wie Bush von Kindesbeinen an protegiert worden sei, eher von Sozialneid motiviert denn vom Wunsch, in nachvollziehbarer Weise Unredliches zu offenbaren. Dabei befasst sich die Veröffentlichung gewiss mit Bereichen der Neuen Welt, die kritikwürdig sind. Kaum jemand leugnet etwa, dass es jungen Leuten möglich war, kraft connections dem Vietnamkrieg zu entgehen. Man weiss: Die Absolventen der Elitehochschulen placieren ihren Nachwuchs gern ebendort. Niemand heisst es gut, wenn sich in einem Staat Konzerne über Spenden politischen Einfluss sichern. Und wer in diesen Breiten hätte gedacht, dass noch im Jahr 2000 im Hightechland USA archaische Wahlzettel zum Einsatz kommen (darauf rekurriert der Autor David Cogswell im Postskriptum)? Die Angriffe auf Einzelne das gesamte Umfeld der Bushs gerät schliesslich unter Beschuss sind freilich letztlich Unterstellungen; deshalb verpufft die damit oft verbundene Systemkritik. Jean Zieglers Lob Gänzlich ärgerlich wird es, wenn simple Angaben falsch sind: So ist die Courage des bewunderten Vietnamveteranen und Senators John McCain umstritten; so zählte das renommierte Internat Andover nie zu den Universitäten der Ivy League; und so ist Ewan McGregor kein amerikanischer, vielmehr ein schottischer Schauspieler. Ausserdem missfallen neben etlichen spröden Sprachgefügen die Kreationen blumiger Schülerpoesie, spürbar beispielsweise im Satz: «Der anhaltende Applaus der Menge schien die kalte, feuchte Luft zu erwärmen, die die Zeremonie der Amtseinführung einhüllte.» Derlei hielt Jean Ziegler, Uno-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, nicht davon ab, die mit zahllosen Schmähungen versehene Schrift in einer kämpferischen Vorbemerkung als «akribisch recherchiert» und «grossartig» zu bezeichnen. Keine Frage: Der Atlantik-Verlag hat sich mit ungewöhnlichen Texten, etwa mit vergessenen Romanen Schwarzamerikas, einen Namen gemacht. Diesen setzen die Verantwortlichen allerdings mit dem «Bush-Imperium» nun aufs Spiel. Thomas Leuchtenmüller