Das Wiener Burgtheater ist in Österreich eine Art Nationalheiligtum und war immer umstritten. Die Herausgeber Klaus Bachler und Klaus Dermutz widmen der Geschichte des Burgtheaters das Sachbuch "Das Burgtheater 1955 - 2005", das in der Reihe "edition burgtheater" zum 50-jährigen Jubiläum der Neueröffnung des Theaters erschienen ist. Der Schwerpunkt des Buches liegt auf der Reflexion der NS-Zeit sowie auf den Inszenierungen des Burgtheaters nach 1955. So ist es die Intention von Klaus Dermutz, eine "politische Geschichte des Burgtheaters" zu schreiben.
Ein Essay vom jetzigen Direktor des Burgtheaters, Klaus Bachler, beschäftigt sich mit den Aufgaben des Burgtheaters im 21. Jahrhundert. Dabei reflektiert Klaus Bachler aber auch seinen eigenen Lebenslauf und seine Arbeit als Direktor selbst. Seine Aufgabe definiert er folgendermaßen: "Ich bin als Burgtheater-Direktor dazu da, den Leuten Lust zu machen." Anschließend beschreibt Klaus Dermutz die Geschichte des Burgtheaters. Da das Burgtheater 1955 mit Schillers "Prolog zu Wallensteins Lager" nach Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wiedereröffnet wurde, beginnt der Autor mit einer Beschreibung der verschiedenen "Don-Carlos"-Inszenierungen von Schiller über die Jahre. Auch Inszenierungen aus dem 19. Jahrhundert werden darin beschrieben, so die von 1879, in der "Don Carlos" in großer Pracht präsentiert wurde. Der Autor geht ebenso auf eine "Don-Carlos"-Inszenierung während der NS-Zeit ein, der Joseph Goebbels beiwohnte. Der Schauspieler Ewald Balser sprach die Worte "Geben Sie Gedankenfreiheit, Sire" seines Bühnencharakters Posa in Richtung Goebbels, was beinahe einen Skandal auslöste, beim Publikum aber gut ankam.
Während des Nazi-Regimes leistete das Burgtheater-Ensemble den Anordnungen der Regierung Folge und übte keinen Widerstand aus. Bereits 1933, als Österreich noch frei war, wurde das Stück "Hundert Tage" von Benito Mussolini und Giovacchino Forzano aufgeführt. Nach der Annexion Österreichs 1938 standen alle Aufführungen im Dienst der NS-Ideologie. 1943 wurde beispielsweise die Inszenierung von "Der Kaufmann von Venedig" von William Shakespeare im Ausland als "antisemitische Hetze" kritisiert.
Am 12. April 1945 brannten die Innenräume des Theaters, so dass das Burgtheater weitgehend zerstört wurde. Das Ensemble musste auf andere Häuser wie das "Ronacher" ausweichen. Mehr als zehn Jahre lang wurden dort die Stücke des Burgtheaters aufgeführt, was vom Ensemble als Exil angesehen wurde. Am 14. Oktober 1955 konnte schließlich der Wiederaufbau des Burgtheaters am Ring, der über zehn Millionen Euro gekostet hatte, gefeiert werden. Im Anschluss daran beschreibt Klaus Dermutz die Inszenierungen, die im neuen Burgtheater bis heute stattgefunden haben mit berühmten Schauspielern wie Klaus Maria Brandauer und Bruno Ganz oder berühmten Regisseuren wie Luc Bondy und Peter Zadeck. Durch diese Schauspieler und Regisseure wurde das Burgtheater auch über die Grenzen Österreichs hinaus bekannt.
Der Titel des Buches "Das Burgtheater 1955 - 2005" ist etwas missverständlich, da darin ja vor allen Dingen die Geschichte während der NS-Zeit beschrieben wird. Klaus Dermutz ist allerdings der Ansicht, dass die Geschichte nach der Neueröffnung nur im Hinblick auf die NS-Zeit erklärt werden kann. Der Autor geht dabei auch auf die künstlerischen Aspekte der jeweiligen Inszenierungen ein und liefert so einen detaillierten Einblick in die Geschichte des Burgtheaters. Denn geschichtliche Veränderungen spiegeln sich auch immer in den Inszenierungen wider. Am Ende des Buches, das unter Mitarbeit von Karin Bergmann entstand, finden sich ein Literaturverzeichnis, ein Verzeichnis der Inszenierungen sowie ein Personenregister.
Viele Schwarzweißfotos zeigen die verschiedenen Schauspieler und Regisseure, die das Burgtheater berühmt machten. Die meisten Fotos präsentieren die Schauspieler auf der Bühne und machen deutlich, wie verschieden die Inszenierungen voneinander sein können. An zwei Stellen im Buch finden sich "Burgtheater Impressionen", Farbfotografien von Georg Soulek und Reinhard Werner, die das Burgtheater von heute von innen und außen als eine Art Stillleben zeigen.
"Das Burgtheater 1955 - 2005" ist ein informatives Buch, in dem man viel über die österreichische Theatergeschichte sowie die Inszenierungen des Wiener Burgtheaters erfahren kann. Ein Muss für alle Liebhaber des weltbekannten Theaters!