"Amor Omnia Vincit - die Liebe überwindet alles". Mit diesen Worten beginnt Enquists nur stellenweise biografisch belegter Roman über Blanche Wittman, Ende des 19. Jahrhunderts "Medium" des berühmten Nervenarztes Charcot, später Assistentin Marie Curies, und eben jene zweifache Nobelpreisträgerin Marie Curie.
Der nicht namentlich erwähnte Erzähler, aber offensichtlich Schwede wie der Autor Enquist, reflektiert auf sehr empathische Weise Aufzeichnungen Blanche Wittmans, in denen sie sich auf die Suche nach der Natur der Liebe begibt. Dabei werden dem Leser Leben und Liebesbeziehungen der beiden Hauptpersonen in einer Zeit enormer wissenschaftlicher Umbrüche, teils durch Erzählerbericht und -reflexion, teils durch Blanche Wittman selbst in ihren "Erinnerungen" erfahrbar gemacht.
Alles in diesem Roman dreht sich um das Phänomen der Liebe. Wer jedoch auf Grund des ersten Satzes auf die Bestätigung der These wartet, wird sehr schnell eines Besseren belehrt: "Die Liebe überwindet alles, als Arbeitshypothese, oder innerster Schmerzpunkt." (S.9)Von Anfang an wird klar gestellt, dass Blanches Fragen (Sie selbst nennt ihre aus drei Teilen bestehenden Aufzeichnungen "Fragebuch".) zum Wesen der Liebe nicht beantwortet werden können - und wiederholt darauf bestanden, es doch wenigstens versuchen zu müssen: "Als ich ein Kind war, wie ein Kind sprach und kindliche Gedanken hatte [...],war das Evangelium eine Liebesbotschaft, und alle Liebe war teils geboten, teils verboten. Das schuf die Verlockung, die explosiv war und daher tödlich. Die Liebe und der Tod waren verknüpft, wir konnten uns nicht befreien. Alle sprachen von der Liebe, doch niemand erklärte sie. Sie war auch die größte Sünde. Da darf man nicht aufgeben.[...]wer wären wir, wenn wir es nicht versuchten?" (S.41)Diese letzte Frage wiederholt Blanche mehrmals. Liebe und Schmerz, Liebe und Tod - in Blanches Liebesgeschichte mit ihrem Arzt Prof. Charcot spiegeln sich diese Motive genauso wider wie in Marie Curies (Liebes)Leben. Erfüllte Liebe ist nicht Thema des Romans. In Enquists Roman wird das Motiv der Liebe jedoch nicht nur an den schmerzlichen individuellen Liebeserfahrungen der Curie und der Wittman "analysiert", sondern gleichsam übertragen auf die Liebe, die Leidenschaft zur Wissenschaft. Beide Frauen leben in einer Zeit der wissenschaftlichen "Revolution", des Umbruchs zur Moderne und sind verantwortlich/beteiligt für/an die/der Entdeckung des Radiums.Beide Frauen bezahlen für ihre Arbeit mit ihrer Gesundheit und ihrem Leben.
Enquists Roman liefert darüber hinaus Einblicke in eine spannende und widersprüchliche Zeit, in der Wissenschaft und Fortschritt zu gesellschaftlichen "Stars" avancierten, z. T. und auf schlimmste Weise auch auf Kosten von Frauen. Der Feminismus steckte noch in den Kinderschuhen. An beiden Frauen, Blanche und Marie, wird auch diese Geschichte erzählt.
Es ist die Geschichte zweier unkonventioneller, mutiger und starker Frauen, die in einer für sie widrigen Zeit ihren Anspruch auf ihre Art zu leben und zu lieben auf schmerzlichste Weise durchleben müssen. Aber sie geben nie auf und sie zerbrechen nicht. Und also scheint die anfangs aufgestellte These in gewisser Weise doch bewiesen? Das muss der Leser wohl selbst entscheiden oder hinterfragen.
Für mich ein bemerkenswertes Buch!, das sehr komplexe Themen sensibel, berührend und überhaupt nicht sentimental anspricht. Wer sich die Mühe macht, sich auf diese anspruchsvolle (auch stilistisch!)Lektüre einzulassen, wird wahrscheinlich mit mehr Fragen zurückbleiben, als er sie vor dem Lesen hatte, auf jeden Fall aber auch um unzählige Anstöße und Eindrücke reicher sein!