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Das Buch vom Es: Psychoanalytische Briefe an eine Freundin
 
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Das Buch vom Es: Psychoanalytische Briefe an eine Freundin [Taschenbuch]

Georg Groddeck , Wolfram Groddeck , Samuel Müller

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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Das Buch vom Es und das Buch des Ichs Georg Groddeck in einer aufwendigen Edition Als Sigmund Freud 1923 in «Das Ich und das Es» sein bisher «topologisches» Modell des psychischen «Apparats» (Unbewusstes – Vorbewusstes – Bewusstes) durch das «strukturell» genannte (Es – Ich – Über-Ich) ersetzt und dabei den Terminus «das Es» einführt als Ausdruck für die «unbekannten, unbeherrschbaren Mächte», von denen wir, unser «passives Ich», « ‹gelebt› werden», da nennt er Georg Groddecks gerade zuvor erschienenes «Buch vom Es» als Quelle. Schon in seiner 1909 publizierten Schrift «Hin zur Gottnatur» hatte Groddeck (1866–1934, Arzt, «Vater» der psychoanalytisch orientierten Psychosomatik, seit 1900 Leiter des Sanatoriums «Marienhöhe» in Baden-Baden, Herausgeber der fast namensgleichen Sanatoriumszeitschrift «Satanarium», Erzähler und Romanautor) verkündet: «Es gibt gar kein Ich, es ist eine Lüge, eine Entstellung, wenn man sagt: ich denke, ich lebe. Es sollte heissen: es denkt, es lebt. Es, nämlich das grosse Geheimnis der Welt.» «Wilder Analytiker» Ein orthodoxer Freudianer war der genialische Autodidakt und Wissenschaftsverächter Groddeck freilich nie gewesen, vielmehr nach eigenem Bekenntnis seit je ein «wilder Analytiker». So nimmt es denn kaum Wunder, dass bei Freud auf das Zuckerbrot der Anerkennung einer Priorität unverzüglich die Peitsche in Gestalt einer Anmerkung folgt: Groddeck seinerseits steht für Freud wie alle Zwerge auf den Schultern von Riesen, in diesem Fall von Nietzsche, den Freud angeblich zwar nie richtig gelesen hat, von dem er aber nichtsdestoweniger weiss, dass «dieser grammatikalische Ausdruck» (das Es) bei ihm «für das Unpersönliche und sozusagen Naturnotwendige in unserem Wesen durchaus gebräuchlich ist». Verständlich, dass die beliebte Prioritätsforschung sich unter diesen Umständen nicht lumpen lassen wollte. So wie sie dem angeblichen «Nachdenker» Freud nachwies, nicht er habe das Unbewusste entdeckt, so ist sie beim «Es» vor Groddeck und Nietzsche bei etlichen anderen Autoren fündig geworden: bei Lichtenberg und Karl Philipp Moritz, bei Sulzer und Herder, Lessing und Goethe, Mesmer und Carus, Jean Paul und Büchner, Schopenhauer und Eduard von Hartmann . . . Nimmt man noch hinzu, dass bei Groddeck das «Es» auf dem Hintergrund eines monistisch-pantheistischen Welt- und Menschenbildes weit über das Psychische ins Organische und Somatopsychische, ja tief in den Grund der «Gottnatur» reicht, so sind die Bezüge Groddecks zur romantischen Naturphilosophie und zu ihren Ahnen im aufklärenden 18. Jahrhundert näherliegend als diejenigen zu Freuds psychoanalytischem Begriff. Auf diesem Hintergrund sind zwischen Groddeck und Freud von vornherein nur ambivalenteste Beziehungen zu erwarten. Eitelkeiten Die umfängliche kommentierte Edition, die jetzt Samuel Müller in Verbindung mit dem Groddeck-Nachfahren Wolfram Groddeck vom «Buch vom Es» einschliesslich einer aufwendigen Manuskriptedition vorlegt, gibt dieser Erwartung reichlich Nahrung. Freud zu Weihnachten 1922 an Groddeck: «Ich denke, Sie haben das Es (literarisch, nicht assoziativ) von Nietzsche hergenommen. Darf ich das auch so in meiner Schrift sagen?» Groddeck revanchiert sich gegenüber seiner zweiten Frau Emmy am 15. Mai 1923: «‹Das Ich und das Es› ist hübsch, aber für mich gänzlich belanglos. Im Grunde eine Schrift, um sich der Anleihen bei Stekel und mir heimlich bemächtigen zu können. Dabei hat sein Es nur bedingten Wert für die Neurosen. Er macht den Schritt in das Organische nur heimlich . . .» Das «Läuslein», das Groddeck über die Seele kriecht, ist «eine gewaltige Laus». Im Übrigen: Wie Freuds «Anerkennung belebt», so «tötet» sein «Tadel». Im «Buch vom Es» selber liegt die «Eitelkeit» fortwährend mit dem Werben um Freuds Anerkennung im Kampf. Die Eitelkeit verlangt durchaus danach, «des Höchsten Kind zu sein»: Welches Kind stammt schon gerne von seinen Eltern statt von den Göttern ab? Aber eben die Eitelkeit erschwert auch die Beschäftigung mit der wissenschaftlichen Psychoanalyse. Auf dem Hintergrund dieses wissenschaftspsychologischen Dramas kommt der Leser freilich eher bei Freuds Narzissmus-Theorie als bei Groddecks «Gottnatur» an. Darüber hinaus ist bei dieser Edition die Frage – das wäre die gleichsam metaeditorische Pointe –, ob nicht nur die beiden Es-Entdecker und -Konkurrenten, sondern auch wissenschaftliche Editionen ihren Beitrag zur Förderung des Narzissmus leisten. Dem «Buch vom Es» wird hier die Ehre einer philologisch aufwendigen und arbeitsintensiven Ausgabe angetan, wie sie der in diesen Dingen höchst erfahrene Stroemfeld-Verlag sonst Hölderlin, Kleist, Keller, Kafka angedeihen lässt. Vielleicht ist das bei aller Bewunderung für Groddeck doch etwas zu viel des Guten. Andererseits hat gerade in der Psychoanalyse der editorische Blick auf die Varianten, das Verworfene, das Korrigierte, das doppelt Unterstrichene, erhöhte Bedeutung. Man muss nicht wie Groddeck von entfesseltem Deutungsfuror besessen sein, um mit gleichschwebender philologischer Aufmerksamkeit zu registrieren, dass in den gestrichenen Varianten die «Eitelkeit» durchweg als «Selbstbefriedigung» traktiert wird. Schritt für Schritt kann man dieser Edition entnehmen – das ist nicht ihr geringstes Verdienst –, dass selbst die «Gottnatur» mit sehr menschlicher Stimme, selbst das «Es» sehr persönlich und durchaus ichhaft spricht. Ludger Lütkehaus

Über den Autor

Wolfram Groddeck ist Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Zürich, ist Präsident der "Robert Walser-Gesellschaft" in Zürich und Stiftungsrat der historisch-kritischen Gottfried Keller-Ausgabe in Zürich.

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