"1961 hat das Bundesgericht den von Felix M. Wiesner verlegten buddhistischen Roman JOU PU TUAN als "Pornographie" zur Verbrennung verurteilt. 1974 sollte der taoistische Roman DSCHU-LIN-YÄ-SCHI dasselbe Los erleiden. Dabei weht in diesen chinesischen Romanen eine Lebensweisheit, die uns heute nottut und wohltut. Tief besorgt über unsere dürftige Spätzeit erhebt der engagierte Verleger seine Stimme".
So der Klappentext der Streitschrift "Vom Tao der Hoffnung auf das alte China" von Felix M. Wiesner. Der schweizer Verlag "Die Waage" hat schon mehrfach mit Büchervebietung und -verbrennung gemacht - weil die verlegten Werke der Moral abträglich seien.
Die Zersetzung der Moral und des Anstands sind aber nur ein Grund, warum Bücher in allen Zeiten verboten wurden. Werner Fuld sammelt in seinem überaus lesbaren und einsichtigem Buch diverse andere Gründe und Beispiele dafür. Von der Angst der politischen Aufstachelung im monarchischen Frankreich und zaristischen Russland, über die Sorge um Machtverlust der katholischen Kirche durch Wissensbildung in den Unterschichten durch Lektüre seit den Zeiten des römischen Imperiums, bis hin zu Selbstzensur bei Verlagen und auch Autoren auf freiwilliger und erzwungener Basis findet sich ein buntes Panoptikum des Umgangs mit unliebsamem Schrifttum. Die DDR, die Bundesrepublik, die Vereinigten Staaten und auch der arabische Sprachraum bekommen ihr Fett weg; China ist, obwohl auf dem Klappentext hervorgehoben, nur durch wenige Randbemerkungen erwähnt, weswegen ich zur Einleitung dieser Rezension ein Beispiel gewählt habe, was mir am Herzen liegt und nicht in Fulds Buch auftaucht. Dass man heutzutage sowohl die schlimmen Jou Pu Tuan und andere, ehemals verbotene Werke frei beziehen kann, spricht für Fulds These, dass Verbote nie gewirkt haben, im Gegenteil - sie haben die verbotenen Werke erst interessant gemacht, teilweise sogar, obwohl sie in Wahrheit teilweise "schrecklich langweilige Epen" (S. 23) waren. Die Verbrennung war nur das äußerste Mittel, Bücher ungelesen zu halten; Sekretierung und Wegsperrung funktionierten eigentlich genauso gut (oder schlecht).
Der Autor hält seine Meinung nicht hinter dem Berg und wählt eine klare Sprache: Von "Dummköpfen" und "Ignoranten" ist da die Rede, von "erschreckender Inkompetenz" und "reaktionären Scharfmachern" - diese amüsante, witzige und mit frechen Anspielungen gespickte Schreibe macht das Buch zu einer sehr unterhaltsamen und kurzweiligen Lektüre, die hauptsächlich aus Anekdoten besteht. Ein Beispiel gefällig? Mein Lieblingszitat von Seite 169:
"Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs fielen im freien Europa die Zensurgesetze. In ganz Europa? Nein! Die von unbeugsamen Katholiken bewohnte Enklave Irland leistete dem Eindringen der Kultur weiterhin energischen Widerstand. Eine Liste der in Irland auch nach 1945 verbotenen Bücher ergäbe ein Lexikon der Weltliteratur. Mit dem protestantischen Massachussetts konkurriert dieser Hinterhof des Vatikan um den kulturell am weitesten zurückgebliebenen Ort der zivilisierten Welt."
Die Hardcover-Ausgabe des Galiani-Verlags gefällt auf jeder Ebene: Ein sehr schön gestaltetes Cover mit geprägten Zensurstrichen, dickes Papier und ein angenehmes Druckbild mit viel Weißraum.
Eine hochinteressante Lektüre, die gerade in Zeiten, in denen die Freiheitsrechte weniger vom Staat als von Konzernen und der Wirtschaft eingeengt werden, aktuell ist; und darüber hinaus auch für jeden Leser, der sich für das Lesen an sich interessiert.