Der große Soziologe Pierre Bourdieu hat wesentlich dazu beigetragen, dass auch vermeintlich harmlose Gewohnheiten des Beamten- und Kleinbürgertums in den Blickwinkel forschender Beobachter gerieten. Das hatte unter anderem zur Folge, dass sich die Menschen nicht mehr so einfach in gute und böse einteilen ließen, wie das viele gerne hätten, um ihre eigenen Laster zu rationalisieren. Und auch Wolfgang Sofsky, bis 2000 Professor für Soziologie in Göttingen und Erfurt und heute Privatgelehrter sowie Autor, vertritt die Ansicht, dass dem wahrhaft Bösen wenig spektakuläre Untugenden und Verirrungen vorausgehen. Solche seelischen Dynamiken und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft besser verstehen zu können, ist das Anliegen dieses Buches. Der Autor von "Die Ordnung des Terrors. Das Konzentrationslager", für das er den Geschwister-Scholl-Preis erhielt, geht davon aus, dass das Projekt der moralischen Verbesserung des Menschen nicht zuletzt deshalb weitgehend gescheitert ist, weil wir eigentlich gar nicht wissen möchten, weshalb Menschen einander Schaden zufügen. Denn dieses Wissen würde auch unser Selbstbild erschüttern.
Wolfgang Sofsky hat den Kanon der üblichen Lasterkategorien auf achtzehn Verhaltensmuster ausgedehnt. Ihre Aufzählung ist gleichbedeutend mit dem Inhalt. Es ist also die Rede von: Gleichgültigkeit, Vulgarität, Trägheit, Selbstmitleid, Feigheit, Torheit, Starrsinn, Habgier, Geiz, Maßlosigkeit, Neid, Ungerechtigkeit, Geltungssucht, Hochmut, Unterwürfigkeit, Zorn, Hinterlist und Grausamkeit. Wer der Ansicht ist, keines dieser Laster treffe auf ihn zu, sollte mit der Lektüre gar nicht erst beginnen, da ihm die Abwehrkräfte wohl schon im Kapitel Gleichgültigkeit das Wesentliche verbergen. Sätze wie "Die Geste ersetzt die fehlende Gebärde, so dass oft nur schwer zu erkennen ist, ob ein Gefühl ausgedrückt wird oder lediglich dargestellt wurde. Die Übertreibung ist nur Fälschung und Heuchelei" werden an selbstgerechten, gleichgültigen Lesern abprallen wie Regentropfen auf einem Neoprenanzug.
In diesem Buch wird Klartext gesprochen. Der Autor scheut nicht davor zurück, Tugendwächtern, Moralaposteln und selbst ernannten Gutmenschen den Spiegel ihrer eigenen Fehlbarkeit vorzuhalten. Aber da Wolfgang Sofsky nicht die Rolle eines Richters, sondern des Soziologen einnimmt, interessieren ihn vor allem die unscheinbaren Zwischenglieder, die für gewisse Handlungsketten unabdingbar sind. Ohne selber der Gleichgültigkeit zu verfallen, überlässt es Wolfgang Sofsky meistens dem Leser, wir er das Beobachtete und in Sprache Übersetzte moralisch interpretieren soll. Diese Mischung aus prägnanten, oft sogar schroffen Formulierungen und Verständnis für menschliche Schwächen finde ich außergewöhnlich und im positiven Sinn irritierend. Dem Autor ist das mich abschreckende Soziologendeutsch offenbar ebenfalls ein Gräuel. Es würde mich allerdings nicht überraschen, wenn seine alltagssprachlichen Formulierungen bei vielen Berufskollegen auf Unverständnis stoßen. Um ihnen gleich einen Eindruck zu geben, was sie erwartet, gebe ich einige Kostproben: "Wer glaubt, sich für die ganze Welt verantwortlich zu fühlen, vergisst häufig seinen Nachbarn. - So groß ist die Zahl der Gleichgültigen, dass der Ort ihrer Bestimmung schon jetzt überbevölkert ist. - Längst ist der Vulgäre hof- und gesellschaftsfähig. - Weder mit dem Grobian, noch mit dem Lümmel ist der Rüpel zu verwechseln. - Viele Gesellschaften halten sich Fachleute zur Verbreitung von Torheit. - In den Wohlfahrtsstaaten der Gegenwart wird das Wort "Ungerechtigkeit" häufig als Kampfparole missbraucht. - Immer ist sich der Lügner seiner Schandtat bewusst."
Die Träger einzelnen Laster werden von Wolfgang Sofsky so anschaulich und präzis beschrieben, dass man sie sieht, spürt, hört und riecht. Und es ist diese seltene Qualität, die mich von Seite zu Seite zog. Dennoch ist das Buch so konzipiert, dass man es nicht von vorne nach hinten zu lesen braucht, sondern einfach irgendwo aufschlagen kann. Allerdings sollte man der Versuchung trotzdem nicht erliegen, einzelne Sätze zu isolieren und auf Etiketten zu schreiben, die man irgendwem anhängen will. Denn nochmals, es geht primär um das Verstehen, nicht um das Verurteilen.
Mein Fazit: Obwohl mich der Titel nicht eben ansprach, schaffte es der Autor gleich mit den ersten Sätzen, mich für sein Anliegen zu gewinnen, das menschliche Wesen und Unwesen näher zu erkunden. Der weitgehende Verzicht auf akademische Theorien und die sonst üblichen Terminologien der Soziologen verwirrte zuerst, ist aber einer der wichtigsten Gründe, weshalb mir die Lektüre so leicht fiel. Wer sich und andere besser kennenlernen will, mit langweiligen Positivdenkern wenig am Hut hat und Freude an hoher Sprachkunst hat, wird dieses Buch ebenfalls mit Genuss lesen und mögen.