Zadie Smith hat in diesem Buch 21 Short Stories zusammengestellt, wobei der Erlös der Organisation "826 New York" zugute kommt. Das Ziel dieser Non-Profit-Organisation ist es, junge Menschen zum Schreiben zu animieren. Die Vorgabe an die Autoren, die ohne Honorar schrieben, war: Erfindet jemanden. Weiter Vorgaben gab es für die alle aus dem englischen Sprachraum kommenden Autoren nicht und so ist eine Sammlung von Short Stories mit unterschiedlichsten Charakteren und vielfältigen Szenarien entstanden.
Manche Protagonisten lernt der Leser durch die Sichtweise anderer handelnden Personen kennen, manche nur durch ihre Innenansicht (ein besonders schöner innerer Monolog mit überraschendem Ende ist Heidi Julavits mit "Richterin Gladys Parks-Schultz" gelungen). Andere Short Stories sind sehr handlungs- und dialogreich, wie "Soleil" von Vendela Vida.
Viele Figuren sind so lebendig, vielschichtig und authentisch angelegt, dass es leicht fällt, sich einzufühlen, auch wenn man die Charaktere nur wenige Seiten begleitet. Einige Short Stories, wie beispielsweise "Gideon" von ZZ Packer, bleiben rätselhaft und lassen Spielraum für die Fantasie.
Durch eine sehr bildhafte, fast poetische Sprache mit Rückblicken und Rückbesinnung bestechen "Frank" von A.L. Kennedy und "Donal Webster" von Colm Tóibín. Von beiden Figuren habe ich mich mit Bedauern verabschiedet.
Zadie Smith gelingt mit "Hanwell sen." eine sehr verdichtete Geschichte. Auf knapp dreizehn Seiten erzählt sie eine Familiengeschichte, einen Vater-Sohn-Konflikt, der sich über sieben Jahrzehnte erstreckt.
Sehr gut gefiel mir auch die tragikomische Story "Judith Castle" von David Mitchell, in der eine selbstbewusste, bewunderte Mitfünfzigerin als traurige, einsame Person entlarvt wird.
Nick Hornby hat mit seinem fiktiven Autor "J. Johnson" einen satirischen Blick auf das Verlagswesen geworfen. Illustriert mit kleinen Bildern des alternden Autors liest man die sich mit der Zeit wandelnde Biographie des Autors.
So vielfältig diese Charaktere auch sind, haben sie doch meist gemein, dass es sich um gescheiterte Existenzen handelt. In ihrem Leben hat es einen Bruch gegeben (in "Frank" einen Film-Riss im doppelten Sinne), die Personen fühlen sich hilf- und ratlos, müssen sich neu orientieren. Die Charaktere sind tragisch, rätselhaft, einsam, außergewöhnlich, Außenseiter, dem Wahnsinn nahe oder auch einfach nur komisch.
Die von Zadie Smith herausgegebene Anthologie zeigt, dass es so viele Möglichkeiten der Charakterdarstellung wie Autoren gibt. Es erstaunt, wie unterschiedlich die Autoren das Thema angegangen sind. Allein schon der individuelle Erzählstil macht jede Short Story zu etwas besonderem.
Leider sollte man erwähnen, dass von den auf der Rückseite des Buches angekündigten 21 brandneuen Stories zehn bereits zuvor anderweitig veröffentlicht wurden.