Der italienische Regisseur Federico Fellini (1920-1993) zählt zu den ganz Großen der Filmgeschichte. In seiner 40jährigen Karriere inszenierte er zwanzig Filme, von denen einige - wie "La Strada - Das Lied der Straße" (1954), "La dolce vita - Das süße Leben" (1960) oder "Ginger und Fred" (1980) - Weltruhm erlangten. Wie kaum ein zweiter Regisseur prägte er einen unverwechselbaren eigenen Filmstil. Ob er neorealistische oder surrealistische Sujets aufgriff, stets waren seine Filme äußerst individuell. Die Liste der Preise, die er für sein Filmwerk bekam, ist endlos lang. Insgesamt 12mal wurde er für den Oscar nominiert, gewann ihn jedoch nur zweimal.
In einem opulenten Bildband stellt nun die Collection Rolf Heyne den berühmten Künstler von einer anderen Seite vor. Über achtzehn Jahre lang hatte Fellini seine Träume und Albträume akkurat aufgeschrieben und mit unzähligen fantasievollen Zeichnungen illustriert. Mit seinem "Buch der Träume" wagte sich Fellini in das Universum seiner Träume vor. Sein Mentor, der Psychoanalytiker Ernst Bernhard, hatte ihn geraten, dass man diese "nächtliche Arbeit" nicht ungenutzt dahinschwinden lassen dürfe.
Auf über 400 großformatigen Seiten führte Fellini sein Traumtagebuch. "Am Abend konnte ich es kaum erwarten, ins Bett zu gehen. Die Vorführung begann", bekannte er später einmal in einem Interview. Die Träume spiegeln in erster Linie sein Leben und seine Arbeit wider. Seine Frau Giulietta, Kollegen, Freunde und sonstige Persönlichkeiten - sie tauchen in seinen Traumnotizen immer wieder auf. Die Indexaufstellung am Ende des Buches listet immerhin über 200 Namen auf.
In Fellinis Träumen ist von Krankheit und Tod die Rede, von Reisen, Filmprojekten und natürlich von Frauen und Sex. Immer wieder bevölkern üppige Rubensfrauen seine Bilder, die eine Mischung aus Comic und Karikatur sind. Sie illustrieren aber nicht nur den Text sondern setzen die Worte quasi in Bilder um. Seine Traumprotokolle sind eine kompromisslose Gedankenwelt, die sich dem Leser und Betrachter da offenbart. Mitunter irritiert diese Schonungslosigkeit, doch der Faszination der Fellini'schen Traumwelt tut das keinen Abbruch.
Dem vollständigen Faksimile schließt sich eine fast 100seitige deutsche Übersetzung (Abschrift) der Träume und Phantasmen an. In einem informativen Vorwort gehen die Herausgeber auf die Entstehungsgeschichte des Traumbuches und die Schwierigkeiten bei dessen Veröffentlichung ein. Seit Mai 2005 wurden die Aufzeichnungen gründlich analysiert und Spezialisten versuchten, die Träume aus historischer und philologischer Sicht zu deuten.
Frederico Fellini - der ewige Träumer? Seine Traumnotizen geben jedenfalls einen wunderbaren Einblick in sein Innenleben und verfolgen außerdem seinen künstlerischen Reifeprozess. Sie sind eine einzigartige Autobiografie - oder sollte man sagen: ein außergewöhnliches Testament, das dem Leser und Betrachter den Zugang zum Intimsten eines Menschen, seinen Träumen, gewährt.
Manfred Orlick