Ein Buch mit 800 Seiten, ebensovielen Abbildungen und knapp 350 Texten, an denen eine Heerschar von Autoren über 13 Jahre hinweg gearbeitet hat. Das klingt nach Superlativen! Wenn da nicht der Einwand wäre, dass eigentlich ein jedes der hier vorgestellten Symbole ein eigenes Buch erfordern würde; und dieser stammt von keinem Geringeren als Carl Gustav Jung, auf dessen tiefenpsychologischem Ansatz die vorliegende Enzyklopädie basiert.
Im Vorwort geht die Herausgeberin denn auch auf Jungs Skepsis gegenüber Symbollexika ein und erläutert sogleich, wie das Problem umgangen wurde: Indem für jedes Symbol ein konkretes Bild ausgewählt wurde, das für sich selbst spricht. Dabei konnte das Autorenteam auf ein Archiv von 17.000 Bildern zurückgreifen, eine Sammlung die auf die legendären Eranos-Tagungen in Ascona zurückgeht, wo sich Jung mit Koryphäen aus aller Welt interdisziplinär auszutauschen pflegte.
Naturgemäß unterscheiden sich die Texte hinsichtlich Stil und inhaltlicher Tiefe. Eine erschöpfende Darstellung darf man nicht erwarten, wohl aber einen inspirierenden Umgang mit Symbolen aus Kunst, Mythologie und Religionen aus aller Welt. Dieser ist den Herausgebern auf hervorragende Weise gelungen.
Anstelle einer starren alphabetischen Ordnung lädt der Band zum Blättern und Schmökern gleichermaßen ein, indem verschiedene thematische Abteilungen mit jeweils eigenem Lesebändchen und ausgestanztem Griffregister zum Lesen verführen wollen. Ein ausführliches Register tut ein Übriges, um zur Nutzerfreundlichkeit des Wälzers beizutragen.
Bemerkenswert ist (bei Tiefenpsychologen und Symbolforschern eher ungewöhnlich!) die Aufnahme zahlreicher qualitativ hochstehender zeitgenössischer Kunstwerke. Aber auch unter den traditionellen Bilddarstellungen dürfte selbst auf Kenner der Materie noch manche Entdeckung warten.
Dem Herausgeber wie dem TASCHEN Verlag ist ein großes Lob auszusprechen - für einen Wälzer, der, weder trockene theoretische Abhandlung noch bloßes Bilderbuch, seinesgleichen sucht. Der Band liegt in der Hand wie ein Ziegelstein, jedoch einer, dessen Innenleben wahre Wunder offenbart.
*
P.S.: Als besonderes Schmankerl liegt für 2012 ein schön bebilderter Abreisskalender vor, der jeden Tag aufs Neue Lust macht, das Gesehene im Buch nachzuschlagen. (Ein kurzes inhaltliches Stichwort, eventuell mit Seitenverweis wäre dabei allerdings hilfreich gewesen.)