Ich habe dieses Buch auf Englisch gelesen - es zählt zu den großen Leseereignissen in meinem literarischen Leben.
Ich kann keine Inhaltsangabe oder Kritik schreiben, die schnelle Information liefert und zum Kaufen dieser Lektüre animiert. Zu weit gefasst, zu groß sind die thematischen Bereiche dieses Buches, zu komplex, in menschlich-sozialer wie auch historisch-soziologischer Hinsicht zu einzigartig.
Ich kann lediglich versuchen, meine Eindrücke wiederzugeben, lediglich die ungeheure Fülle an personenbezogenen und zeitgeschichtlichen Ereignissen 'anreißen'.
Gottfried Kellers 'Grüner Heinrich' kam mir bei Byatts Lektüre in den Sinn, ein 'Entwicklungsroman', wie man das nennt, auf hohem literarischen Niveau, immer noch ein Muss für alle, die sich mit Literaturgeschichte befassen und dies nicht nur. In Byatts Roman sind es verschiedene Figuren, die sich über einen bestimmten Zeitraum hinweg entwickeln, beginnend im (noch) viktorianischen Zeitalter bis hin zum Sinnenrausch des 'Fin de Siècle', und schließlich der ernüchternden Zeit des Ersten Weltkriegs.
E.T.A.Hoffmann, den Byatt mehrfach literarisch 'verwendet', war mir schon früh vertraut. Wer überdies Offenbachs musikalische wie auch theatralische Umsetzung seiner Werke kennt, wird, obwohl Byatt keinen Bezug auf diese musikalische Variante nimmt, dadurch besonderen Zugang zu diesem ihrem Roman finden. Offenbachs 'Contes d'Hoffmann' geben Menschen und Puppen eine Bühne, auf der auch Byatts Figuren auftreten. Dies ist offenbar beabsichtigt, denn Puppenspielen ist ein wichtiges Element in diesem Roman, ein Gegenstück zum wirklichen Leben, das doch letztendlich diesen scheinbaren Widerspruch aufhebt. (Puppen sind es auch, die schließlich auf einem Schlachtfeld Leben retten, aber sie werden von menschlicher Hand geführt.) Auf gleicher Ebene sind die fiktiven Geschichten anzusiedeln, die Olive, eine der Hauptfiguren, erfindet und für ihre Kinder in ihrem jeweiligen 'Children's Book' niederschreibt. Sie allerdings scheitert daran, dass sie zunehmend Fiktion mit Realität verwechselt, woran Byatt eines ihrer Hauptthemen festmacht.
Byatt webt in ihrem Roman das Geschick von mehreren Familien ineinander, die teilweise gesellschaftlich durch die herrschenden Konventionen voneinander getrennt sind, die aber letztendlich in einer Art sozialer Gemeinschaft ankommen - auch eines der großen Themen dieses Romans und durchweg sehr einfühlsam gezeichnet.
Byatt schreibt vor einem zeitgeschichtlichen Hintergrund, der ungeheure Umwälzungen mit sich brachte, in jeglicher Hinsicht. Meisterhaft demonstriert wird dies anhand ihrer Figuren, die vielfach den Leser so anrühren, dass es beinahe schmerzt, wenn man sich von ihnen trennen muss. So hat mich v.a. Toms Schicksal berührt.
Vielleicht könnte man es Byatt stilistisch ankreiden, dass sie im letzten Drittel ihres Buches immer wieder in eine Art zeitgeschichtlicher Dokumentation verfällt, was ein literarischer Bruch ist. Ich, für mein Teil, schätzte dies, da es (nicht nur) zum besseren Verständnis der handelnden Personen in ihrer Zeit führt. Demgegenüber stehen die geradezu überbordenden Schilderungen der 'materiellen Wunder' des Jugendstils. Es gehört schon die Meisterschaft einer Antonia Byatt dazu, allein mit Worten Kunstwerke so bildhaft werden zu lassen, dass man fast ein haptisches Gefühl bekommt. (An dieser Stelle: wie konnte man nur der deutschen Ausgabe dieses großartigen Romans ein soo langweiliges Cover verpassen??)
Fazit: tolle lege!
PS Antonia Byatt spricht selbst gut Deutsch und ist mit der Übersetzerin ihrer deutschen Ausgabe, Melanie Walz, befreundet - es ist also anzunehmen, dass das Buch adäquat übersetzt ist.