David Zimmer, der Protagonist dieses Romans, ist ein Professor für vergleichende Literaturwissenschaften an einer kleinen Hochschule in Vermont. Im Laufe des Buches erfahren wir noch über Ihn, dass er neben seiner Lehrtätigkeit einige Bücher in wissenschaftlichen Verlagen publizierte und ansonsten ein ruhiges und beschauliches Leben in intellektueller und emotionaler Harmonie mit seiner Frau und seinen beiden Kindern verlebte.
Diese Idylle wird jäh durch eine Katastrophe unterbrochen: Bei einem Flugzeugabsturz kommen seine Frau und seine beiden Kinder ums Leben. Und wie so oft in Büchern von Paul Auster, dem Meister des Paradoxen, wird David Zimmer, dessen finanzielle Situation bisher nicht gerade als rosig zu bezeichnen gewesen war, durch die Entschädigungsleistung der Fluggesellschaft und Auszahlung einer längst vergessenen Lebensversicherung Millionär und somit völlig unabhängig von seinem bisherigen Lehrauftrag.
Dies nutzt Zimmer aus, um sich vom Rektor der Hochschule beurlauben zu lassen. Deprimiert, völlig vereinsamt und zurückgezogen, dem Alkohol anheim gefallen, dämmert Zimmer in seinem kleinen Haus hinter zugezogenen Gardinen dahin. Es scheint nur noch eine Frage der Zeit, bis er auf die eine oder andere Art sein Leben beendet.
An einem unbestimmten Abend sitzt Zimmer vor dem TV, zappt sich durch die Kanäle, ohne richtig wahr zu nehmen, was er sich dort im TV ansieht. Plötzlich zieht eine Dokumentation über unbekannte oder vergessene Stummfilmstars der 20-iger und 30-iger Jahre seine Aufmerksamkeit auf sich. Und was wie ein Wunder wirkt, bei einem Ausschnitt eines Stummfilms des Ihm unbekannten Victor Mann muss er zum ersten Mal nach fast einem halben Jahr seit dem Tod seiner Familie lachen. Dies wirkt auf ihn wie eine Initialzündung. Er will, ja muss mehr über diesen Mann erfahren. Obsessiv beginnt er, Recherchen über Victor Mann anzustellen und stellt fest, dass dieser kurz vor seinem Durchbruch in Hollywood eines Nachts vor 60 Jahren spurlos verschwand.
Victor Manns Stummfilme, 12 an der Zahl, galten lange Jahre als verschollen bis plötzlich von einem Unbekannten hervorragende Kopien seiner Filme an Filmarchive auf der ganzen Welt verschickt wurden mit der Bitte, diese interessiertem Publikum zugänglich zu machen. David Zimmer beginnt eine Reise, deren Ende allerdings völlig von dem abweicht, was Zimmer und der Leser erwartet.
Wie so oft bei Auster könnte man seinen Plot auf den ersten Blick mit einem Krimi verwechseln: Ein Mann verschwindet unter mysteriösen Umständen und ein anderer versucht, diese Umstände aufzuklären und falls möglich den Mann zu finden. Es ist nicht nur ein Kunstgriff Austers, ausgerechnet einen Stummfilmstar auszuwählen. Zimmer ist nach der familiären Tragödie sprachlos, nicht mehr kommunikationsfähig. Er lebt nur noch in einer inneren Welt, zu der er niemand anderem Zugang gewährt. Durch die Betrachtung der Filme Manns findet er zu seiner Sprache zurück. Detailliert bespricht Zimmer in seinem Buch „Die stumme Welt des Victor Mann" die Filme. Dabei begnügt er sich nicht nur mit Inhaltsangaben oder Rezension sondern beschreibt ausführlich, ja eindringlich die Ausstattung, Requisiten, Kameraeinstellungen, Beleuchtung etc. also quasi rekonstruiert das Drehbuch der einzelnen Filme, angereichert mit Anekdoten, auf die er während seiner Recherchen gestoßen ist.
Bei der Beschreibung der technischen Seite des Film kommen Auster seine eigenen Erfahrungen als Drehbuchautor z. B. der Filme „Smoke" und „Blue in the Face" zugute. Er spielt geschickt mit Requisiten des Films, die dann auch in der Lebensgeschichte Manns oder Zimmers auftauchen und dort eine entscheidende Rolle spielen. Auster erzählt hier nicht nur eine fiktive Biographie, sondern erschafft zwei so detaillierte Leben, dass es dem Leser schwer fällt, nicht der Illusion zu verfallen, es handele sich hier um real existierende Persönlichkeiten. Alle im Buch auftauchenden tragenden Charaktere erleben schwere persönliche Rückschläge. Alle haben etwas zu verbergen in Ihrem Leben. Alle ziehen sich auf die eine oder andere Weise aus der Welt zurück und führen fast das Leben von Eremiten oder Mitglieder einer geheimen Sekte. Was auf den ersten Blick als Zufall erscheint, ergibt im Lauf des Plots ein Muster, dass sich dem flüchtigen Beobachter nicht offenbart. Erst wenn man lernt, die Zeichen zu lesen, bekommt selbst die banalste Beschreibung einen tieferen Sinn. Der Buchtitel „Das Buch der Illusionen" bekommt so im Laufe der Lektüre eine völlig neue Bedeutung. War ich zuerst der Meinung, der Buchtitel beziehe sich auf die Relation von „Film" und „Wirklichkeit", wandelte sich im Laufe der Lektüre der Eindruck. Am Ende des Romans bleibt vielmehr die Frage offen: „Existiert etwas nur, wenn ich es sehe" und „Was ist Fiktion, was ist Wirklichkeit".
Das Hörbuch wird hervorragend von Hans Peter Hallwachs gelesen. Durch seine Stimme wird die Atmosphäre des auf der einen Seite sachlich beschreibenden Schreibstils der Filme und der doch emotional berührenden persönlichen Schicksale der Protagonisten immens verstärkt. Er versteht es, jedem Charakter seinen persönlichen, individuellen Klang zu geben und schafft dadurch eine konsequente Identifikationsmöglichkeit für den Hörer.
Fazit: Für mich der bisher beste Roman von Auster. Unbedingt lesen oder hören!