- Taschenbuch: 272 Seiten
- Verlag: Dtv (1. August 1997)
- Sprache: Deutsch
- ISBN-10: 3423123400
- ISBN-13: 978-3423123402
- Größe und/oder Gewicht: 19,3 x 12,1 x 1,7 cm
- Amazon Bestseller-Rang: Nr. 694.164 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)
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Produktinformation
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«Das Buch Blam»: Aleksandar Tima übt (Selbst- )Verrat
Von Andreas Breitenstein
Wer sein Leben als Jude in Novi Sad verbracht hat, wie der serbische Schriftsteller Aleksandar Tima, kennt die Abgründe der Existenz. Doch ist es eines, die Greuel der deutsch-ungarischen Besetzung 194244 überstanden zu haben; ein anderes, mit der Scham des Überlebens fertig zu werden. Timas «Buch Blam» erzählt die Geschichte eines Menschen, der der Vernichtung entgeht um dem Nichts anheimzufallen.
Novi Sad, Ende April 1944. Das Wetter ist «frühlingshaft mild und sonnig» zu warm für die «beste, strapazierfähigste Kleidung», wie sie die Juden tragen, die auf Anordnung der ungarischen Behörde zu Hunderten in der Synagoge zusammengetrieben worden sind. Drei Tage und drei Nächte werden sie hier auf den Abtransport nach Auschwitz warten, noch fehlt es weder an Essen noch an Trinken, weder an Hygiene noch an Platz. Wo der «Nenner des Zeitweiligen» Gefangene und Bewacher verbindet, kommt sogar etwas wie Harmonie auf, «was sich in der beiderseitigen Achtung bestehender Vorschriften und Befugnisse spiegelte. Die Juden verharrten geduldig im Innern des Tempels, die Wächter versahen ihren Dienst ohne Ausschreitungen und zeigten Strenge nur nach aussen, zur Strasse, wenn sie die Neugierigen, die stehenblieben und gafften, (. . .) auseinandertrieben.»
Nicht Menschen, Tiere sind es, die sich der sanften Mechanik des Unheils entgegenstellen und die «Kette der Verschwörung» zerreissen. In ihrer «Begriffsstutzigkeit» beharren einige zurückgelassene Hunde darauf, «sich so nahe wie möglich bei denjenigen aufzuhalten, denen sie noch zu gehören meinten», und so streifen sie trotz aller Drohungen und Schläge um den verbotenen Bezirk. Doch nicht nur den Türhütern, auch den Besitzern sind ihre Treuebeweise peinlich, bürden sie ihnen doch noch einmal den «Abschied von der Welt auf, von der sie sich bereits unter Qualen getrennt hatten». Schliesslich ist den Tieren ein Wiedersehen vergönnt:
«Als im Morgengrauen des vierten Tages die Kolonne vor der Synagoge antrat, stürmten sie herbei, und bald war die Judengasse von fröhlichem Gebell und einschmeichelndem Winseln erfüllt. Die Menschen in der Kolonne wehrten sich, zügelten die Kinder, die den überglücklichen Tieren am liebsten um den Hals gefallen wären, die Soldaten fluchten, doch alles vergeblich. Auf die Hunde zu schiessen war unmöglich (. . .), denn man hatte den Aufbruch zum Bahnhof in die Nacht verlegt, um Aufsehen zu vermeiden.»
Ein letztes Mal, beim Warten auf die Verladung, kommt es zu Momenten der Zuneigung. Dann aber bleiben die Hunde zurück, «alleine zwischen den Schienen. Ein Weilchen liefen sie dem Zug nach, dann gaben sie auf, weil sie den vertrauten Geruch nicht mehr witterten. Sie sahen verwundert auf die Felder und Gräben, zwischen die sie geraten waren, kühlten ihre langen, roten, heraushängenden Zungen und trollten sich einer nach dem anderen in Richtung Stadt.»
AUF DER VERWERFUNGSLINIE
Der Mensch, das Tier. Der 1924 geborene serbische Schriftsteller Aleksandar Tima hat seine Heimatstadt Novi Sad nicht verlassen müssen, um in die Abgründe der Existenz zu blicken. Wo immer ein Ruck durch die Geschichte Europas ging, in der (heute zu Ex-Jugoslawien gehörenden) Vojvodina, dem Schnittpunkt politischer, religiöser und kultureller Verwerfungslinien, riss der Firnis des Humanen mit auf. Als eine «Retorte zur Prüfung der Festigkeit und Veränderlichkeit von Material und Menschen unter verschiedenen Druck- und Temperaturverhältnissen» hat Tima den Ort bezeichnet. Sohn einer Jüdin und eines Serben, ist er selber dem Verderben nur mit Glück entronnen: Das Massaker der mit Hitler verbündeten ungarischen Horthy-Faschisten 1942 an der slawisch-jüdischen Bevölkerung hat er ebenso überlebt wie die Deportationen 1944, die kommunistische Zwangsherrschaft nach 1945 und den Zerfall Jugoslawiens nach 1991. Wo Unheil nichts als Unheil gebiert, erinnert der Zug der Menschheit durch die Zeit «an ein lebendes Fliessband oder an Mahlgut auf Beinen, das sich allmählich dem Mühlstein nähert». Wenn vom Fortschritt eines bleibt, dann die Industrialisierung des Tötens.
Novi Sad ist für Tima zum Kristallisationspunkt und Modell eines Weltbezugs geworden, dessen Negativität ihn unter die Existentialisten dieses Jahrhunderts einreiht. Dass der Mensch dem Menschen eine Bestie sei, ist Tima keine Kaffeehauserkenntnis, sondern eine traumatisch durchlebte Erfahrung. Erst in den siebziger Jahren hat er die Heimsuchung durch die Vergangenheit in einem Zyklus von fünf Büchern literarisch produktiv gemacht. Sein Werk hatte er abgeschlossen, noch bevor die Rezeption im deutschsprachigen Raum mit Verspätung, aber auch mit grosser Zustimmung einsetzte.
Nach dem Roman «Der Gebrauch des Menschen» (1980, deutsch 1991) und dem Erzählband «Die Schule der Gottlosigkeit» (1978, deutsch 1993) liegt nun «Das Buch Blam» (1985) in der vorzüglichen Übersetzung von Barbara Antkowiak vor. Tima evoziert im Titel die Hiobsgeschichte, um das Los seines jüdischen Helden als deren Parodie kenntlich zu machen. Wo Hiob durch eine Fülle von Schicksalsschlägen zum wahren Glauben findet, wird Miroslav Blam geprüft, indem er von der Katastrophe verschont bleibt. Kein biblischer Gott, eine profane Mischung aus Kalkül und Zufall bewahrt ihn vor der Vernichtung und überantwortet ihn gerade dadurch dem Nichts. Die Eltern, die Schwester, die echten und falschen Freunde sind tot, die Scham des Überlebens wird übermächtig. Einzig der Schlaf bietet Refugium. «Durch seine Ausweichmanöver, seine Vorsicht, seine Flucht» hat Blam «alle Lebenskraft und allen Lebenssinn verbraucht, und geblieben ist ihm nur dieses Überdauern in der Lüge, dieses Delirium jenseits des Todes, aber auch jenseits des Lebens».
Es gibt keinen sinnfälligeren Ort für Blams Einsamkeit als die Mansarde, die er zusammen mit Frau und Kind im Merkur-Palast am Hauptplatz von Novi Sad bewohnt. Hoch über dem Alltag, der Zeit entrückt, überlässt er sich seinen Erinnerungen und Phantasien, Albträumen und Obsessionen, wenn er sich nicht gerade in einer kleinen Reiseagentur verkriecht. Der Stumpfsinn der Akten ist die Droge, die ihn dem Krieg und nach 1945 dem «Wachstum der Ansprüche und Ambitionen einer vom Frieden trunkenen Bevölkerung» entzogen hat. Längst ist Blams Fluchtreflex ins Paranoide umgeschlagen. Die Idylle erscheint als Galgenfrist: Fahnder «sie müssen eines Tages kommen, es ist unmöglich, dass sein Leben ohne Verfolgungsjagd, ohne noch einen Krieg vergeht».
MELANCHOLISCHE GÄNGE
Allmählich nur, in immer neu ansetzenden Rückblenden enthüllt sich Blams Geschichte, zunächst skizzenhaft, dann in immer kräftigeren mitunter etwas zu üppig aufgetragenen Farben. Der Erzähler begleitet seinen Helden auf seinen melancholischen Gängen durch das kommunistische Novi Sad der fünfziger Jahre; auf den Friedhof etwa oder die einstige Judengasse hinauf, deren oberer Teil bis auf die Synagoge dem «Neuen Boulevard» und damit dem allgemeinen Mobilitätsdrang zum Opfer gefallen ist. Wo Gedächtnislosigkeit um sich greift, ist Blam dem «Ansturm des Bekannten» ausgeliefert. Jede Hausnummer erzählt eine grausigere Geschichte vom Aufstieg und Untergang der einstigen Ladenbesitzer. Die Leichtigkeit des Seins, wie sie Blam in einer Familienszene auf dem Boulevard entgegentritt, ist so ephemer wie ein Theateraugenblick irgendeinmal fallen alle Kulissen. So stehen die Abrissmauern der Judenhäuser kalt, doch nicht sprachlos, zeugen sie mit ihren Lebensspuren doch für «das Endliche menschlichen Wohnens», ja für den Schein der Individuation überhaupt.
Blam trägt sein Schicksal nicht allein die Genealogie seiner Vorfahren liest sich wie eine einzige Chronik der Pogrome. Als dem Letzten seines Geschlechts ist es ihm gegeben, den Verhängniszusammenhang zu durchbrechen. Blam hat die Christin Janja geheiratet und sich taufen lassen gerade noch rechtzeitig, um den Erschiessungskommandos zu entgehen. Mehr noch: der Kreislauf des Lebens ist durchschnitten seine Tochter nämlich entstammt nicht seinem Blut, sondern den Liebesstunden Janjas mit dem smarten Kollaborateur Predrag Popadic, dessen Protektion Blam das Leben gerettet hat. Doppelt gebunden, ist dieser von Gefühlen zerrissen: Sein Hass ist Liebe, sein Ekel Begehren, seine Todessehnsucht Lebenshunger. In Frau und Kind sind Schuld und Gnade unauflösbar ineinander verstrickt.
Die Wirklichkeit bleibt Blam fremd darüber können auch die Glücksmomente der Kindheit und Jugend nicht hinwegtäuschen. Das Maulbeeressen auf dem Heimweg von der Schule mündet nicht in Weltvertrauen, der Auftritt der lebensfrohen Cousine Lili im Dasein des «grünschnäbeligen Liebhabers» bleibt (dank einer Abtreibung) ein «Zirkusgastspiel». Lilis exaltierte Liebesbriefe aus dem Ausland werden Blam auch nach dem Krieg nicht mehr erreichen.
MANN OHNE EIGENSCHAFTEN
Blam ist ein Spätgeborener, dem es nicht mehr gelungen ist, auf der Basis des alten Glaubens eine feste Identität auszubilden. Dem «Trägheitsprinzip [seiner] unselbständigen Natur» gehorchend, ist er zum Anpassertum wie geschaffen. Schon in der Schule hat er sich mit einem «Reservoir» dessen umgeben, was ihm selber in seiner Eigenschaftslosigkeit abgeht: der schöpferischen Begabung von Krkljus und dem praktischen Sinn von Cutura. Beide Freunde bezahlen ihre Standfestigkeit mit dem Leben: Cutura wird (wie Blams Schwester Esther) im kommunistischen Widerstand getötet; Krklju spielt als «Aufruhr» und zum «Schutz gegen den Widersinn» Jazz, um schliesslich an der Erinnerung und am Alkohol zugrunde zu gehen. Auch den Überlebenskünstler Popadic verlässt am Ende das Glück: Die Partisanen üben an ihm auf bestialische Weise Rache. Einzig Blam schmuggelt sich haltlos durch die Zeiten nur um am Ende festzustellen, dass nichts da ist, was der Rettung wert gewesen wäre.
Blams Streben nach «Verschmelzung» mit etwas Überlegenem kulminiert in seiner Ehe. Errichtet in einem selbstvergessenen Moment der Gier nach «Bestimmung», ist die Verbindung mit Janja eine Möglichkeit, über die Tradition des Leidens hinaus zum Ursprung zu gelangen. Im Drang, selbst Teil eines «stumpfen, aber starken, unerschütterlichen Lebens» zu werden, erhebt Blam Janjas Schönheit und Reinheit zur Ikone. Das Geheimnis des Vitalen aber lässt sich nicht besitzen. Blams Äquilibristik bricht zusammen, als er seine Frau eines Tages von der Strassenbahn aus in den Armen Popadics erblickt. Doch schlägt seine Bestürzung in Bewunderung, ja Erleichterung um:
«Denn mit dieser Umarmung schien sie sich von ihm zu verabschieden, indem sie dennoch, wenn auch jetzt erst, wenn auch mit einem anderen, jenes Ideal erfüllte, nach dem er bisher verlangt hatte, ohne recht zu wissen, was es war, und das sich nun als sanfte schwesterliche Trennung offenbarte, als Abschied von ihm, der so anders als sie und ihr fremd war.»
Noch im fremden «Glück des Vergessens» verwirklicht sich das Bild, das Blam sich von Janja gemacht hat. So schlägt im Augenblick der Katastrophe die Stunde der Emanzipation: Statt an der Selbstentgrenzung in der Liebe richtet sich Blam fortan an der Überhöhung des eigenen Unglücks in einer pessimistischen Ästhetik des Daseins auf. Für Janjas Lebenslust hat er nur mehr Verachtung übrig, denn nur kurzfristig vermag der Körper den «Formen und Sinn» zersetzenden Kräften der Natur zu widerstehen, nur scheinbar der Geist die Materie zu transzendieren. Der Mensch ist «aus irdischem Teig», und die Schwerkraft zieht ihn hinab.
Die «Initialen der Liebe, (. . .) vom Regen zu unleserlichen Narben ausgewaschen»: In dieses schlichte Bild fasst der Erzähler das Drama seines Helden, dem er jede Tragik und jede Komik, aber auch jedes voreilige Mitleid versagt. Blam ist Timas Alter ego, ihn entblössend und verbergend zugleich. In seiner Trivialität ist er auf jene prekäre Mitte zwischen Fiktion und Authentizität festgelegt, die es dem Autor ermöglicht, in einem Akt des (Selbst-)Verrats das Psychogramm eines Menschenlebens zu zeichnen, das am liebsten «ohne Richter und Zeugen» verschwinden würde.
Tima erspart seiner Figur nichts, vielmehr dient ihm diese als Objekt seines Selbstbestrafungswunsches. Blam dagegen bleibt der Ausweg der Kunst versperrt, und so wendet er seine Aggression gegen sich selbst. Zwar malt er sich aus, mit dem Denunzianten seiner Eltern kurzen Prozess zu machen, doch lässt er diese «letzte Chance, ein Mensch zu werden», ungenutzt verstreichen. Lieber verzeiht er aus Schwäche, denn aus Stärke heraus Gewalt zu üben und damit den Kreis des Tötens zu schliessen. Mit dem Mut zur Feigheit aber lässt Tima Blam allein, ja seine Erzählkonstruktion betont geradezu dessen Monomanie. So kennt der allwissende Erzähler seine Figuren von innen und aussen die Innensicht der Ehefrau jedoch, an der sich der Wirklichkeitsbezug von Blams «Bitterkeit» abschätzen liesse, spart er aus. Was immer Janjas «rasches, sicheres Lächeln» bedeutet, wenn sie ihrem Mann entgegentritt es rückt dessen Weltverneinung in die Nähe des Wahns.
Wo er seinen Helden solchermassen über dem Bodenlosen agieren lässt, muss sich der Erzähler selbst gegen den Realitätsverlust absichern. Immer wieder bricht Tima daher aus dem Labyrinth der Erinnerungen und Träume aus, in dessen Weitläufigkeit die Gegenwartshandlung zu versickern droht. Inventarisierende Aufzählungen und Dokumente, die den Horror der Massaker in die Logik der Chronologie oder in die Faktizität nackter Zahlen bannen, sollen dem Leser Halt geben und bewirken gerade das Gegenteil: Zwischen der Gefühlswelt eines Überlebenden und der Sachlichkeit des historischen Blicks gibt es keinen Ausgleich, auch wenn der gleichbleibend distanzierte Berichtston einen solchen suggeriert. Es macht die Sprachkunst des «Buchs Blam» aus, die Zerrissenheit des Helden ganz dem Leser zu überbürden. Die Lektüre wird zur Qual, wo Leichenberge mit derselben Lakonik geschildert werden wie Naturansichten. Angesichts des Äussersten hat solcher Wahnsinn Methode: Wahrheit lässt sich nur noch in der Verstellung fassen.
DER TOD EINE LAUNE
Andere mögen «die Wirklichkeit in ein nicht vorhandenes Gewand aus Harmonie und Sinn hüllen», Aleksandar Tima hält die Wunde der Existenz offen. Es gibt für diesen Autor kein Haus der Moral, in das man sich flüchten könnte. Wo Gott tot ist und somit alles Böse banal, ist es zwecklos, Anklage zu erheben. Nicht nur die Ermordeten, auch die Mörder bekommen Name und Gesicht. Untat für Untat listet Tima auf doch immer verflüchtigt sich die Schuld im Allzumenschlichen, Zufälligen. Der Tod, das ist für Opfer wie für Täter: eine Laune, eine Unsicherheit, ein Pflichtgefühl, eine Kindheit, eine Euphorie. Was beide abgrundtief trennt, verbindet sie auch. Blams böses «Vorgefühl» findet sich bestätigt: Die religiöse «Überspanntheit» ruft das Unheil mit hervor, das sie zerstört.
Blam geht den Weg der Verzweiflung, ohne Gott zu erkennen. Mit dem «Glauben an die Menschen und an das Glück» ist ihm aber auch der eigene Tod abhanden gekommen. Ohne symbolischen Bezug erscheint der ersehnte Frieden «jenseits von Begreifen und Nichtbegreifen, Zustimmung und Ablehnung» als ein Versinken im «sprachlosen Schlund der Natur». Auch die schöne Kunst versagt vor dem Nichts, wie Blam in der aus Mangel an Gläubigen zum Konzerthaus umfunktionierten Synagoge erfährt. Musik, die Menschen die «Welt ihrer Neigungen und Wunden» furchtlos durchschreiten lässt, kann er nur als Lüge empfinden ganz im Gegensatz zum Makler Funkenstein, der das KZ überlebt hat, weil er für den Kommandanten Violine spielte.
Blam muss unrecht behalten gegenüber einem, der nicht wie er verschont worden ist. Es ist ein geheimnisvolles Auge an der Wand der Synagoge, das ihm in einem Moment der Entrückung sein Stigma noch einmal einbrennt: «Er hat es versäumt, das alles selbst zu erleben. Er hat es versäumt, vor die Gewehrläufe zu treten wie seine Eltern, vor die Fahnder wie seine Schwester Esther. (. . .) Nichts hat er gesehen, nichts erfahren. (. . .) Funkenstein hat es erlebt er hat sich der Gefahr ausgesetzt, hat die Wahrheit gesehen, erlitten.» Auch wenn die Sehnsucht übermächtig wird: Blam bleibt als Untoter aus der Gemeinschaft der Überlebenden und der Ermordeten ausgeschlossen.
Blam als «Zeuge, Kenner und Erklärer» doch keineswegs nur «für sich selbst». Der Mord, der nicht geschehen ist, bleibt in der Geschichte Episode. Am Ende schwebt Blam eine «Szenerie aus dem nächsten Krieg» vor, in dem er das Versäumte nachholen will. Dieser Krieg, man weiss es, ist in Ex-Jugoslawien Wirklichkeit geworden. Ob Hass, Intoleranz, Bereicherungsgier, Rassenwahn nichts Böses ist dem Menschen fremd. «Das Buch Blam» tut nichts, um die Wucht dieser Erkenntnis zu mindern. Wer die Fallen der Erbaulichkeit kennt, kann darin die ganze Meisterschaft des Aleksandar Tima ermessen. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
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