Gibt es eine Wiedergeburt, verbirgt sich hinter der Seele" des Menschen mehr als die bekannte Formulierung der treuen Seele" zunächst vermuten lässt? Diese Fragen faszinieren mich sehr. Vielleicht auch deshalb, weil sie sich auf ein großes Mysterium beziehen, mit dem man sich wahrscheinlich sein ganzes Leben lang befassen kann.
Das vorliegende Buch des Übergangs von Otmar Jenner geht diesen und vielen anderen Fragen tiefgründig, gleichzeitig aber auch für den Leser sehr gut verständlich nach. Auf abschließende Erklärungsmodelle verzichtend, regt das Buch zur eigenständigen Suche nach Antworten an, wobei es dabei wiederum eine sehr gute Hilfestellung mit zahlreichen Anregungen bietet.
Eine sehr gute Hilfestellung - diesmal aber für den Übergang der Seele während des Sterbeprozesses - bietet auch der vom Autor niedergeschriebene Reiseführer", welcher Teil des vorliegenden Buches ist und eine moderne Adaption des tibetischen Totenbuches darstellt. Der Umstand, dass hier jemand für sich in Anspruch nimmt, eine moderne Adaption des berühmten Totenbuches niedergeschrieben zu haben, mag auf den ersten Blick etwas anmaßend und verwunderlich erscheinen. Allerdings sollte man bei aller Verwunderung auch berücksichtigen, dass sich die Fragen um Tod und Wiedergeburt eben (leider) nicht auf jener Tatsachenebene bewegen, welche handfesten Beweisen" zugänglich wäre. In dem Buch erfährt man, dass sich der Autor viele Jahren lang intensiv mit dem tibetischen Totenbuch befasst hatte, bevor er vor einigen Jahren seine" moderne Version wie fertige Seiten einer Zeitung vor Augen sah" und innerhalb von wenigen Tagen und Nächten niederschrieb. Der Autor gesteht außerdem, dass der Inhalt beider Totenbücher - also der klassischen und seiner" Version - auch für ihn selbst ein Mysterium mit zahlreichen Rätseln" bleibe, wobei jedenfalls der Grund dafür einleuchtend" sei.
Als ich die einzelnen Gesänge des Totenbuches zum ersten Mal las, habe ich mich gefragt, warum einige Szenarien, mit denen die Seele in der Todesphase konfrontiert wird, so furchterregend sein müssen. Mit der Notwendigkeit einer derartigen Dramatisierung" setzt sich der Autor in seinem Buch mehrfach auseinander: Das Totenbuch, welches dem Sterbenden kurz vor und einige Tage nach seinem Tod laut vorgelesen wird, soll der Seele als Anleitung durch das Zwischenreich dienen. Wenn die Seele bereits auf einem guten - weil klaren - Weg ist, dann brauche sie die Anleitung lediglich als Bestätigung" im Sinne einer Sicherheit. Eine Orientierungshilfe sei aber besonders dann wichtig, wenn die Seele - aus welchen Gründen auch immer - in ihren Ängsten und Illusionen gefangen ist, wenn sie sich insofern verlaufen" hat. Daher müsse der Reiseführer das beschreiben, womit die Seele schlimmstenfalls konfrontiert werden könnte: die furchtbarsten Schrecken und Gemeinheiten - jeweils Verkörperungen der Herzimpulse des Verstorbenen, Verkörperungen seiner negativen Gehirnimpulse, seiner Instinkte und Triebe.
Daneben enthält der Reiseführer aber auch immer wieder eine wichtige Botschaft. Womit auch immer die Seele konfrontiert wird - positiv, aber vor allem auch negativ: Das alles ist ein Teil von ihr. Und - so der Autor - es helfe nichts, einzelne Teile zu ignorieren. Die einzig förderliche Haltung sei vielmehr, möglichst genau hinzusehen und - sich selbst annehmend - zu erkennen: Dies sind meine eigenen Ängste und Illusionen. Alles was ist, bin ich.
Erkennt die Seele diese Wahrheit, so hat sie die Chance, den Kreislauf des wiederholten Lebens und Sterbens (der Autor spricht insofern anschaulich vom kosmischen Irrgarten") zu verlassen, um in die endlose, ozeangleiche Stille und Leere einzugehen oder jedenfalls in göttlichen" Sphären zu verweilen.
Eine Sache ist allerdings bei diesem Schritt" zu berücksichtigen: Köstlichen Marmorkuchen zum Reinbeißen - so stellt der Autor klar - das gibt es dort ebenso wenig wie alle anderen Freuden des Menschseins. Man kann von Marmorkuchen träumen, sich daran erinnern, wie gut er doch geschmeckt hat. Aber wirklich reinbeißen und genießen, dafür muss man sich schon als Mensch in ein irdisches Leben bemühen...