Kurzbeschreibung
Otto Rosenberg hat nie erzählt von seiner Kindheit und Jugend in Sinto im Berlin der dreißiger und vierziger Jahre. Wie 1936 vor den Olympischen Spielen die Rieselfelder bei Marzahn zum ersten Lager für Zigeuner wurden. Wie er hier zur Schule ging und Pastor geworden wäre - wären die Zeiten andere gewesen. Statt dessen wurde er zur Zwangsarbeit eingezogen. Eine Odyssee durch die NS-Lager begann, die für den großen Teil seiner Familie in Auschwitz endete.
Über den Autor
Ulrich Enzensberger, geboren 1944, lebt als freier Schriftsteller in Berlin. Sachbuch-Veröffentlichungen.
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"Wir wurden dann eines Morgens, es kann früh um vier, fünf Uhr gewesen sein, durch die SA und die Polizei aufgeschreckt. "Los, anziehen! Schnell, schnell!" Holterdipolter. Unsere Polizisten, die wir vom Sehen kannten, waren auch dabei. Wir wurden auf Lastwagen geladen. Unser Planwagen wurde ebenfalls mitgenommen. Wir wußten nicht, woher die Leute das Recht hatten, uns von einen Privatplatz wegzunehmen. Wir wurden nach Berlin-Marzahn verfrachtet. Offiziell hieß der Ort: Berlin-Marzahn Rastplatz. Rastplatz. Das war I936, vor der Olympiade. Ich war gerade neun Jahre alt geworden. Da sind wir nun hingekommen. Am Anfang stand dort noch hohes Gras. Wenn wir Kinder hineinliefen, dann waren wir weg. Das wurde dann alles abgemäht, umgegraben und planiert, da kamen dann Steine hin, wo die Wasserstellen waren. Das wurde nachher ein vollkommen glatter Platz. Sie luden uns einfach ab. Wir wurden festgesetzt. Es hieß, keiner darf den Platz verlassen. Überall waren Gräben. Die Wiesen um uns her ware n Rieselfelder. Und ständig kamen Wagen, die Jauche in diese Gräben pumpten. Es hat furchtbar gestunken. Normalerweise hätten wir uns an einem solchen Ort nie aufgehalten, schon allein wegen unserer Gesetze nicht, die das verbieten. Wir wurden aber zwangsweise dort abgestellt. Sonst hat sich keiner um uns gekümmert."Nun seht mal zu, wie ihr da zurechtkommt. "Heute stehen dort Hochhäuser. Wenn ich heute auf dem Platz stehe, kann ich mich nur an den Geleisen orientieren, am Bahnübergang und am Friedhof. Der Zug fuhr direkt am Lager vorbei nach Werneuchen. Vom Dorf Marzahn aus ging man ungefähr zwanzig Minuten zu Fuß, dann kam man zu unserem Platz. Am Platz vorbei ging es nach Falkenberg.Na, nun waren wir dort: meine Oma, mein Bruder Max, meine Schwester Therese, meine etwa vierzehn, fünfzehn Jahre alte Tante Camba und ich. Oskar war auch da, dann sein Vater, mein Onkel Florian, der Bruder meiner Mutter; Bodo, der jüngere Bruder von Oskar, seine Schwester und ein weiterer Bruder, v ier Geschwister, wie wir. Das Mädchen ist dann in Marzahn gestorben. Die Jenny, ja, die ist dann später in Marzahn gestorben. Es kamen immer mehr Leute, und es gab immer mehr Krankheiten. Die Leute wohnten dann in zusammengezimmerten Wellblechbuden, die sie sich selbst beschaffen mußten, damit sie Unterkunft hatten. Es war ja nichts da. Eine Polizeibaracke wurde aufgestellt, das schon. Neben die Polizeibaracke kam eine Schulbaracke, denn wir durften die Volksschule nicht mehr besuchen. Das war für uns das Aus. Die großeSchule in Berlin-Marzahn, gleich neben der Dorfkirche, durften wir nicht besuchen. Wir hatten nur einen Lehrer. Es gab zwar mehrere Klassen, aber nur zwei Räume. Einer war für die ganz Kleinen. Einen Teil der Bücher bekamen wir umsonst, aber wir mußten auch etwas dazuzahlen. Wir besaßen ein Rechenheft, ein Schmierheft, ein Schönschreibheit, eine Lesefibel und ein Rechenbuch. Mehr hatten wir nicht, das war's. Viel gelernt haben wir nicht ..."