Buch der 1000 Bücher
Copyright: Aus
Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)
Das Brandopfer
OA 1954 Form Erzählung Epoche Moderne
Mit seiner in einer schnörkellosen Sprache geschriebenen Erzählung Das Brandopfer ist es Albrecht Goes gelungen, die Problematik von Schuld und Nicht-Schuld während des Dritten Reiches für jeden erkennbar werden zu lassen.
Inhalt: Die Metzgersfrau Margarete Walker wird, nachdem ihr Mann eingezogen worden ist, von den Nationalsozialisten »zu einer besonderen Aufgabe ausersehen«: Man macht sie zur »Judenmetzig«. Die Juden der süddeutschen Kleinstadt dürfen ihre Fleischzuteilung nur noch bei ihr einkaufen. Dazu hat sie Freitagnachmittag zwischen fünf und sieben Uhr für die »nicht arische Bevölkerung« den Laden offen zuhalten. Sie versteht bald, was diese zeitliche Einschränkung für die Betroffenen bedeutet und bemüht sich zu helfen. Dabei erfährt sie von der Verzweiflung und Angst der Gedemütigten und droht selbst an ihrer Hilflosigkeit zu verzweifeln.
Als der Metzgerladen in einer Bombennacht Feuer fängt, beschließt Frau Walker, sich als Opfer darzubringen. Doch ein jüdischer Kunde, dem der Einlass in den Luftschutzbunker verwehrt worden ist, rettet sie im letzten Augenblick. In ihrem Gesicht bleibt allerdings ein Brandmal zurück, das als »Zeichen der Liebe, jener Liebe, welche die Welt erhält«, gedeutet wird.
Aufbau: Die eigentliche Geschichte setzt sich mosaikartig aus verschiedenen Elementen zusammen: Der Ich-Erzähler, Assistent an der Stadtbibliothek, wohnt nach dem Krieg als Untermieter bei Frau Walker. Er berichtet, was er aus Gesprächen mit der Metzgersfrau, aber auch durch Briefe und Mitteilungen Dritter über ihre Lebensgeschichte erfahren hat eine Geschichte, die ihn über seine Geliebte Sabine Berendson auf sonderbare Weise mit seiner Vermieterin verbindet.
Sabines Vater ist ein jüdischer Verleger, dem es in letzter Minute gelungen war, nach England zu fliehen, während seine Tochter als Arierin getarnt in Hitler-Deutschland überlebte. In einen Brief an Sabine outet sich Berendson als der Mann, der Frau Walker in der Brandnacht vor dem Tod rettete.
Wirkung: Mit seiner Erzählung machte Goes deutlich, was von der im Nachkriegsdeutschland weit verbreiteten Aussage »Davon haben wir nichts gewusst« zu halten war. Da der Autor aber auf jede politische Analyse des Nationalsozialismus verzichtete und sich ganz auf die moralische Haltung seiner Figuren konzentrierte, fand er in der Bundesrepublik der 1950er Jahre sein Publikum. M. P. S.
Kurzbeschreibung
Eine Erzählung aus der Zeit der systematischen Verfolgung und Ausmerzung der Juden im Dritten Reich. Ort der Handlung: eine Metzgerei, von der zuständigen Parteidienststelle dazu ausersehen, einmal in der Woche, am Freitagabend (dem Vorabend des Sabbat), Fleisch und Wurst an die Juden der ganzen Stadt auszugeben - gemäß den doppelt reduzierten Rationen auf den besonders gekennzeichneten jüdischen Lebensmittelkarten. Es handelt sich also um jene Frist erzwungener und aufs äußerste eingeengter Getto-Existenz, die der Ausrottung vorausging. Das unbestechliche Zeugnis der Metzgerfrau schafft in der dichterischen Prosa gleichsam einen fesselnden Originalbericht von dokumentarischem Wert. Die Metzgerin ist in all ihrer Furcht und Schwäche ein barmherziger Mensch. Und da sie nichts Wirksames zu tun vermag gegen das letzte Unheil, schickt sie sich in einer Bombennacht zur stellvertretenden Selbstopferung an, zum
Brandopfer. Durch sonderbare Umstände wird sie von einem Juden gerettet - weil ihm der Eingang in den Luftschutzbunker verwehrt worden war.