Zwei Jahre nach dem gewaltsamen Tod des damals zehnjährigen Trumans ist seine Familie am Ende. Seine Mutter hat sich von der Außenwelt abgeschottet und findet Trost nur in der Malerei - ihr einziges Motiv ist Truman. Sein Vater, ein berühmter Wissenschaftler, der für seine Arbeiten im Bereich der Genforschung den Nobelpreis erhielt, und auch vorher seiner Familie nie sonderlich nahe stand, baut sich eine neue Familie auf. Die inzwischen siebzehnjährige Schwester Andi leidet unter Depressionen, die sie nur mit starken Antidepressiva kontrollieren kann. Sie, die einst hoffnungsvollste Schülerin einer privaten Eliteschule, gibt sich die Schuld am Tod des kleinen Bruders, dem sie sehr nahestand, sieht keinen Sinn mehr im Leben und spielt sogar mit dem Gedanken an Selbstmord. Lediglich ihre geliebte Musik gibt ihr zeitweise Trost und Halt. Kurz vor den Winterferien droht die Schule, sie rauszuwerfen. Ihre letzte Chance auf einen Abschluss ist die Anfertigung einer fundierten Repräsentation zu einem selbstgewählten Thema: über den Komponisten Malherbeau ' einen Zeitgenossen der französischen Revolution.
Der Vater, durch einen Brief der Schule auf den Plan gerufen, ist entsetzt über den Zustand, in dem er seine Familie vorfindet, lässt seine Frau in eine psychiatrische Klinik einliefern und nimmt Andi gegen deren Willen mit nach Paris, wo sie vor Ort ihre Nachforschungen betreiben soll. In Paris wohnen sie bei einem ehemaligen Studienkollegen des Vaters. Dieser hat sich ganz der Erforschung der französischen Revolution verschrieben und sammelt alles, jeden Gegenstand, jedes Dokument aus dieser Zeit, um damit später ein Museum zu gründen.
Als Andy sich bemüht das Schloss eines alten Gitarrenkoffers, der eines der Besitztümer ihres Gastgebers ist, zu betätigen, kann sie unerwartet mit Hilfe eines Schlüssels, der einst ihrem Bruder gehörte, ein Geheimfach in diesem Koffer öffnen und findet das Tagebuch des Mädchens Alexandrine, einer jungen Schauspielerin, die zur Zeit der Ereignisse, die sie in ihrem Tagebuch festhielt, in Andis Alter war. Noch mehr Parallelen finden sich zwischen den beiden Mädchen: auch Alexandrine liebte aus ganzem Herzen einen kleinen Jungen: den Sohn Ludwig XVI, dem sie sehr nahe steht, dessen Leiden sie jedoch nicht verhindern kann.
Andi taucht - zunächst gedanklich - immer tiefer in die Welt von Alexandrine und Malherbeau ein. Auf ihrer Suche nach Musik und letztendlich Verständnis trifft sie neue Menschen, die ihr zu Freunden werden, und die Geister der Vergangenheit.
Dieses an sich so traurige Thema - der Verlust eines geliebten Menschen - wurde von der Autorin warmherzig und verständnisvoll aufgegriffen und mit Musik aus allen Bereichen (von Klassik über Rock bis zum Rap) und der Geschichte der ersten großen Revolution mit ihren Folgen auf faszinierende Art verwoben.
Das Lesen des Buches ist der reine Genuss, man fühlt mit Andi, ihrer Familie, Freunden und auch Alexandrine, Malherbeau und den anderen Gestalten aus dem revolutionären Paris mit. Alle handelnden Personen sind für den Leser lebendig und mit Achtung vor jedem einzelnen geschildert. Die Handlung ist sehr spannend, obwohl nie reißerisch, dargestellt. Selbst als Andi sich im 18. Jahrhundert wiederfindet, ist dies glaubhaft und logisch.
Sehr imponiert hat mir das umfangreiche Wissen der Autorin um die Musik. Es war für mich fast eine Offenbarung, wie sie den Einfluss Malherbeus auf berühmte (noch) nicht klassische Musik unserer Zeit darlegt. Ich habe Lust bekommen, mir selbst die Musik dieses bis dato mir unbekannten Komponisten anzuhören. Auch die Geschichte der Revolution ist sehr gründlich recherchiert. Die Informationen über diese Zeit fügen sich nahtlos in die Handlung ein, welche dadurch noch interessanter wird.
Ebenso wird die Gestaltung des Buches dem Inhalt gerecht: ansprechend, jedoch nicht aufdringlich, dabei aber von hoher technischer Qualität (Festeinband, schönes Papier und sogar Kapitelbändchen - ein Dank dem Verlag, der hier nicht allzu sehr auf die Kostenbremse gedrückt hat.
Mein Fazit: Dies ist eines der schönsten, spannendsten und gleichzeitig warmherzigsten Bücher, die ich seit langem gelesen habe.