Aus der Amazon.de-Redaktion
Anders als Michel Houellebecqs Ausweitung der Kampfzone (1999), das von der zynischen Weltsicht des Protagonisten und dessen kalter Ablehnung der verlogenen Gesellschaftsrituale lebt, ist Jennys Blütenstaubzimmer eine fein ziselierte Studie eines langsamen, desillusionierenden Abschieds einer jungen Frau vom kindlichen Wunsch nach Aufgehobensein und Anerkanntsein in der Familie.
Während der Vater, bei dem die 18jährige Jo aufgewachsen ist, bei all seiner Hilflosigkeit doch immer wieder versucht, der Tochter emotionale Zuwendung zu vermitteln, ist die Mutter Lucy, die von Jo nach zwölf Jahren das erste Mal besucht wird, viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als sich um die Bedürfnisse der Tochter zu kümmern. Zudem stirbt kurze Zeit nach Jos Ankunft Lucys zweiter Ehemann (Unfall? Selbstmord?), was zu einer tiefen seelischen Krise der Mutter führt, während derer sie sich in dem titelgebenden Blütenstaubzimmer einschließt.
Sprachlosigkeit und Unfähigkeit zu Interaktion beherrschen das Verhalten der Protagonisten. Statt zu reden, flüchten sie sich in symbolische Akte. So der Vater, der Jo auf schweigsame nächtliche Spritztouren in seinem Buick mitnimmt, bei denen nichts weiter passiert als daß die beiden Gauloise-rauchend nebeneinander im Wagen sitzen. So die Mutter, die sich erst total zurückzieht und verschließt, nach dieser Phase dann ihrem Hedonismus frönt. Jo selbst versucht schon als kleines Mädchen, der verständnislosen Erwachsenenwelt ihre Bedürfnisse mitzuteilen, ebenfalls natürlich nur in symbolischer Form. Aber ihre Anstrengungen scheitern, Enttäuschungen, das Desinteresse der Umwelt, führen schließlich zu Jos Desillusionierung.
Jenny kleidet diese Geschichte des Erwachsenwerdens in eindringliche, doch niemals aufdringliche Bilder, die beim Leser noch lange nachwirken. --Kathrin Rüstig
Neue Zürcher Zeitung
Zoë Jennys Roman-Début «Das Blütenstaubzimmer»
Er habe oft versucht, sich mit der Gestalt seiner Mutter und seines Vaters auseinanderzusetzen, schreibt Peter Weiss in seiner autobiographischen Erzählung «Abschied von den Eltern», nie habe er das Wesen dieser beiden Portalfiguren seines Lebens fassen und deuten können. Die Trauer, die ihn bei ihrem Tod überkam, «galt nicht ihnen, denn sie kannte ich kaum, die Trauer galt dem Versäumten, das meine Kindheit und Jugend mit gähnender Leere umgeben hatte». Was daraus folgt, ist ein 150 Seiten langer atem- und absatzloser Monolog, das Dokument einer literarischen Selbstbefreiung, das «peilend zwischen Aufruhr und Unterwerfung» für eine ganze Generation autobiographischen Schreibens stilbildend wirkte. Es mündet in einem Satz, der richtungweisend für das Jahrzehnt der nachgetragenen Liebe und hinterhergeschriebenen Hasstiraden in der deutschsprachigen Literatur wurde: «Ich war auf dem Weg, auf der Suche nach einem eigenen Leben.»
Das eigene Leben, das selbst eroberte oder auch erst im Schreiben gewonnene, das «erschriebene» Leben: dieser emphatische Anspruch stand als Motto über der Abschieds- und Abrechnungsliteratur der siebziger Jahre; er prägte das Identitätsmuster einer Generation, deren Protagonisten jetzt grossenteils selber Eltern geworden sind. In Zoë Jennys Début die Basler Autorin ist 23 taucht diese Generation nun im Halbprofil auf, in jenem schrägen Licht, in dem eine Heranwachsende, ein Kind noch, Vater und Mutter betrachten muss, wenn diese vor allem eines im Sinne haben: das eigene Leben. Der Glücksanspruch, der damit verbunden ist, geht zwangsläufig auf Kosten dessen, wovon man sich seinerzeit nachdrücklich absetzte der Familie. Oder mit Peter Weiss zu sprechen: des «gänzlich missglückten Versuchs von Zusammenleben, in dem die Mitglieder einer Familie ein paar Jahrzehnte lang beieinander ausgeharrt hatten».
Zwischen Aufruhr und Melancholie
Die Kinder, denen dieser Versuch von vorneherein erspart worden ist, haben die Freiheit (oder das, was man dafür hielt) früh aufgezwungen bekommen, es kommt vor, dass «das eigene Leben» unter solchen Bedingungen eher ein einsames ist. Die Bücher der heute Zwanzig- bis Dreissigjährigen sind von diesem Lebensgefühl geprägt: peilend zwischen Aufruhr und Melancholie, zwischen schnoddriger Trauer und vorlauter Was-kost-die-Welt-Attitüde, sind ihnen die «Portalfiguren ihres Lebens» entweder auf eine höhnische Weise schnuppe oder so tapfer gleichgültig, dass der weggeschobene Schmerz jeden Satz unterhöhlt. Dem ersteren Lager gehört der Schnellspur-Yuppie Christian Kracht mit seinem Party-Roman «Faserland» an, dem letzteren lässt sich das autobiographische Alter ego von Zoë Jenny zuordnen; gemeinsam ist ihnen eine unsentimentale, lakonische Sicht auf die Restbestände der Institution Familie am Ende dieses Jahrhunderts.
«Als meine Mutter ein paar Strassen weiter in eine andere Wohnung zog, blieb ich bei Vater» mit diesem trockenen Statement wird der Roman «Das Blütenstaubzimmer» und eine dramatische Epoche im Leben der Ich-Erzählerin eingeleitet. Sie ist noch ein Kind, sie erzählt in Sätzen, in denen das Kinderherz klopft. Der Blick haftet am Einzelnen, das Gefühl steckt im Greifbaren. Es herrschen die Grössenverhältnisse eines kindlichen Pantheismus, bei dem das grosse Ganze im Klitzekleinen atmet. Zoë Jenny verbindet ein hoch entwickeltes Sensorium für Interieurs mit einem metaphorischen Taktgefühl, das die seelische Not ans konkrete Detail delegiert.
In wenigen knappen Skizzen entwirft die Autorin eine Art atmosphärischer Kindheit, die den Leser in jene versunkenen Tiefen zurückkatapultiert, die der erwachsenen Gefühlsökonomie so leicht nicht mehr zugänglich sind. Wie das Kind Jo allabendlich voller Angst den Aufbruch des Vaters verfolgt, der nachts Waren ausfährt, um die Bücher zu finanzieren, die er tagsüber druckt, wie das grosse schwarze Insekt, das in jeder Kindheit im Dunkeln hockt, die Träume bis zum Morgengrauen in Schach hält, wie die Angst in Ohnmacht, die Ohnmacht in Wut umschlägt, als eine rotblonde Frau auf hohen Hacken ins Leben des Vaters stöckelt die kleinen grossen Katastrophen, die die frühe Lebenszeit zum unauslotbaren Terrain für die Literatur machen, erzählt Zoë Jenny in einer unterkühlten Tonlage, durch die die Empfindungen sich wie unbeabsichtigt hindurchschummeln. Was so entsteht, ist die Blaupause einer Kindheitslandschaft, in der zwei zernagte Schnuller als «beste Freunde» auftreten. Und wenn die Nachbarkinder, mit denen das Mädchen nicht spielen mag, im erleuchteten Haus gegenüber verschwunden sind, dann beneidet es sie, «in einem der Lichter zu sein».
Manchmal steht mittags die Mutter am Schultor, eine ferne schöne Gestalt, die mit der Tochter im Schlepptau im Warenhaus Kleider klaut. Das sind die Tage, an denen es haufenweise Schokoladenkuchen gibt und das Gesicht der Mutter weich und fröhlich ist. «Im Restaurant, während ich meinen Sirup schlürfte, griff meine Mutter immer wieder in die Tasche, nach dem Stoff, ihr Mund stand leicht offen, und die Augen waren riesengross, als sei es kaum zu ertragen, und ich wusste, sie war glücklich.»
Dann kommt der Tag, wo die Mutter der Tochter eröffnet, dass sie für immer fortgehen wird, mit einem Mann, den sie liebt, «wie sie einmal meinen Vater geliebt habe». Da ist die Kindheit und der schönste Abschnitt des Buches vorbei. Im zweiten Teil finden wir uns in der Gegenwart wieder, in den frühen neunziger Jahren. Die Erzählerin ist jetzt 18 Jahre alt, sie hat das Abitur hinter sich und will in der leeren Zeit, die ihr noch bis zum Studium bleibt, die zwölf Jahre zuvor entschwundene Sehnsuchtsfigur ihres Lebens wiedersehen. Die Tochter ruft an «ich duckte mich vor dem Schweigen in der Leitung wie vor Schlägen» , die Mutter lacht ein nicht enden wollendes Lachen, und zwei Tage später steht Jo in einem mit grellen Bildern bestückten Haus, ein Eindringling aus einem anderen Leben. Der Maler, mit dem die Mutter zusammenlebt, glotzt beim Abendbrot stur auf den tonlos flimmernden Bildschirm. Kurze Zeit später ist der Maler tot, und die Tochter hofft, dass das Leben der Mutter nun «nicht mehr länger dieses grosse Geheimnis bleiben würde, das bisher, wie ein immer hungriges Raubtier, den Grund, den Boden, auf dem ich zu gehen gedachte, rücksichtslos verschlungen hatte. Es war für mich die Zeit gekommen, unverzichtbar und endlich ein Teil von ihrem Leben zu werden.»
Verdämmerte Tage
Wer dem paradoxen Klang des letzten Satzes nachhorcht, ist schnell bei dem wunden Punkt dieses so vielversprechend beginnenden Buches angelangt. «Es war für mich die Zeit gekommen» . . . das ist ein Halbsatz in den Aufbruch hinein, ein Satz auf dem Weg in ein «eigenes Leben». Der Halbsatz, der folgt, aber kippt ins «Verschlungenwerden». Dieser Konflikt zerrt an den Sätzen. Es scheint, als liesse die Mutter nicht los, als sei das «hungrige Raubtier» noch längst nicht gesättigt. Der Gefühlsdruck wird zum Beschreibungsnotstand.
So hat im zweiten Teil die Mutter der Tochter die Feder geführt und zwar um den Mutter- und-Tochter-Konflikt herum. Statt dessen kommt die Gegenwart mit ihren Malaisen ins Spiel, zerfasert der zweite Teil in belanglosen Episoden des Heutigen: Aids-Angst und Ecstasy-Parties, Pubertätsnöte und endlos verdämmerte Tage in der Provinz. Und auf dem Kaminsims zwei Findlinge aus einem früheren Leben blaue Kinderschuhe, die die Mutter vor Jahren gekauft und dann nicht abgeschickt hat.
Es ist offensichtlich, dass ein wenig Ablagerungszeit und manch energischer Strich hier schon viel getan hätten den spröden Ton, die atmosphärische Feinabstimmung des Beginns finden wir auch auch in diesem Teil. Zoë Jenny hantiert geschickt mit der Ungleichzeitigkeit der Empfindung und auch wo sich das Geschehen im Marginalen verliert, hält sie den Text in jener empfindlichen Schwebe, die die Aufmerksamkeit absorbiert. Die Gefühlsgenauigkeit, mit der sie Stimmungen in Sinneseindrücke verwandelt, schafft originelle poetische Szenerien wie jenes «Blütenstaubzimmer», in das sich die Mutter nach dem Tod des Malers wochenlang einschliesst. Eine goldüberstäubte Grabkammer, ein Raum, befreit vom Gerümpel des Zivilstandes, bedeckt vom Fallout Tausender Blütenköpfe es ist dies ein weit originellerer literarischer Topos als die am Ende bemühte verschneite Landschaft, in der seit Robert Walser so gerne ein weisses Leichentuch übers Finale gebreitet wird. Mitunter freilich führen auch ausgetretene Pfade in die richtige Richtung. Zoë Jenny ist auf dem Weg auf der Suche nach einem eigenen poetischen Ort.
Andrea Köhler
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Über den Autor
Auszug aus Das Blütenstaubzimmer. von Zoe Jenny. Copyright © 1999. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Als meine Mutter ein paar Straßen weiter in eine andere Wohnung zog, blieb ich bei Vater. Das Haus, in dem wir wohnten, roch nach feuchtem Stein. In der Waschküche stand eine Druckmaschine, auf der mein Vater tagsüber Bücher druckte. Immer, wenn ich vom Kindergarten nach Hause kam, ging ich zu ihm in die Waschküche, und wir stiegen gemeinsam in die Wohnung hinauf, wo wir unser Mittagessen kochten. Abends vor dem Einschlafen stand er neben meinem Bett und zeichnete mit einer glühenden Zigarette Figuren ins Dunkel. Nachdem er mir heiße Milch mit Honig gebracht hatte, setzte er sich an den Tisch und begann zu schreiben. Im rhythmischen Gemurmel der Schreibmaschine schlief ich ein, und wenn ich aufwachte, konnte ich durch die geöffnete Tür seinen Hinterkopf sehen, ein heller Kranz von Haaren im Licht der Tischlampe, und die unzähligen Zigarettenstummel, die, einer neben dem anderen, wie kleine Soldaten den Tischrand säumten.
Da die Bücher, die mein Vater verlegte, nicht gekauft wurden, nahm er eine Stelle als Nachtfahrer an, damit er tagsüber weiterhin die Bücher drucken konnte, die sich erst im Keller und auf dem Dachboden und später überall in der Wohnung stapelten.
Nachts fiel ich in einen unruhigen Schlaf, in dem die Träume zerstückelt an mir vorbeischwammen wie Papierschnipsel in einem reißenden Fluß. Dann das klirrende Geräusch, und ich war hellwach. Ich blickte an die Decke zu den Spinnengeweben empor und wußte, daß mein Vater jetzt in der Küche stand und den Wasserkessel auf den Herd gesetzt hatte. Sobald das Wasser kochte, ertönte ein kurzes Pfeifen aus der Küche, und ich hörte, wie Vater den Kessel hastig vom Herd nahm. Noch während das Wasser tropfenweise durch den Filter in die Thermoskanne sickerte, zog der Geruch von Kaffee durch die Zimmer. Darauf folgten rasch gedämpfte Geräusche, ein kurzer Moment der Stille; mein Atem begann schneller zu werden, und ein Kloß formte sich in meinem Hals, der seine volle Größe erreicht hatte, wenn ich vom Bett sah, wie Vater, in seine Lederjacke gehüllt, leise die Wohnungstür hinter sich zuzog. Ein kaum hörbares Klack, ich wühlte mich aus der Bettdecke und stürzte ans Fenster. Langsam zählte ich eins, zwei, drei; bei sieben sah ich, wie er mit schnellen Schritten die Straße entlangging, eingetaucht in das dumpfe Gelb der Straßenlaterne; bei zehn war er stets beim Restaurant an der Ecke angelangt, wo er abbog. Nach weiteren Sekunden, in denen ich den Atem anhielt, hörte ich den Motor des Lieferwagens, der laut ansprang, sich entfernend immer leiser wurde und schließlich ganz verstummte. Dann lauschte ich in die Dunkelheit, die langsam, wie ein ausgehungertes Tier, aus allen Ecken kroch. In der Küche knipste ich das Licht an, setzte mich an den Tisch und umklammerte die noch warme Kaffeetasse. Suchte den Rand nach den braunen, eingetrockneten Flecken ab, das letzte Lebenszeichen, wenn er nicht mehr zurückkehrte. Allmählich erkaltete die Tasse in meinen Händen, unaufhaltsam drang die Nacht herein und breitete sich in der Wohnung aus. Sorgfältig stellte ich die Tasse hin und ging durch den schmalen hohen Gang in mein Zimmer zurück.
Vor dem Fensterrechteck, aus dem ich zuvor meinen Vater beobachtet hatte, hockte jetzt das Insekt, das mich böse anglotzte. Ich setzte mich auf die äußerste Kante des Bettes und ließ es nicht aus den Augen. Jederzeit konnte es mir ins Gesicht springen und seine knotigen, pulsierenden Beine um meinen Körper schlingen. In der Mitte des Zimmers tobten Fliegen um die Glühbirne. Ich starrte in das Licht und auf die Fliegen, und aus den Augenwinkeln beobachtete ich das Insekt, das schwarz und regungslos vor dem Fenster kauerte.
Nach und nach wickelte mich Müdigkeit ein wie warmes Fell. Ich strengte mich an, zwischen den nur noch halb geöffneten Augenlidern die einzelnen Fliegen zu unterscheiden, doch sie schlossen sich mehr und mehr zu einem in der Luft schwirrenden Kreis. Das Insekt kicherte, und ich spürte seine Fühler langsam über den Boden auf meine vom Bett hängenden Füße zukriechen. Ich rannte in die Küche und hielt den Kopf unter das kalte Wasser. Meine Blase war angeschwollen und schmerzte. Ich traute mich nicht, auf die Toilette zu gehen, die auf dem Zwischenstock lag, weil das Licht im Treppenhaus nach kurzer Zeit ausging. Ich spürte das Insekt, das sich in meinem Zimmer regte und nur darauf wartete, mich im dunklen Treppenhaus zu überfallen. In der Küche auf und ab gehend, begann ich die Lieder vor mich hin zu summen, die wir im Kindergarten gelernt hatten. Nur wenige Lieder konnte ich auswendig, weshalb ich sie immer wieder anders zusammensetzte. Mit dem Anschwellen des Schmerzes in der Blase wurde auch meine Stimme lauter, von der ich inständig hoffte, sie trüge mich aus meinem Körper heraus. Schließlich blieb ich vor dem Küchenschrank stehen und pinkelte in ein Gefäß, das ich wischen die Beine klemmte. Sobald das Morgenlicht durch das Küchenfenster schimmerte, zog sich das Insekt in seine ferne Welt zurück. Die Dunkelheit wurde langsam verschluckt. Erschöpft ging ich in mein Zimmer zurück und wühlte mich in die Bettdecke. Um sieben Uhr läutete das Telefon. Es war Vater, der von unterwegs anrief, um mich zu wecken.
Manchmal blieb die Nacht draußen. Im Fensterrechteck spiegelten sich dann die Köpfe, die zur Stimme von Mick Jagger hin und her wackelten. Ich saß auf den Knien einer Frau und half ihr, die Flasche mit den vier Rosen auf dem Etikett an den Mund zu setzen.
Wenn sie den Kopf lachend nach hinten warf, lief der Alkohol aus den Mundwinkeln und rann in feinen Linien über die gepuderten Wangen. Am meisten lachte sie, wenn Vater in seinem wilden Tanz, bei der er sich mit fliegenden Armen um sich selbst drehte, über einen Stapel Papier oder Bücher stolperte; dann prustete sie den Alkohol aus ihren aufgeblasenen Backen angenehm kühl über mein Gesicht. "Willst du ein Geheimnis wissen?" fragte ich sie und nahm ihr die Flasche aus dem Mund.
"Ein Geheimnis?" Sie gluckste. Schob das Wort wie eine Süßigkeit im Mund herum.
"Geheimnisse mag ich", sagte sie und drückte dem jungen Mann neben ihr einen Kuß auf die Wange.
"Komm, ich zeig dir eines", sagte ich. Ihre Hand lag warm und willenlos in der meinen, als ich sie durch das von Büchern und Flaschen verbaute Arbeitszimmer meines Vaters führte. In meinem Zimmer ließ sie sich auf Bett plumpsen und setzte die Flasche wieder an den Mund, während ich die Zeichnungen unter dem Kleiderschrank hervorholte.
"Was ist das?" Sie schaute mit großen wäßrigen Augen auf die schwarzen Kleckse.
"Das Insekt. Es kommt immer nachts, wenn ich alleine bin, und frißt meinen Schlaf".
"Ahh ja?" Sie blickte mich mit gerunzelter Stirn an; ich nahm ihr die Zeichnungen aus den Händen und versteckte sie wieder unter den Schrank.
"Glaubst du an Gott?" fragte ich.
Aber als ich mich umdrehte, war sie bereits auf den Boden gesunken, die leere Flasche im Arm. Ich beugte mich über sie und versuchte sie vorsichtig wach zu rütteln. Sie bewegte sich nicht mehr, nur ihre rosa Augendeckel zuckten aufgeregt im Schlaf. Aus dem Arbeitszimmer meines Vaters drang noch immer Musik und lautes Gelächter. Ich löschte das Licht. Heute würde sich das Insekt nicht trauen. Und falls es doch noch kommen sollte, lag neben meinem Bett ein Körper, felsig und schwer.
Eines Nachts hatte mein Vater einen Unfall. Er war am Steuer eingeschlafen und gegen einen Baum gefahren. Er hatte einen Schock erlitten und lag zwei Wochen mit Fieber im Bett. Ich steckte das Telefon aus, zog die Vorhänge vor den Fenstern zu, und wenn es an der Tür klingelte, ignorierten wir es. Sowieso nur einer, der Geld will, sagte mein Vater müde und drehte sich auf die andere Seite. Im Kindergarten meldete er mich krank; paß auf, daß dich niemand sieht, sagte er zu mir, wenn ich zum Laden an der Ecke ging, um Zigaretten und Sandwiches zu holen. Ich schlüpfte in die zu große Windjacke, die uns mit anderen Kleidern von einem wohltätigen Amt zugeschickt worden war, zog die Kapuze über den Kopf und rannte die Straße hinunter zum Laden.
Das Tageslicht sickerte durch die gelben Vorhänge, und wenn es draußen sehr schön war, lagen matte Sonnenstreifen auf der Bettdecke. Diese Strahlen haben einen weiten Weg hinter sich, sagte Vater, sie ruhen sich jetzt bei uns aus. Ich holte Nico und Florian, meine einzigen und besten Freunde, und setzte sie in einen Sonnenstreifen. Ich glaube, sie wollen eine Reise machen, sagte ich. Nico, ein blauer Schnuller, der vom vielen Daraufherumkauen schon ganz abgewetzt war, saß auf dem rechten, Florian, ein gelber Schnuller, auf dem linken Fuß meines Vaters. In jeder Hand einen Schnuller, hüpfte ich über die Bettdecke, überquerte Täler, Berge und Seen zwischen den Stoffalten und landete schließlich auf dem Kopf meines Vaters, einem Labyrinth aus dunklen Haaren. Wir müssen nie mehr hinausgehen, sagte ich zu ihm, wir haben alles hier, die Sonne und die Berge, die Seen und die Täler. Ich ging in die Küche und in mein Zimmer und zog auch dort die Vorhänge zu. Von meinem Fenster aus sah ich die Kinder der Nachbarschaft auf den Knien am Boden herumrutschen und bunte Glaskugeln in die Vertiefung des gußeisernen Schachtdeckels rollen. Spiel mit ihnen, hatte Vater immer gesagt, wenn ich, auf dem Wäschetrockner sitzend, ganze Tage in der Waschküche verbrachte und zuschaute, wie das Papier von den Druckwalzen eingesogen und unten frisch bedruckt wieder ausgespuckt wurde. Aber ich bin nicht zu ihnen hinausgegangen, sondern habe sie vom Fenster meines Zimmers aus beobachtet. Die Mädchen kicherten schadenfroh, wenn ein Junge nicht richtig zielte, die Kugel dann auf die Straße rollte und durch ein Abflußgitter fiel. Zur Strafe wurden die Mädchen auf den Rücken gelegt, und die Jungen spuckten ihnen der Reihe nach von oben ins Gesicht. Wenn es regnete, verschwanden sie alle zusammen durch die dicke Glastür ins gegenüberliegende Haus. Die graue Fassade wurde vom Regen fast schwarz. Die erleuchteten Fenster darin waren wie friedliche kleine Inseln. Erst dann wäre ich gerne bei ihnen gewesen und beneidete sie, in einem dieser Lichter zu sein.
Eines Nachmittags beschloß ich, mit Nico und Florian eine Schiffsreise zu machen. Wir gehen auf ein Schiff, eines, wie Sindbad es hatte, erklärte ich Vater, holte alle Decken und Kissen, die ich in der Wohnung fand, baute aus ihnen einen Hügel auf seinem Bett und setzte mich in die Mitte. Vater, eine Riesenkrake, breitete seine Arme um den Deckenhügel, und das Schiff sank auf und nieder, bis es im tobenden Sturm krachend kippte und wir am Boden lagen, Kissen und Decken wild zerstreut. Wieder einmal hatten wir den Sturm besiegt. Kaum war der Sturm abgezogen, läutete es an der Tür. Eine Frau mit rotblonden Haaren stöckelte das Treppenhaus herauf, in unsere Wohnung hinein und verschwand mit meinem Vater in der Küche.
Ich sammelte die Kissen und Decken ein, unser vom Sturm zertrümmertes Schiff, und lauschte der fremden lauten Stimme hinter der geschlossenen Küchentür.
Bald darauf mietete mein Vater für die Frau ein leerstehendes Zimmer im oberen Stockwerk. Dort hatte sie auf dem Boden neben der Matratze die Bücher mit den Sternen aufgereiht. Ihr Finger fuhr über die glänzende schwarze Seite. Hier ist der Große Bär und hier der Drachen, sagte sie zu mir; aber ich sah keinen Bären und keinen Drachen; nur wild hingestreute weiße Punkte auf dunklem Grund. Wenn sie nicht mit gekreuzten Beinen und geschlossenen Augen auf der Matratze saß, hockte sie rauchend in der Küche mit Männern, die aufmerksam ihrem Gekreische zuhörten. Eliane lachte nicht; sie kreischte, und ihr Gesicht wurde rot dabei. Ich verabscheute sie, wenn sie so in der Küche saß, und auch die Männer, die mich an sich zogen und meine langen Haare berührten.
"Richtige Spaghettihaare", sagten sie dann und grinsten. "Laß meine Haare in Ruhe, Arschloch", fauchte ich und riß mich los.
"Wo hat sie dieses Wort nur wieder her?" wunderten sie sich gespielt, brüllten wieder los und freuten sich an Elianes rotem Gesicht. Viel lieber sah ich sie stumm auf der Matratze in ihrem Zimmer sitzen.
"Wenn man meditiert, vergißt man alles um sich herum, man denkt nichts mehr", sagte sie.
"Weiß man nicht einmal mehr seinen eigenen Namen?" "Nicht einmal den, und man vergißt einfach alles, auch wo man sich im Augenblick befindet."
"Aber wo ist man dann?"
"Im Nichts", sagte sie ernst.
"Was ist im Nichts?"
"Muß jeder selbst herausfinden."
Als ich zur Tür hereinkam, sah sie aus wie eine Statue. Die sonst gerötete Haut, die sich um ihre Backenknochen spannte, war bleich und wächsern. Der geschlossene Mund eine Festung, ich hätte Angst davor haben können. Aber ihre nervös zuckenden Wimpern verrieten sie. Ich hielt ihr meinen Handrücken unter die Nase und fühlte auf der Haut ihren zögernden, ängstlichen Atem.
"Ich weiß, daß du weißt, daß ich hier bin", sagte ich. Ihre Augen schlugen auf, der Mund spitzte sich zu einer winzigen dunklen Öffnung, dann knallte sie mir eine Ohrfeige und stellte mich vor die Tür. Von da an blieb die Tür zu ihrem Zimmer verschlossen.
Als mein Vater sie schließlich geheiratet hatte, saß sie immer öfter in der Küche. Ich sah sie Orangen schälen, rauchen, bergeweise Nüsse essen. Auf dem Tisch waren immer mehrere Hügel Nußschalen, dazwischen standen Gläser und riesige überquellende Aschenbecher. Diese flogen ab und zu ins Arbeitszimmer meines Vaters. Eliane wirbelte dann ihren rotblonden Kopf herum und stampfte brüllend durch die Wohnung. Nach einem dieser Anfälle, wie Vater ihre Wutausbrüche in verständnisvollem Ton zu bezeichnen pflegte, schenkte er ihr ein Computerspiel in Taschenformat. Ein Feuerwehrmann mußte mit einem Schlauch in ein brennendes Haus eindringen und durch geschickte Sprünge den herunterfallenden Dachziegeln ausweichen. Eliane saß damit stundenlang ruhig in der Küche. Ich vergaß sie, und irgendwann war sie verschwunden. Sie hinterließ einen Slip mit blauen Blümchen und ein ausgetrocknetes Deodorant, das ich beim Wischen unter dem Küchenschrank fand. Ein Jahr später kam eine Karte. Eine Fotografie von einem weißen Sandstrand und vornübergebeugten Palmen: Gruß aus dem fröhlichen Spanien. Eliane. Ich fragte mich, ob sie jetzt vielleicht mit gekreuzten Beinen unter diesen Palmen säße und sich einbildete, nicht da zu sein.
Die Sonntage verbrachte ich bei meiner Mutter. Abends stand sie mit aufgestecktem Haar vor dem großen Spiegel und fuhrwerkte mit Stiften und Schwämmchen in ihrem Gesicht herum. Ich reichte ihr die Döschen und Fläschchen, die auf dem Fensterbrett standen, und schraubte die wertvoll aussehenden Blumen und tropfenförmigen Verschlüsse von Parfümflaschen. Sobald der Babysitter kam, löste sie ihr Haar, das sich braun und duftend über ihrem Rücken auffächerte, und verschwand in die Nacht hinaus. Später weckte mich ihr Wimmern aus dem Schlaf, und ich tastete mich im Dunkeln zu ihrem Bett. Sie lag unter der farbigen Blumendecke, geschüttelt von mir unbegreiflichen geheimnisvollen Schmerzen. Von ihrem Gesicht sah ich nur ein Dreieck aus Nasenspitze und Mund, der Rest lag unter ihren weißen Händen begraben. Nach einer Weile schlug sie die Decke zurück, und ich kroch hinein in das salzigwarme Bett.
Einmal in der Woche holte sie mich mittags von der Schule ab. Von weitem sah ich sie neben dem Eisentor stehen, und ich rannte über den Schulhof auf sie zu. Sie nahm mich an der Hand, und wir gingen zusammen in die Stadt. In den Umkleidekabinen, die nach Schweiß und Plastik rochen, packte sie einige Kleider in die große Schultertasche, die anderen legte sie wieder in die Regale zurück. Sobald sie an der Kasse ein paar Socken oder ein T-Shirt bezahlt hatte, streichelte sie meinen Kopf, wie man frischgeborene Kätzchen streichelt, und die Verkäuferinnen, die uns durchs Schaufenster nachschauten, klatschten entzückt in die Hände. Das waren Tage, an denen es haufenweise Schokoladenkuchen gab und das Gesicht meiner Mutter weich und fröhlich war. Im Restaurant, während ich aus einem Trinkhalm meinen Sirup schlürfte, griff meine Mutter immer wieder in die Tasche, nach dem Stoff, ihr Mund stand leicht offen, und die Augen waren riesengroß, als sei es kaum zu ertragen, und ich wußte, sie war glücklich. Zu Hause entfernte sie mit der Schere die Preisetiketten von den Kleidern, hängte sie sorgfältig an den Kleiderständer und rollte ihn langsam und mit dem erhobenen Kopf einer Königin, die vor ihr Reich tritt, ins Zimmer.
Immer wieder wartete ich nach Schulschluß stundenlang vor dem Eisentor auf sie. Aber sie kam nicht mehr. Ich fragte Vater, ob mit ihr etwas geschehen sei, aber er schüttelte den Kopf und schwieg.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe:
Taschenbuch
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