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Anders als Michel Houellebecqs Ausweitung der Kampfzone (1999), das von der zynischen Weltsicht des Protagonisten und dessen kalter Ablehnung der verlogenen Gesellschaftsrituale lebt, ist Jennys Blütenstaubzimmer eine fein ziselierte Studie eines langsamen, desillusionierenden Abschieds einer jungen Frau vom kindlichen Wunsch nach Aufgehobensein und Anerkanntsein in der Familie.
Während der Vater, bei dem die 18jährige Jo aufgewachsen ist, bei all seiner Hilflosigkeit doch immer wieder versucht, der Tochter emotionale Zuwendung zu vermitteln, ist die Mutter Lucy, die von Jo nach zwölf Jahren das erste Mal besucht wird, viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als sich um die Bedürfnisse der Tochter zu kümmern. Zudem stirbt kurze Zeit nach Jos Ankunft Lucys zweiter Ehemann (Unfall? Selbstmord?), was zu einer tiefen seelischen Krise der Mutter führt, während derer sie sich in dem titelgebenden Blütenstaubzimmer einschließt.
Sprachlosigkeit und Unfähigkeit zu Interaktion beherrschen das Verhalten der Protagonisten. Statt zu reden, flüchten sie sich in symbolische Akte. So der Vater, der Jo auf schweigsame nächtliche Spritztouren in seinem Buick mitnimmt, bei denen nichts weiter passiert als daß die beiden Gauloise-rauchend nebeneinander im Wagen sitzen. So die Mutter, die sich erst total zurückzieht und verschließt, nach dieser Phase dann ihrem Hedonismus frönt. Jo selbst versucht schon als kleines Mädchen, der verständnislosen Erwachsenenwelt ihre Bedürfnisse mitzuteilen, ebenfalls natürlich nur in symbolischer Form. Aber ihre Anstrengungen scheitern, Enttäuschungen, das Desinteresse der Umwelt, führen schließlich zu Jos Desillusionierung.
Jenny kleidet diese Geschichte des Erwachsenwerdens in eindringliche, doch niemals aufdringliche Bilder, die beim Leser noch lange nachwirken. --Kathrin Rüstig -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Zoë Jennys Roman-Début «Das Blütenstaubzimmer»
Er habe oft versucht, sich mit der Gestalt seiner Mutter und seines Vaters auseinanderzusetzen, schreibt Peter Weiss in seiner autobiographischen Erzählung «Abschied von den Eltern», nie habe er das Wesen dieser beiden Portalfiguren seines Lebens fassen und deuten können. Die Trauer, die ihn bei ihrem Tod überkam, «galt nicht ihnen, denn sie kannte ich kaum, die Trauer galt dem Versäumten, das meine Kindheit und Jugend mit gähnender Leere umgeben hatte». Was daraus folgt, ist ein 150 Seiten langer atem- und absatzloser Monolog, das Dokument einer literarischen Selbstbefreiung, das «peilend zwischen Aufruhr und Unterwerfung» für eine ganze Generation autobiographischen Schreibens stilbildend wirkte. Es mündet in einem Satz, der richtungweisend für das Jahrzehnt der nachgetragenen Liebe und hinterhergeschriebenen Hasstiraden in der deutschsprachigen Literatur wurde: «Ich war auf dem Weg, auf der Suche nach einem eigenen Leben.»
Das eigene Leben, das selbst eroberte oder auch erst im Schreiben gewonnene, das «erschriebene» Leben: dieser emphatische Anspruch stand als Motto über der Abschieds- und Abrechnungsliteratur der siebziger Jahre; er prägte das Identitätsmuster einer Generation, deren Protagonisten jetzt grossenteils selber Eltern geworden sind. In Zoë Jennys Début die Basler Autorin ist 23 taucht diese Generation nun im Halbprofil auf, in jenem schrägen Licht, in dem eine Heranwachsende, ein Kind noch, Vater und Mutter betrachten muss, wenn diese vor allem eines im Sinne haben: das eigene Leben. Der Glücksanspruch, der damit verbunden ist, geht zwangsläufig auf Kosten dessen, wovon man sich seinerzeit nachdrücklich absetzte der Familie. Oder mit Peter Weiss zu sprechen: des «gänzlich missglückten Versuchs von Zusammenleben, in dem die Mitglieder einer Familie ein paar Jahrzehnte lang beieinander ausgeharrt hatten».
Zwischen Aufruhr und Melancholie
Die Kinder, denen dieser Versuch von vorneherein erspart worden ist, haben die Freiheit (oder das, was man dafür hielt) früh aufgezwungen bekommen, es kommt vor, dass «das eigene Leben» unter solchen Bedingungen eher ein einsames ist. Die Bücher der heute Zwanzig- bis Dreissigjährigen sind von diesem Lebensgefühl geprägt: peilend zwischen Aufruhr und Melancholie, zwischen schnoddriger Trauer und vorlauter Was-kost-die-Welt-Attitüde, sind ihnen die «Portalfiguren ihres Lebens» entweder auf eine höhnische Weise schnuppe oder so tapfer gleichgültig, dass der weggeschobene Schmerz jeden Satz unterhöhlt. Dem ersteren Lager gehört der Schnellspur-Yuppie Christian Kracht mit seinem Party-Roman «Faserland» an, dem letzteren lässt sich das autobiographische Alter ego von Zoë Jenny zuordnen; gemeinsam ist ihnen eine unsentimentale, lakonische Sicht auf die Restbestände der Institution Familie am Ende dieses Jahrhunderts.
«Als meine Mutter ein paar Strassen weiter in eine andere Wohnung zog, blieb ich bei Vater» mit diesem trockenen Statement wird der Roman «Das Blütenstaubzimmer» und eine dramatische Epoche im Leben der Ich-Erzählerin eingeleitet. Sie ist noch ein Kind, sie erzählt in Sätzen, in denen das Kinderherz klopft. Der Blick haftet am Einzelnen, das Gefühl steckt im Greifbaren. Es herrschen die Grössenverhältnisse eines kindlichen Pantheismus, bei dem das grosse Ganze im Klitzekleinen atmet. Zoë Jenny verbindet ein hoch entwickeltes Sensorium für Interieurs mit einem metaphorischen Taktgefühl, das die seelische Not ans konkrete Detail delegiert.
In wenigen knappen Skizzen entwirft die Autorin eine Art atmosphärischer Kindheit, die den Leser in jene versunkenen Tiefen zurückkatapultiert, die der erwachsenen Gefühlsökonomie so leicht nicht mehr zugänglich sind. Wie das Kind Jo allabendlich voller Angst den Aufbruch des Vaters verfolgt, der nachts Waren ausfährt, um die Bücher zu finanzieren, die er tagsüber druckt, wie das grosse schwarze Insekt, das in jeder Kindheit im Dunkeln hockt, die Träume bis zum Morgengrauen in Schach hält, wie die Angst in Ohnmacht, die Ohnmacht in Wut umschlägt, als eine rotblonde Frau auf hohen Hacken ins Leben des Vaters stöckelt die kleinen grossen Katastrophen, die die frühe Lebenszeit zum unauslotbaren Terrain für die Literatur machen, erzählt Zoë Jenny in einer unterkühlten Tonlage, durch die die Empfindungen sich wie unbeabsichtigt hindurchschummeln. Was so entsteht, ist die Blaupause einer Kindheitslandschaft, in der zwei zernagte Schnuller als «beste Freunde» auftreten. Und wenn die Nachbarkinder, mit denen das Mädchen nicht spielen mag, im erleuchteten Haus gegenüber verschwunden sind, dann beneidet es sie, «in einem der Lichter zu sein».
Manchmal steht mittags die Mutter am Schultor, eine ferne schöne Gestalt, die mit der Tochter im Schlepptau im Warenhaus Kleider klaut. Das sind die Tage, an denen es haufenweise Schokoladenkuchen gibt und das Gesicht der Mutter weich und fröhlich ist. «Im Restaurant, während ich meinen Sirup schlürfte, griff meine Mutter immer wieder in die Tasche, nach dem Stoff, ihr Mund stand leicht offen, und die Augen waren riesengross, als sei es kaum zu ertragen, und ich wusste, sie war glücklich.»
Dann kommt der Tag, wo die Mutter der Tochter eröffnet, dass sie für immer fortgehen wird, mit einem Mann, den sie liebt, «wie sie einmal meinen Vater geliebt habe». Da ist die Kindheit und der schönste Abschnitt des Buches vorbei. Im zweiten Teil finden wir uns in der Gegenwart wieder, in den frühen neunziger Jahren. Die Erzählerin ist jetzt 18 Jahre alt, sie hat das Abitur hinter sich und will in der leeren Zeit, die ihr noch bis zum Studium bleibt, die zwölf Jahre zuvor entschwundene Sehnsuchtsfigur ihres Lebens wiedersehen. Die Tochter ruft an «ich duckte mich vor dem Schweigen in der Leitung wie vor Schlägen» , die Mutter lacht ein nicht enden wollendes Lachen, und zwei Tage später steht Jo in einem mit grellen Bildern bestückten Haus, ein Eindringling aus einem anderen Leben. Der Maler, mit dem die Mutter zusammenlebt, glotzt beim Abendbrot stur auf den tonlos flimmernden Bildschirm. Kurze Zeit später ist der Maler tot, und die Tochter hofft, dass das Leben der Mutter nun «nicht mehr länger dieses grosse Geheimnis bleiben würde, das bisher, wie ein immer hungriges Raubtier, den Grund, den Boden, auf dem ich zu gehen gedachte, rücksichtslos verschlungen hatte. Es war für mich die Zeit gekommen, unverzichtbar und endlich ein Teil von ihrem Leben zu werden.»
Verdämmerte Tage
Wer dem paradoxen Klang des letzten Satzes nachhorcht, ist schnell bei dem wunden Punkt dieses so vielversprechend beginnenden Buches angelangt. «Es war für mich die Zeit gekommen» . . . das ist ein Halbsatz in den Aufbruch hinein, ein Satz auf dem Weg in ein «eigenes Leben». Der Halbsatz, der folgt, aber kippt ins «Verschlungenwerden». Dieser Konflikt zerrt an den Sätzen. Es scheint, als liesse die Mutter nicht los, als sei das «hungrige Raubtier» noch längst nicht gesättigt. Der Gefühlsdruck wird zum Beschreibungsnotstand.
So hat im zweiten Teil die Mutter der Tochter die Feder geführt und zwar um den Mutter- und-Tochter-Konflikt herum. Statt dessen kommt die Gegenwart mit ihren Malaisen ins Spiel, zerfasert der zweite Teil in belanglosen Episoden des Heutigen: Aids-Angst und Ecstasy-Parties, Pubertätsnöte und endlos verdämmerte Tage in der Provinz. Und auf dem Kaminsims zwei Findlinge aus einem früheren Leben blaue Kinderschuhe, die die Mutter vor Jahren gekauft und dann nicht abgeschickt hat.
Es ist offensichtlich, dass ein wenig Ablagerungszeit und manch energischer Strich hier schon viel getan hätten den spröden Ton, die atmosphärische Feinabstimmung des Beginns finden wir auch auch in diesem Teil. Zoë Jenny hantiert geschickt mit der Ungleichzeitigkeit der Empfindung und auch wo sich das Geschehen im Marginalen verliert, hält sie den Text in jener empfindlichen Schwebe, die die Aufmerksamkeit absorbiert. Die Gefühlsgenauigkeit, mit der sie Stimmungen in Sinneseindrücke verwandelt, schafft originelle poetische Szenerien wie jenes «Blütenstaubzimmer», in das sich die Mutter nach dem Tod des Malers wochenlang einschliesst. Eine goldüberstäubte Grabkammer, ein Raum, befreit vom Gerümpel des Zivilstandes, bedeckt vom Fallout Tausender Blütenköpfe es ist dies ein weit originellerer literarischer Topos als die am Ende bemühte verschneite Landschaft, in der seit Robert Walser so gerne ein weisses Leichentuch übers Finale gebreitet wird. Mitunter freilich führen auch ausgetretene Pfade in die richtige Richtung. Zoë Jenny ist auf dem Weg auf der Suche nach einem eigenen poetischen Ort.
Andrea Köhler -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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