Ich habe mich im Buchladen am Anfangskapitel festgelesen und daraufhin das Buch gekauft. Im weiteren Verlauf hat es mich zunächst enttäuscht und ich habe es nach 100 Seiten weggelegt. Jetzt habe ich es mir noch einmal vorgenommen, mehr oder weniger in einem Rutsch durchgelesen und war insgesamt von der Geschichte sehr angerührt.
Das Anfangskapitel, das mich so fasziniert hatte, gehört zu einer Reihe von Kapiteln, in denen (wie man später erfährt) eine mittlerweile sehr alte deutsche Jüdin erzählt, wie sie die entscheidenden Jahre der Verfolgung durch die Nazis überlebte. Eva Spiegler versuchte mit ihrem Mann Helmut, einem Pianisten, noch im Herbst 1941 in Konstanz über die Grenze in die Schweiz zu kommen; eine sehr junge Frau, die es versäumt hatte, rechtzeitig auszureisen, weil ihre Eltern dazu nicht bereit waren - der Vater war im ersten Weltkrieg Offizier gewesen und hatte geglaubt, dies würde ihn vor Hitler schützen. Die Grenze zur Schweiz ist zu, unter den Flüchtlingen kursiert ein sicherer Tipp: Gero von Nohlen würde helfen. Tatsächlich nimmt von Nohlen die inzwischen völlig mittellosen jüdischen Flüchtlinge in seiner Wohnung auf und behält sie dort, als sich rasch herausstellt, dass auch seine Beziehungen ihnen keine Flucht ermöglichen können. Eva Spiegler beginnt für den in undurchsichten Immobiliengeschäften reich gewordenen Gero von Nohlen die Bücher zu führen, während ihr Mann sich immer mehr in der Musik verliert. Sie beginnt eine Liebesbeziehung zu von Nohlen.
Der zweite Handlungsstrang, der letztlich tragende des Romans, spielt in der Gegenwart. Der jüngere Enkel von Nohlens, der dessen Namen Gero trägt, soll für eine Festschrift etwas über seinen Großvater schreiben. Gero von Nohlen junior ist eine verkrachte Existenz, psychisch angeschlagen, hält sich mühsam als freier Mitarbeiter der lokalen Zeitung über Wasser. Sein älterer Bruder Dietmar dagegen macht Karierre und will Oberbürgermeister von Konstanz werden. Als Gero bei seinen Recherchen entdeckt, dass das Bild des Helden, Widerstandskämpfers, Judenretters und früheren Konstanzer Bürgermeisters Gero von Nohlen senior einige dunkle Flecken enthält, ist seinem Bruder jedes Mittel recht, um zu verhindern, dass etwas aus der Vergangenheit ans Licht dringt, das ihm heute schaden kann.
Dieser Teil der Romanhandlung ist ein bisschen nach der Krimi-Manier von Raymond Chandler oder Dashiell Hammett geschrieben - Gero der einsame und etwas kaputte (Anti-)Held, der nach Philipp-Marlowe-Manier für Wahrheit und Gerechtigkeit kämpft und dabei gelegentlich eins in die Fresse kriegt. Bruder Dietmar ist als Provinzgröße, die über Leichen geht, etwas allzu sehr den Klassikern der Schwarzen Serie abgekupfert; seine frustrierte Frau Clara, die Gero mag, bleibt ebenfalls etwas undifferenziert und farblos, ebenso wie die Chefredakteurin der Zeitung etwas klischeehaft erscheint. Das waren die Gründe, die mich beim ersten Lektüre-Versuch irgendwann abbrechen ließen. Beim zweiten Versuch hat mich das alles (wie gelegentliche grammatische Fragwürdigkeiten im Gebrauch der Zeiten) jedoch weniger gestört, weil Marc Buhl insgesamt ein sehr schlüssiges Erzählkonzept entwickelt und vor allem mitreißend umsetzen kann. Die stärksten Passagen, da stimme ich den anderen Rezensenten zu, sind die eingestreuten Erzählungen Eva Spieglers. Das Verhältnis dieser Passagen zum Rest des Buches finde ich insgesamt schlüssig und überzeugend, auch das Ende keineswegs übertrieben. Man muss ein Buch nach seinen eigenen Zielen beurteilen und fragen, inwieweit es dem Autor gelungen ist, diese Ziele überzeugend umzusetzen. So halte ich es letztlich für eine subjektive Geschmacksfrage, ob einen das Ergebnis überzeugt oder nicht. Ich habe ja nun beide Erfahrungen gemacht: Ich war enttäuscht und genervt - und ich war beim zweiten Versuch fasziniert; die Chandler-Hammett-Masche hat mich schließlich sehr amüsiert. Insgesamt meine ich, dass Marc Buhl sein Konzept sehr gut umgesetzt hat. Natürlich hätte es jemand anders auch anders schreiben können, den einen oder anderen Akzent anders gesetzt oder Klischees vermieden (dafür vielleicht andere produziert). Mich hat das Buch insgesamt doch nicht hundertprozentig überzeugen können, aber doch sehr weitgehend.
Die größte Stärke des Autors ist es, mit wenigen Mitteln eine Atmosphäre sehr genau zu schildern. Nicht alle Personen sind gleichermassen schlüssig gezeichnet. Eva Spiegler am meisten, sehr nachvollziehbar aber auch der alte Gero von Nohlen, der als sehr schillernde, nicht auf eine schnelle Bewertung festzulegende Person erscheint. Sehr gut auch einige kurze Passagen aus der Perspektive seiner alten Schwester. Der junge Gero von Nohlen lässt beim Leser einiges offen, was aber zu dieser Figur gut passt, ich bin ihm letztlich doch sehr gern und aufmerksam auf seinem Weg gefolgt. Gar nicht überzeugt hat mich der Pianist Helmut Spiegler, der folgerichtig von seinem Autor irgendwann aus dem Weg geräumt wird; blass die übrigen Frauengestalten, aus denen Buhl vielleicht doch mehr hätte holen können, da er sie immerhin interessant genug anlegt. Bruder Dietmar von Nohlen überzeugt mich in seiner undifferenzierten Brutalität letztlich nicht. Zu sehr wird hier die Vergleichbarkeit mit dem Großvater betont, zu wenig dafür aber vergleichbar Schillerndes und Nicht-Vorhersehbares bei Dietmar angelegt.
Fazit: Seit langem einer der interessantesten und faszinierendsten deutschen Romane, mit den gemachten Einschränkungen. Im Vergleich etwa zu dem hochgelobten (und in meinen Augen völlig überbewerteten) "Vorleser" von Bernhard Schlink, der ein vergleichbares Sujet beschreibt, doch das überlegene Buch.
Meine Empfehlung: Unbedingt lesen, mit kritischem Blick, aber auch mit der Bereitschaft, sich von dieser Geschichte mitziehen zu lassen!