Dies ist nun schon mein dritter Anlauf, diese Rezension zu schreiben, denn *Das Bildnis des Dorian Gray* ist literarisch wie filmisch schwerer Stoff. Ich habe zuerst den Film gesehen und war verstört bis enttäuscht, darauf habe ich das Buch gelesen und war von Oscar Wilde absolut begeistert. Da mir der Film aber keine Ruhe gelassen hat, habe ich ihn ein zweites Mal gesehen - und war ebenfalls begeistert. Ich möchte allen ans Herz legen, den Film erst einmal sacken zu lassen, denn er ist bei weitem nicht so schlecht, wie viele Liebhaber der Romanvorlage meinen.
Generell ist es sehr schwer Romane, besonders die Dialog- und Philosophie-lastigen, zu verfilmen, weil sowohl die erklärenden Gedanken des Autors als auch stundenlange Debatten der Akteure wegfallen müssen. Die Herausforderung besteht darin, die Essenz der Geschichte audio-visuell und in angemessener Länge darzustellen, was hier absolut gelungen ist! Trotz eines ersten Fremdeindruckes hält der Film sich sehr genau ans Buch. Auch die bissige Gesellschaftskritik, die vor allem durch Harrys Zynismus zum Tragen kommt, wurde im Wesentlichen übernommen und geschickt eingeflochten; Der Film wird Wilde also inhaltlich absolut gerecht.
Gewisse Veränderungen der Original-Story sind sehr gelungen, weil sie die Ideen stärker verdeutlichen und auch dem modernen Zuschauer besser verständlich sind. Beispiel: Im Buch vergiftet sich Sibylle nach einem heftigen Streit mit Dorian, weil dieser von ihrer Schauspielkunst enttäuscht ist; aus heutiger Sicht ist diese Reaktion völlig übertrieben und unglaubwürdig. Im Film bringt sie sich aus einem viel dramatischeren und besser nachvollziehbaren Grund um. Auch die später auftauchenden Verkehrsmittel sind eine gekonnte Darstellung der verstrichenen 25 Jahre.
Darüber hinaus ist der Film handwerklich exquisit; die betörende Bildsprache, magische Musik und feinfühlige Regie schaffen eine dichte Atmosphäre, die den Zuschauer regelrecht in das viktorianische London hinein saugt - trotz opulenter Ausstattung schaffen viele Kostümschinken das nicht. Auch beeindrucken die hervorragenden Schauspieler Colin Firth und vor allem Ben Barnes, den ich zunächst für ein langweiliges Milchgesicht gehalten habe und dachte: *Oh ha, ob der das schafft?* Tut er! Den Charakterwandel des Dorian Gray vom schüchternen Jüngling zum abgeklärten Wüstling meistert er mit Bravour.
Negativ empfinde ich den Aspekt der Kunst/Malerei, der etwas zu kurz kommt und leider finde ich auch den Wandel des Bildes nicht gut gelungen; Hier fühle ich mich eher an eine Geisterbahn erinnert und hätte mir eine künstlerischere Methode gewünscht. Insgesamt werden die philosophischen Hintergründe nur angerissen; alle Kenner des Buches und Hobby-Philosophen haben diese aber ohnehin im Hinterkopf. Ich bitte um Nachsicht, denn sonst hätte man einen Zwei- oder Dreiteiler mit viel Gerede drehen müssen.
Fazit: Trotz Gewöhnungsphase und kleinster Mängel absolut gelungen und recht nah am Werk, ruhig mehrmals ansehen und wirken lassen! Die grandiose Atmosphäre und Bildsprache begünstigen den Kauf der Blu-Ray; ein Schmuckstück für Sammler der etwas besseren Filme!