Das erste Kapitel, "Der Schuppen", erfüllt noch die Erwartungen. Jochen Schimmang versetzt uns in die Zeit, in der irgendwie alles Spannende aus England kam, die Zeit der Beatles, der Profumo-Affäre und des großen Postraubs. Doch dann verlässt er die Spur der Jugenderinnerungen, die mehr als nur ein Hauch von Nostalgie umweht, und rafft die folgenden Jahre episodenhaft zusammen, ehe er seine Hauptfigur Gregor Korff in der Kohlära ankommen und in Bonn als Berater des Kanzleramtsministers (gemeint, aber nicht genannt ist Rudolf Seiters) Karriere machen lässt. Die Episoden handeln davon, wie Gregor "in Westberlin studiert hatte und bei einer der seltsamen kommunistischen Truppen gelandet war, von denen es damals so viele gab. Wie er durchs Fußballspielen Leo kennengelernt und seine Truppe verlassen hatte. Wie er sein Studium beendet und in Göttingen und später in Speyer gelehrt hatte, und wie er auf einer Tagung einen ranghohen Politiker kennengelernt hatte, der sein Chef werden sollte. Wie er von einer Frau, die er zu lieben glaubte, im Auftrag der Stasi bespitzelt wurde und wie das später herauskam. Wie er seinen besten Freund mit dessen Frau betrogen hatte und wie sie das schließlich beendet hatten. Wie sein Freund Carl in Schwierigkeiten geraten und verurteilt worden war. Wie sie, also Anita und er, seine Befreiung inszeniert hatten und wie man ihn nach Holland gebracht hatte. Wie er bei der Veranstaltung in Köln Farbeier geworfen hatte."
Diese Zusammenfassung, die Schimmang im Schlusskapitel selbst offeriert (S. 317), wo sein Held auf einen ähnlichen Schuppen stößt, wie er ihn sich als Heranwachsender mit seinem besten Freund Nott eingerichtet hatte, um darin Beckett-Dramen zu spielen, macht das Manko dieses Romans deutlich: Er ist eine Sammlung von Episoden und Anekdoten, die für sich genommen unterhaltsam sein mögen; zu einer Roman-Dramaturgie addieren sie sich nicht. Am Ende nimmt das Romangeschehen gar groteske Züge an: Eine anarchistische Splittergruppe hat sich zum Ziel gesetzt, das Niederwalddenkmal am Rhein bei Rüdesheim in die Luft zu sprengen. Und ausgerechnet der stille Archivar Carl Schmitt, zufällig nicht nur ein alter Fußballkumpel von Gregor und Leo, sondern auch Leos und Anitas Nachbar in Köln, will den idiotischen Anschlag verüben, wird aber vorher erwischt. Schließlich kommt es zu der schon oben genannten grotesk-unglaubwürdigen Befreiuungsaktion. Als könnte jeder Pappenheimer mal eben schnell zum Schwerverbrecher mutieren. Auch das Wiederauftauchen alter Weggefährten (Reni Fuchs, Gregors erste Freundin aus der Schuppen-Zeit, ist Carls Fluchthelferin) wirkt so fingiert, dass man vermeint, Schimmang bewege sich in den Sphären einer Parodie, die sich über ein Genre lustig macht, das den Zufall notorisch überstrapaziert. Aber statt der Leichtigkeit der Satire scheint hier eher die Schwere von linksintellektuellem Pathos den Ton anzugeben. Der linken Untergrundbewegung, in der Carl sich engagiert, werden in Schimmangs Fantasie jedenfalls auffällig viele Solidaritätsbekundungen zuteil, denen man ein ironisches Augenzwinkern nicht mehr abnimmt. Dazu passen auch die Gastauftritte von Peter Glotz als er selbst. Das Bild vom braven Edel-Linken, der Wein und gutes Essen schätzt, unterschlägt, dass heute wohl kaum ein Roman über die Wiedervereinigung geschrieben werden könnte, wäre ein notorischer Nörgler wie Glotz ("Der Irrweg des Nationalstaats") in den achtziger Jahren Bundeskanzler gewesen. Vielleicht bleibt deswegen beim Schlussakkord mit den Farbeiern auch überraschend offen, wer der Weise und wer der Narr ist. Das stimmt versöhnlich.
Fazit: Die Idee, Marksteine der bundesrepublikanischen Zeitgeschichte (Fußball-Weltmeisterschaften, Boris Beckers erster Wimbledontriumph, Wende und Mauerfall, Bad Kleinen...) als Kulisse für eine sich über mehrere Jahrzehnte erstreckende Romanhandlung zu nutzen, ist nicht schlecht. Wie daraus ein guter Roman wird, das kann sich Jochen Schimmang bei seinem Kollegen Stephan Thome und dessen Buch
Grenzgang anschauen. Das Beste, was ich in letzter Zeit in der Hand hatte, war das hier jedenfalls nicht.