Schonungslos wie bereits in ihren anderen Werken zeichnet Gisela Elsner auch in 'Berührungsverbot' (1970) ein Bild deutscher Spießig- und Aussichtslosigkeit, das Seinesgleichen sucht. Mehrere Paare versuchen dabei, die Grenzen ihres kleinbürgerlichen Daseins in Gruppensex-Orgien zu überschreiten. Angesichts des Themas erfolgt der Einstieg allerdings wesentlich fordernder für den Leser, weil Elsner nicht mit verschachtelten Sätzen, Parenthesen und Perspektivenwechseln spart. Das erfordert einiges an Aufmerksamkeit. Aber sobald man sich in die Tristesse der familiären und ehelichen Katastrophen von Keitel, Stief, Dittchen und Stößl (!) hineingefunden hat, gibt es kein Entrinnen vor diesem alptraumatischen Sittengemälde einer verlorenen und aussichtslosen Generation. Der versuchte Auf- und Ausbruch aus derselben scheitert dermaßen kläglich und bedrückend, dass auch die grotesken Erzählanleihen dem Leser keinesfalls den bitteren Beigeschmack auszutreiben vermögen.
Entgegen einiger zeitgenössischer Autoren, die u.a. mit radikaler Sprache und Obszönität literarische Grenzen zu überschreiten trachten, sei es Gisela Elsner an dieser Stelle sehr hoch angerechnet, dass sie sich zu keinem Zeitpunkt auf ein pornographisches Niveau herabläßt. Und der Leser erfährt dadurch nicht zuletzt, dass Unausgesprochenes und nur andeutungsweise detailliert Beschriebenes durchaus grauenvoller sein kann, als mikroskopisch ausgeleuchteter Hardcore. Letztendlich bleibt die totale Ernüchterung.
Zwar ist Elsners 'Berührungsverbot' vor fast 40 Jahren das erste Mal erschienen, an der Aktualität des Themas hat sich allerdings nichts geändert. Transzendiert man den Inhalt ihres Werks über die Schlagworte einer deutschen Spießigkeit hinaus, stellt sich die generelle Frage, inwiefern die (erzwungene) Auslebung des Sexus zu einer 'neuen' Art der Selbstbestimmung, Freiheit und Identität führen kann. Aber abgesehen von diesen Aspekten überzeugt Gisela Elsner einmal mehr mit ihrer brutal anmutenden nüchternen Sprache, ihrer fast schon unheimlichen Beobachtungsgabe und einem Hang zur Groteske, der den Leser nicht selten durch Parallelen zu einer niederschmetternden Realität, wie wir sie alle kennen, in eine Depression zu stürzen droht.