Der amerikanische Autorenfilmer Abel Ferrara hat eine Vorliebe dafür sich mit Figuren zu beschäftigen, die eigentlich aus dem Hollywood Genrekino bekannt sind und ihnen in höchst philosophischen, unkonventionellen Werken neue Seiten abzugewinnen. Gemeinsam mit Drehbuchautor Nicholas St. John beschäftigte er sich bereits mit Vampiren ("The Addiction") und Aliens ("Invasion of the body snatchers"). "Das Begräbnis" ist Ferraras Version eines Gangsterfilmes und gehört somit in die selbe Kategorie wie einige ganz große Filme, die manche seiner älteren amerikanischen Kollegen (Scorsese, Coppola) gemacht haben. Das Begräbnis muss sich allerdings nicht hinter Filmen wie "Der Pate" oder "Good Fellas" verstecken, denn Ferrara und St. John finden ihren eigenen Zugang zu der Thematik. Der Titel sagt in diesem Fall alles, denn hier liegt nichts anderes vor als eine gnadenlose Beerdigung der alten Gangstermythen. Der Film zeigt eine orientierungslose Welt, in der dei Menschen keinen Lebenssinn zu finden vermögen und auch Raub, Mord und Rache können daran nichts ändern. Die Kriminellen richten sich mit ihren Taten lediglich selbst zu Grunde.
Der Film beginnt damit, dass der ermordete Johnny Tempio im Sarg ins Haus der Familie gebracht wird, wo ihn seine Angehörigen die letzte Ehre erweisen wollen, bevor er am nächsten Tag beerdigt werden soll. Seine beiden Brüder sind außer sich vor Trauer und Wut. Während Chaz einfach verschwindet, plant Ray bereits die Rache und verdächtigt einen rivalisierenden Mafiaboss. Als seine Frau ihn bittet, seinen Bruder in Frieden ruhen zu lassen und keine Fehde zu beginnen, antwortet Ray mit einerm Vortrag über das Böse in der Welt und die Abwesenheit Gottes. "Ich muss mit dem arbeiten was ich habe" ist seine Philosophie und das bedeutet Auge um Auge, wie es ihm schon sein Vater in seiner Jugend beigebracht hat, als er seinen ältesten Sohn dazu zwang einen Feind der Familie zu erschießen. Dieses kranke Initiationsritual und viel anderes über den kaputten Background der Familie Tempio erfährt man aus Rückblenden, die das Trauern am Sarg des Toten immer wieder unterbrechen. Dabei zeigt sich, dass die Tempios an ihren grausamen Lebensstil schon ihr ganzes Leben leiden, aber unfähig sind andere Wege zu gehen, da sie ihre traumatische Kindheit und das knallharte soziale Umfeld zu sehr im Griff haben. Am Ende wird Ray sich zu entscheiden haben, ob er den Weg der Gewalt weitergehen will, oder doch noch eine letzte Chance zur Umkehr wahrnimmt.
"Das Begräbnis" hat die philosophische Frage nach dem Sinn des Leiden zum Thema. Wie schon Hiob leiden Ray und seine Brüder unter der Grausamkeit der Welt und können darin keinen Sinn sehen. Ihre Lösung - Schaff dir deine eigene Gerechtigkeit und schlage mit aller Kraft zurück - macht unmoralische Monster aus ihnen, die im Inneren zu psychischen Wracks geworden sind. Vor allem Christopher Walken schafft es Ray Tempio als einen emotionalen Krüppel darzustellen, der nicht fähig ist, sich mit seinen eigenen Gefühlen auseinanderzusetzen. Seine ganze Erziehung durch seinen psychisch kranken Mafiavater lief darauf hinaus niemals Schwäche zu zeigen. Dementsprechend versteinert ist der Gesichtsausdruck des Mafiosos wenn er seine Todesurteile fällt. Allerdings unterscheidet ihn seine nachdenklich philosophische Seite von den primitiveren Gangstern und lässt ihn innerlich besonders unter der Sinnlosigkeit der vielen Gewalt leiden, denn jeder Mord zieht immer nur einen weiteren nach sich. Seine Frau fand Ray einst irgendwie romantisch, bereut aber inzwischen bitterlich auf ihn hineingefallen zu sein und versucht verzweifelt ihren Mann vom Töten abzuhalten. In der entscheidenden Szene des Films muss er sich entscheiden, ob er auf sie hört oder weiter seinen bisherigen Weg verfolgt...
Das Begräbnis ist ein düsterer Film, der viel Grausamkeit zeigt und versucht zu verstehen, wieso Menschen zu solchen Taten fähig sind. Ferrara hat das Gangstergenre nicht für einen spannenden Thriller, sondern für eine theologisch-philosophische Reflexion verwendet. Wer Filme schätzt, die zum Nachdenken anregen, liegt hier sicher richtig.