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vorgelegt von Frank-Michael Reichstein Tag der Wissenschaftlichen Aussprache: 10.7.2001
Die Anfänge der Geschichte des deutschen Beginentums führen in das frühe 13. Jahrhundert. Die ungewöhnliche Lebensart dieser Frauen zwischen Kloster und Welt veranlaßte schon vor zwei Jahrhunderten Historiker zur Veröffentlichung zahlreicher lokaler Darstellungen in heute nahezu unzugänglichen historischen Vereinszeitschriften. Seit den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelte sich die Beschäftigung mit der Geschichte dieser semireligiösen Frauen zunehmend zur Domäne feministischer Frauenforschung. Die historische Auseinandersetzung trat dabei oft in den Hintergrund. Durch Ideologisierungen und Quellenferne entstand teilweise ein völlig überpointiertes Bild der Beginen als Reformerinnen und Revolutionärinnen, welche sich nicht in die mittelalterliche Stadtgesellschaft haben einbinden lassen wollen.
In dieser Studie wurde der Versuch unternommen, eine Monographie zum deutschen Beginenwesen mit einer Regesten- und Hausregelsammlung für Beginen in 636 Ortschaften zu erstellen, um neue Grundlagen für eine sachliche Betrachtung zu schaffen. Die Geschichte der Beginen sollte aus dem verengten Radius der geschlechtsspezifischen Perspektive wieder in einen gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang eingebettet werden. Das deutsche Beginenwesen erscheint als integrales Element der mittelalterlichen Stadtgesellschaft. Die Auswertung der Regesten läßt vermuten, daß es kaum eine Stadt ohne Beginenkonvent gegeben haben wird. Die semireligiösen Frauen lebten zumeist inmitten der mittelalterlichen Stadtanlagen unter der Protektion von Welt- bzw. Ordensklerus, Stadträten oder einfachen Bürgern und Bürgerinnen. Das bürgerliche Stiftungswesen förderte die Ausbreitung des Beginentums maßgeblich. Die Untersuchung zeigt, daß sich die Frauen vorwiegend mit Hilfe dieser Stiftungen etablierten. Die Sorge um das Seelenheil der Stifter stand dabei im Mittelpunkt. Krankenpflege und Totendienst sind als ein Hauptbetätigungsfeld der Beginen anzusehen. Daraus erklärt sich auch deren Beliebtheit über viele Jahrhunderte hinweg.
Der Lebensalltag der Frauen wurde grundsätzlich durch Beginenordnungen bestimmt, welche der Unabhängigkeit und Entscheidungsfreiheit der Frauen hinsichtlich des Tagesablaufs, der Bekleidung, der Tätigkeit, der Verfügbarkeit und Vererbbarkeit des Vermögens und nicht zuletzt auch der Austrittsmöglichkeit äußerst enge Grenzen setzten. Es gibt keinerlei Hinweise, daß Beginen über ein Netzwerk von gegenseitigen Verbindungen verfügt haben.
Es wurde in der Studie versucht, den Mythos der Verfolgung und systematischen Ausrottung der deutschen Beginen zu widerlegen. Es hat sich bestätigt, daß zwischen den verschiedenen semireligiösen Frauengruppen sehr genau unterschieden werden muß. Die schwankenden offiziellen Verlautbarungen verdächtigten oder verurteilten zumeist jeweils ganz spezifische Ausprägungen des Semireligiosentums. Die ambivalente Einstellung der Kirche hinsichtlich der Beginenfrage bleibt aber unstrittig. Die unpräzise Abgrenzung der frommen Frauen von häretischen Gemeinschaften kann jedoch nicht als einziger Grund für die Verwicklungen rechtschaffener Beginen in Konfliktsituationen gelten. Die sogenannte Begräbnisfrage oder der Vorwurf der unrechtmäßigen Verwaltung franziskanischen Vermögens für die Mönche durch Beginen bildeten vielfach den eigentlichen Anstoß zur Kritik gegenüber den Frauen.
Beginengemeinschaften galten keineswegs grundsätzlich als häresieverdächtige Randgruppe, sondern ordneten sich den allgemeinen Zielen der insbesondere im 13. Jahrhundert verstärkt auftretenden Bußbewegung unter. Das Beginenwesen verkörperte keine Bewegung mit selbständigen Zielen. Eine beginenspezifische Spiritualität läßt sich ebenfalls allgemein nicht nachweisen. Die Regulierungsversuche durch Nikolaus V. im Jahre 1452 leiteten den teilweisen Niedergang des Beginenwesens ein. Der Verlust des semireligiösen und damit auch weltlichen Charakters einiger Beginenkonvente förderte die Akzeptanz der Gemeinschaften in der Stadtgesellschaft nicht. Die Entwicklung der Konvente über das Zeitalter der Reformation hinaus war nicht von der jeweils dominierenden Konfession der Regionen abhängig, sondern vielmehr von dem Wohlwollen der Stadträte, welche einen entscheidenden Einfluß auf die Gemeinschaften ausübten.
Ich möchte mich auf diesem Wege bei Herrn Prof. Dr. Johannes Helmrath - Humboldt-Universität zu Berlin - und Herrn Prof. Dr. Wolfgang Radtke - Technische Universität Berlin für Ihre Unterstützung bedanken.
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