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Rüdiger Safranski erzählt vom Bösen
Von Uwe Justus Wenzel
Das Böse gehöre nicht zu den Themen, denen mit einer «These» oder einer «Problemlösung» beizukommen sei, schreibt Rüdiger Safranski im Vorwort seines neuen Buches. Die «verschlungenen Wege» durch «das Dickicht der Erfahrung mit dem Bösen», die es bahne, mögen allenfalls «da und dort Perspektiven eröffnen, die etwas weiter sehen lassen». Zeugt es von List oder von Wankelmut, von Vorsicht oder von Ratlosigkeit, wenn ein Buch sich gewissermassen programmatisch der Bestimmtheit verweigert ein Buch wohlgemerkt, das, obgleich «schön» geschrieben, nicht zur «schönen Literatur» zählt, sondern in die Rubrik «neue Sachbücher» fällt?
Dem Zwang solch sauberer Demarkation freilich scheint Safranski, der als Biograph E. T. A. Hoffmanns, Schopenhauers und Heideggers hervorgetreten ist, sich nicht fügen zu wollen. Er sei «ein freier Schriftsteller, der bestimmte Gedanken mit dem Mittel der Erzählung» ausloten wolle, gab er kürzlich einem Nachrichtenmagazin zu Protokoll. Indem er erzählend «die geistigen Abenteuer grosser Denker der Vergangenheit» zu vergegenwärtigen sucht, suspendiert er nicht nur alte Grenzen, er zieht auch neue, wie das aufschlussreiche Interview demonstriert. Eine zwischen sich und den «heutigen philosophischen Diskussionen», die ihm ungenügend und «kurzatmig» vorkommen, weil (?) dort «mit Kopfstimme vorgetragen» werde; eine andere zwischen sich und dem «Weltverbesserer».
Weltanschauung
Vielleicht hilft pedantische? Motivationsforschung, um ein Buch besser zu verstehen, das kein bloss philosophiehistorisches sein will, aber auch kein systematisches sein kann, das in einem bestimmten Sinne gar kein philosophisches ist, erspart er sich doch, was seit Platon das Geschäft derjenigen ist, die Philosophen genannt werden: Wahrheitsansprüche zu prüfen, Rechenschaft abzulegen über mögliche gute Gründe (Argumente) für eine Behauptung. Von dieser, übrigens nicht schlechten, lehrbuchartigen Charakteristik könnte man sich nun leicht abstossen, um zu einer «These» zu gelangen, die sich dem Buch doch entnehmen lässt: Das Problem mit dem «Bösen» sei, dass es gerade keine guten Gründe kenne, dass es mit dem Grundlosen und Abgründigen «im» Menschen zu tun habe. (So zu reden und Safranski redet hier und da so läuft nicht notwendig auf blosse Wortspielerei hinaus.) Doch noch ist die Frage nicht beantwortet, welchem «Genre», wenn nicht dem philosophischen, das Buch zugehöre.
Die impressionistischen «Erzählungen aus Begriffen», die es mit dem alttestamentarischen Sündenfall beginnend und bei Hitler nicht endend präsentiert, sind keine veritablen Erzählungen, ihr Resonanzraum ist nicht nur die Seele: vernehmlich sind, überdeutlich, doch auch Kopfstimmen (schliesslich sind Hiob und Augustin, Rousseau und Kant, Schelling und Schopenhauer im Spiel). Und es ist diese Mischung aus Erbauung und Reflexion, die das Buch zu einem weltanschaulichen werden lässt, einem Text, der politische Ansichten in den Mantel des Allgemeinmenschlichen hüllt; der etwas sagen, etwas bedeuten will, ohne dafür «einstehen» zu müssen. Der Erzähler kann sich notfalls darauf zurückziehen, es nicht gewesen zu sein. Er bringt Meinungen und Anschauungen zu Gehör und in die Schwebe; nicht mit dem Konjunktiv, sondern mit dem Indikativ: indem er die Grenzen zwischen «Eigenem» und (im Indikativ) «Referiertem» verwischt. Dieser suggestiven Camouflagetechnik entspricht, dass der Erzähler als wolle er den Leser von den Quellen fernhalten die vielen eingeflochtenen Zitate nirgends genau nachweist (dies dürfte auch nicht immer leichtfallen). Seine mediale Durchlässigkeit lässt ihn, andererseits, augenscheinlich auch vergessen, dass dieser oder jener Gedanke einem anderen Kopf, diese oder jene Formulierung einer fremden Feder entstammt.
Welche Weltanschauung «vermittelt» der vielstimmige, allseits offene Text? Wenig verkürzt: Das Leben ist gefährlicher, als saturierte Wohlstandsbürger und harmlose Vernunftkünstler meinen, denn der Mensch ist ein abgründig freies Wesen, kein homo oeconomicus und kein animal rationale , sondern ein homo metaphysicus, dessen Freiheit nach wie vor zum Bösen ausschlagen kann. Natürlich hat auch diese zeitlose «Wahrheit» ihre Zeit. Safranskis Einsatzstelle, die im Buch keine Erwähnung mehr findet, ist der «Umbruch» von 1989: Was als verheissungsvolles Ende wechselseitiger Dämonisierung begann, endete im Beginn einer neuen Mordlust.
Umbruch
So jedenfalls sah Safranski es damals, als in Deutschland ein jugendlicher, rechter Mob unter zwiespältiger öffentlicher Anteilnahme Jagd auf «Ausländer» machte, als im zerfallen(d)en Sowjetimperium Tribalismus und Pogromstimmung sich breitmachten: «Eben noch glaubte man, die Kraft der zivilen Gesellschaft entdeckt zu haben, da öffnet sich in ihrer Mitte ein Abgrund aus Hass, Verwahrlosung, Menschenfeindlichkeit und Mordlust. (. . .) Die Geschichte ist wieder in den Aggregatszustand ihrer blutigen Unfertigkeit getreten.» Das steht in der Keimzelle des neuen Buches zu lesen, in Safranskis Beitrag zu einem Sammelband, der vor etwa vier Jahren unter dem Titel «Die selbstbewusste Nation» erschienen ist. Seinen Herausgebern, Heimo Schwilk und Ulrich Schacht, tut kein Unrecht, wer sie als Vordenker und Fürsprecher einer neuen Rechten bezeichnet.
Sensible «Diagnostiker» wie Botho Strauss er liess den Bocksgesang nochmals anschwellen waren mit von der Partie. Auch Safranski, die wachsende Wüste vor Augen, beklagte den «Verlust einer substantiellen Kultur». Stereotype konservativer Kulturkritik finden sich im neuen Buch, dessen Schlusspassage mit derjenigen des Aufsatzes übrigens weitgehend übereinstimmt, zuhauf wieder. Was soll man also davon halten, dass Safranski in dem erwähnten Interview beteuert, «das Böse» sei eine «Denkfigur», die ihn dazu herausfordere, «anderen Gedanken nachzugehen als den heute üblichen ideologischen Versatzstücken des linken oder rechten Zeitgeistes»? Handelt es sich wenig originell um das Lippenbekenntnis eines braunen Wolfes im Schafspelz des weisen Erzählers? Um eine Selbsttäuschung? Oder um einen Ausdruck jener «Beweglichkeit», von der er in demselben Interview meint, sie könne «in Umbruchzeiten nur nützlich sein»? Das Buch, gelenkig, wie es ist, lässt jede Antwort zu.
Selbst wenn man es nicht einer «symptomatologischen Lektüre» unterzieht, sondern «da und dort» beim Wort nimmt (und damit es ernster als es seine Leser), bleibt es in Zwielicht getaucht. Zwar will Safranski nicht den Teufel bemühen, um das Böse zu verstehen (so der erste Satz), die Freiheit aber, deren «Preis» das Böse sei, verklärt er sogleich wieder zum «Mysterium». An den für seine Weltanschauung zentralen Begriff der Freiheit verschwendet er so gut wie keine analytische Energie. Die aufklärerische Absicht der Entmythologisierung des Bösen wird nicht nur in diesem Punkt durchkreuzt von seiner Remythisierung.
Am Ende immerhin, nachdem die lauernden «Verfeindungsenergien» in Exerzitien geistiger Entsicherung beschworen worden sind, deutet sich eine überraschende Kehrtwendung an. «Pflicht zur Zuversicht» lautet das Kant entlehnte Losungswort. Für Safranski bedeutet es: «Eingedenk des Bösen, das man tun und das einem angetan werden kann, kann man immerhin versuchen, so zu handeln, als ob ein Gott oder unsere eigene Natur es gut mit uns gemeint hätten.» Ein solch pragmatischer Ausklang erleichtert. Von ihm her fällt anderes Licht auch auf eine Sentenz, die sich in dem bereits zu Rate gezogenen Aufsatz findet: «Zum reifen Alter gehört die Bekanntschaft mit dem Bösen . . .» Auf dem Rücken des Tigers lässt sich noch immer behaglich ein Pfeifchen schmauchen. Wozu dann die ganze erhabene Emphase? Wiederum wäre manche Antwort möglich; siehe oben. -- Neue Zürcher Zeitung -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
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