In "Das Böse denken" argumentiert Susan Neiman dafür, die Geschichte der modernen Philosophie aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten und hauptsächlich als Auseinandersetzung mit dem Problem des Bösen zu begreifen. Leider bleibt das Buch aber weit weniger wegen seiner Argumente als wegen zahlreicher stilistischer und inhaltlicher Schwachpunkte in Erinnerung. Genannt werden können etwa die folgenden:
- Im Kapitel zu David Hume geht die Autorin anstandslos über Humes Gesetz hinweg (welches besagt, dass man ethische Aussagen nie rational verifizieren oder falsifizieren kann und daher für die behandelte Thematik nicht uninteressant ist) und schreibt ohne weiteren Kommentar von den "Interessen der Vernunft" (S. 247), denen Humes skeptischer Ansatz widerspreche. Pikant: Hume hat unter anderem behauptet, dass die Vernunft keine Interessen haben könne, eben weil man rein rational nicht von deskpritiven Seins-Aussagen zu normativen Sollens-Aussagen komme. Wer ausgerechnet in einem Text zu Hume von "Interessen der Vernunft" schreibt, sollte das nicht ignorieren.
- Im selbigen Kapitel werden zuerst Humes Ansichten zum Glauben referiert, um dann (S. 254) zu schreiben, dass ebendiese eigentlich gar nicht von Belang seien. Warum schreibt die Autorin dann in diesem Buch überhaupt darüber?
- Zu Nietzsche schreibt die Autorin, dass er dafür eintrete, die Welt so wie sie ist zu bejahen und sich keinen Idealen hinzugeben. Wie das mit Nietzsches Konzepten des Übermenschen und der Umwertung aller Werte - nicht ihrer Bejahung! - zu vereinen sein soll, bleibt unerwähnt.
- Die sehr sinnvolle Regel, indirekte Zitate im Konjunktiv I wiederzugeben, wird - nahezu - grundsätzlich nicht befolgt. Infolge dessen ist des öfteren unklar, ob eine Aussage noch die Ansicht eines der behandelten Philosophen wiedergibt oder einen Kommentar der Autorin darstellt.
- Bisweilen werden völlig banale Aussagen in Form "irgendwie" philosophisch klingender Sätze transportiert. Kostprobe gefällig? "Begrenzt zu sein, heißt, diejenigen zu sein, die wir sind" (S. 106) ließe sich auch so ausdrücken: Wir sind begrenzt. So begrenzt, dass wir das nicht schon wüssten, sind wir aber auch wieder nicht. Auch die Aussage "Jeder Versuch, ein richtiges Leben zu führen, ist ein Versuch, in der Welt zu leben" (S. 475) ist völlig inhaltsleer - wo sollte man denn bitte sonst leben?
- Im Kapitel zu Kant schreibt die Autorin, dass der kategorische Imperativ keinen neuen Gedanken beinhalte, weil er nur die so genannte Goldene Regel (Was du nicht willst ...) neu formuliere (S. 131). Allerdings hat Kant in der Grundlegung der Metaphysik der Sitten sogar explizit dargelegt, dass und warum sein kategorischer Imperativ eben nicht mit der Goldenen Regel identisch ist. Nach letztere könne etwa ein Angeklagter vom Richter verlangen, nicht verurteilt zu werden, der kategorische Imperativ hingegen erlaube dies.
- Was das zentrale Anliegen der Autorin betrifft, möchte ich abschließend sagen, dass es nicht ausreicht, darzulegen, dass sich viele Geistesgrößen mit dem Problem des Bösen befasst zu haben, um zu belegen, dass dies das zentrale Thema der modernen Philosophie sei. Hierzu wäre es nötig, nachzuweisen, dass es nicht nur wichtig, sondern zudem wichtiger als andere Themen - etwa erkenntnistheoretische Fragen (die von der Autorin missachtet werden, weil sie langweilig seien!) - ist. Das wird aber nicht getan.
Zu 2 Sternen langt es für das Buch mit etwas Wohlwollen trotz allem, weil es durch den weitgehenden Verzicht auf philosophische Fachtermini und den niedrigen Kenntnisstand, der vorausgesetzt wird, für Laien relativ gut zugänglich ist und manch einen dazu führen mag, sich weitgehender mit der Philosophie zu befassen. Von allen philosophischen Büchern, die ich bis dato gelesen habe, ist dieses hier allerdings mit Abstand das schlechteste.