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Buchnotiz zu : Neue Zürcher Zeitung, 02.06.2004
"Es scheint", schreibt Ludger Heidbrink, "grosse Schwierigkeiten zu bereiten, die Schrecken der Moderne ohne Absicherung zu denken, seien sie moralischer oder ästhetischer Art". Das kreidet er auch Susan Neiman an, obwohl er ihr Buch offensichtlich mit Gewinn gelesen hat. Neimans Studie, so Heidbrink, lasse die Beschäftigung der Philosophie mit dem Bösen - ihr zufolge die "treibende Kraft des modernen Denkens" - Revue passieren und stoße dabei auf folgende Konstante: Das Böse markierte von Bayle bis Hegel immer die "Grenzen des Sinns", das Gegenteil des Vernünftigen, das aber deshalb keineswegs in Frage gestellt, sondern im Gegenteil: neu beglaubigt wurde. Dann, seit Voltaire, dominierte "die Rede vom Guten als metaphysische Täuschung, die es durch die Anerkennung eines irrationalen Weltengrundes zu überwinden gelte". Gerade deshalb aber wurmt es Heidkamp, dass Neiman sich einreiht "in die Tradition der säkularen Theodizeen, mit deren Hilfe der Mensch dem Übel in der Welt einen Namen gibt". Das Böse ist bei ihr nicht schieres Phänomen, sondern immer noch metaphysisches Problem, das es zu verstehen gilt. Es bleibt also dabei: "Nicht das Böse ist treibende Kraft des Denkens, sondern der Versuch, ihm einen Platz in der prekären Ordnung der Dinge zu geben."
© Perlentaucher Medien GmbH
"Es scheint", schreibt Ludger Heidbrink, "grosse Schwierigkeiten zu bereiten, die Schrecken der Moderne ohne Absicherung zu denken, seien sie moralischer oder ästhetischer Art". Das kreidet er auch Susan Neiman an, obwohl er ihr Buch offensichtlich mit Gewinn gelesen hat. Neimans Studie, so Heidbrink, lasse die Beschäftigung der Philosophie mit dem Bösen - ihr zufolge die "treibende Kraft des modernen Denkens" - Revue passieren und stoße dabei auf folgende Konstante: Das Böse markierte von Bayle bis Hegel immer die "Grenzen des Sinns", das Gegenteil des Vernünftigen, das aber deshalb keineswegs in Frage gestellt, sondern im Gegenteil: neu beglaubigt wurde. Dann, seit Voltaire, dominierte "die Rede vom Guten als metaphysische Täuschung, die es durch die Anerkennung eines irrationalen Weltengrundes zu überwinden gelte". Gerade deshalb aber wurmt es Heidkamp, dass Neiman sich einreiht "in die Tradition der säkularen Theodizeen, mit deren Hilfe der Mensch dem Übel in der Welt einen Namen gibt". Das Böse ist bei ihr nicht schieres Phänomen, sondern immer noch metaphysisches Problem, das es zu verstehen gilt. Es bleibt also dabei: "Nicht das Böse ist treibende Kraft des Denkens, sondern der Versuch, ihm einen Platz in der prekären Ordnung der Dinge zu geben."
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Kurzbeschreibung
Das Böse stellt die menschliche Vernunft auf eine harte Probe, denn es bringt unsere Zuversicht ins Wanken, daß der Lauf der Welt einen Sinn ergibt. Für die Europäer des 18. Jahrhunderts war das Erdbeben von Lissabon im Jahre 1755 manifester Ausdruck des Bösen, während wir heute das Böse ausschließlich als Folge böswilligen, ja grausamen menschlichen Handelns begreifen - und Auschwitz als dessen extremste Verkörperung.
Wieviel Sinn steckt also in einer Welt, in der Unschuldige leiden? Ist das Böse tiefgründig oder banal? Ist das Böse überhaupt verstehbar, und wenn ja, sind wir gar moralisch zu einem solchen Verständnis verpflichtet? Susan Neiman zeigt in ihrer historisch wie systematisch profunden Studie, die bei dem Erdbeben von Lissabon einsetzt und bei Auschwitz und dem 11. September endet, daß diese Fragen die moderne Philosophie von der Frühaufklärung bis in die Gegenwart, von Voltaire bis Hannah Arendt, wie ein roter Faden durchziehen und nachhaltig geprägt haben. Entstanden ist eine Geschichte des Nachdenkens über das Böse, die zugleich eine andere Geschichte der Philosophie ist.
Wieviel Sinn steckt also in einer Welt, in der Unschuldige leiden? Ist das Böse tiefgründig oder banal? Ist das Böse überhaupt verstehbar, und wenn ja, sind wir gar moralisch zu einem solchen Verständnis verpflichtet? Susan Neiman zeigt in ihrer historisch wie systematisch profunden Studie, die bei dem Erdbeben von Lissabon einsetzt und bei Auschwitz und dem 11. September endet, daß diese Fragen die moderne Philosophie von der Frühaufklärung bis in die Gegenwart, von Voltaire bis Hannah Arendt, wie ein roter Faden durchziehen und nachhaltig geprägt haben. Entstanden ist eine Geschichte des Nachdenkens über das Böse, die zugleich eine andere Geschichte der Philosophie ist.
Über den Autor
Susan Neiman ist Direktorin des Einstein Forums in Potsdam. Sie lehrte Philosophie in Yale und an der Universität von Tel Aviv und ist Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.