Um es gleich zu sagen : Als Krimi möchte ich diesen wunderbaren Roman nicht bezeichnen, es ist etwas irreführend, bei diesem Buch die durchaus spannende Kriminalgeschichte in den Vordergrund zu stellen. Darum möchte ich jetzt auch nur kurz auf den konkreten Inhalt eingehen, nur soviel : Der ehemalige chinesische Ermittler Shan erhält von seinen tibetischen Freunden,bzw. Lehrern den Auftrag, in der Provinz Xingjiang die Morde an einer Lehrerin und mehreren Kindern aufzuklären. Dabei hat Shan viel Kontakt mit den dort lebenden Uiguren,Kasachen, weiteren Tibetern und auch mit verschiedenen, teilweise sehr korrupten chinesischen Amtsträgern. Verschiedene Reisen führen ihn an sehr spannende, sehr schöne oder ebenso traurige Orte, dort erfährt er natürlich auch immer mehr von den Hintergründen der Gewalttaten, aber er lernt besonders in seiner Seele, erfährt Erschöpfung, Angst, Mut, Hingabe an das Leben und an das Sterben, menschliche Nähe und vor allem spirituelle Verbindung mit dem Gott im Innern. Der gekonnt und phantasievoll entwickelte Spannungsbogen um die mysteriösen Morde zieht sich durch das ganze Buch - so wird auch die Seite in uns angesprochen, die einfach nur unterhalten werden will. Mir scheint die Kriminalgeschichte aber nur das Gerüst zu sein, um eine politische und mehr noch eine spirituelle Botschaft in die Welt zu bringen.
Wer also in erster Linie Spannung und Unterhaltung sucht, der wird wohlmöglich so manche Schilderung innerer Vorgänge oder bewegender Begegnungen zwischen den Menschen als "Längen" bezeichnen, da dieser Leser ja am weiteren Verlauf des Abenteuers und an der Aufklärung des Rätsels interessiert ist.
Für mich war jedoch dieses Leseerlebnis in erster Linie eine mich innig berührende, sehr liebevolle Begegnung mit der spirituellen Geisteshaltung der tibetischen Kultur und Religion, welche in ihrer Sanftheit, Hingabe und Tiefe im schmerzhaften Kontrast zur materialistischen,erbarmungslosen chinesischen Besatzungsmacht steht. Der Autor vermag ein so lebendiges Bild der Landschaft, der Natur, der Menschen und der inneren geistigen Welten zu zeichnen, dass ich beim Lesen alles um mich herum vergessen habe und an das erinnert wurde, was das Menschsein, was das Leben wiklich ausmacht. Denn weil auch in uns, den Lesern, ebenfalls diese Ursprünglichkeit, diese Echtheit, diese Liebe lebt, welche wir im Alltag oftmals nicht verspüren, fühlen wir uns durch einen so guten Roman wie diesen bewegt, angesprochen in unserer Menschlichkeit, unserem Wesen und unserer spirituellen Essenz. Dass die Lektüre so manches traurige und auch dankbare, endlich wiedergefundene Gefühl in uns auszulösen vermag, muss ich wohl nicht noch erwähnen...
Wenngleich es nun schon einige Monate her ist, dass ich dieses Buch, dieses Geschenk, gelesen/erfahren habe, so bleibt es sehr lebendig in mir als vielleicht der schönste Roman, den ich je gelesen habe.