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Der zweite Band von Pat Barkers Kriegstrilogie
Von Angela Schader
Kriegsrecht: Siegfried Sassoon, Dichter und hochdekorierter Frontoffizier aus bestem Haus, wird 1917 vom britischen War Office für geisteskrank erklärt, weil er sich gegen das Blutopfer der so end- wie sinnlosen Stellungskämpfe auszusprechen wagte. Wenig später bezichtigt ein dubioser Publizist nicht weniger als 47 000 gutsituierte Briten der interessanten Kombination von Sodomie und Landesverrat; dank dem patriotischen Grundtenor des Plädoyers erringt seine Partei im folgenden Ehrverletzungsprozess einen glänzenden Sieg. Vernunft und Wahrheit gelten wenig unter dem Gebot der Stunde.
Beide Episoden sind aktenkundig; und aus dem Funkenschlag ihrer Kollision fällt Licht aufs zentrale Thema des zweiten Bandes von Pat Barkers «War Trilogy», der nun, wiederum von Matthias Fienbork achtsam übertragen, auf deutsch vorliegt. Hatte «Niemandsland» das Buch, welches dieses anspruchsvolle und beeindruckend realisierte dokumentarisch-fiktionale Projekt eröffnete in erster Linie die im Aktivdienst erlittenen körperlichen und seelischen Verletzungen offengelegt, so rekonstruiert «Das Auge in der Tür» die seltsamen Scheingefechte, die innerhalb der britischen home front ausgetragen wurden.
IM ZEICHEN DER AMBIVALENZ
Siegfried Sassoon, dessen lyrisches Schaffen sich buchstäblich aus dem Schlamm der Schützengräben nährte und der sich, bei allem Protest gegen den Krieg, von der Teilhabe daran nicht lossagen konnte, verkörpert als Protagonist des ersten Bandes die Konflikte, welche in Variationen auch in und zwischen anderen Charakteren zum Austrag kommen und deren differenzierte Darstellung die «War Trilogy» insgesamt weit über das Niveau eines politisch korrekten Manifestes aus der Hand einer Spätgeborenen hinaushebt. Unter dem Zeichen der Ambivalenz operiert auch der eigentliche spiritus rector der Trilogie: der (ebenfalls auf eine reale Persönlichkeit zurückgehende) Psychologe W. H. R. Rivers, welcher die verstörten Frontoffiziere mit fortschrittlich und human anmutenden Methoden aus ihren Schockzuständen lotste nur damit sie erneut in den Albtraum des Stellungskampfes entsandt werden konnten.
Im zweiten Band rückt mit Billy Prior eine fiktive Figur ins Zentrum des Geschehens. Dem rebellischen Charakter des jungen Leutnants, der schon in «Niemandsland» zu Rivers' Patienten zählte, hat die Autorin einiges an eigener Erfahrung eingeschrieben; an dieser Figur sollen die Gräben manifest werden, die sich längs und quer durch die britische Gesellschaft ziehen. Prior stammt, wie Pat Barker selbst, aus einer nordenglischen Arbeiterfamilie; mit einer bis zum Zynismus geschärften Intelligenz hält er seine Umwelt so gut wie die dunklen Seiten der eigenen Persönlichkeit in Schach. Noch in seiner Bisexualität und seinen gelegentlich sinistren erotischen Neigungen kommt der Konflikt zwischen dem zementierten Lower-class- Habitus des Vaters und den gesellschaftlichen Ambitionen der Mutter zum Austrag:
Er stand nicht darüber, er war das Produkt. Vater und Mutter Naturgewalten, die fast nichts Individuelles charakterisierte zerfleischten sich in jeder Zelle seines Körpers, bis an sein Lebensende.
Dank seinem militärischen Avancement wird Prior durch die Klassenschranke geschleust aber als «Gentleman auf Zeit» von den wahren Aristokraten mit schöner Regelmässigkeit an seine Herkunft erinnert. «Sie kennen diese Leute», heisst es, als das Kriegsministerium den jungen Offizier auf sogenannt wehrkraftzersetzende Elemente im Vaterland Gewerkschafter, Pazifisten, Dienstverweigerer, von denen zumindest einige tatsächlich zu Priors früherem Freundeskreis zählten ansetzt. Nur zu gut kennt er freilich auch das Leben auf der Schattenseite Grossbritanniens, wo Patriotismus und Kampfbegeisterung mit gutem Grund nicht recht gedeihen wollen. Die Industriegebiete im Norden sind ihren Bewohnern nicht Heimat, sondern eigentliche Präfigurationen der Kriegslandschaft:
Einer der vielen Gründe, weshalb er [sc. Prior] sich anders fühlte als seine Offizierskollegen, war, dass ihr England ein bukolischer Ort war: Wiesen, Flüsse, waldige Täler, mittelalterliche Kirchen, umgeben von ehrwürdigen Ulmen. Sie konnten nicht verstehen, dass die Front, dieser Apparat, der den einzelnen auf ein Rädchen im Getriebe reduzierte, diese verwahrloste Landschaft, sich für ihn und die allermeisten Soldaten nicht gross unterschied von dem Leben, das sie von zu Hause her kannten in Birmingham, Manchester, Glasgow oder in den Bergarbeiterdörfern in Wales , sondern nur eine albtraumhafte Steigerung darstellte.
TREIBHAUS DER PARANOIA
Aus dem versuchten Doppelspiel des zwischen verschiedenen Loyalitäten schwankenden Prior konstruiert Barker einen gewagten Plot, der allerdings gerade in seinen unglaublichsten Momenten auf Realien rekurriert: etwa die eingangs erwähnte Verleumdungsaffäre oder das ähnlich groteske Verfahren, welches 1917 gegen eine Trödlerin angestrengt wurde, weil sie angeblich den britischen Premierminister Lloyd George mit einem vergifteten Pfeil ins Jenseits hatte befördern wollen. Das «zivile» Britannien erweist sich als eigentliches Treibhaus der Paranoia, in dem sich die innere Zerrissenheit des Protagonisten erst zur offenen Schizophrenie auswächst. Prior beginnt das Leiden der Frontsoldaten gegen die von den Trägern der pazifistischen Bewegung erlittenen Schikanen aufzurechnen; gerade weil er sich mit beiden Seiten identifizieren kann, geht er an dem unmenschlichen Kalkül mit den eigenen Sympathien innerlich zu Bruch. Der psychische Druck treibt einen unheimlichen «Anderen» aus ihm hervor, der jenseits von Priors Wissen und Willen Verrat an den Jugendfreunden übt. Bei aller Faktentreue und britischen Nüchternheit nähert sich Barker hier den Verklammerungen von Wahn und historischer Realität, welche die grossen amerikanischen Kriegsromane, etwa Joseph Hellers «Catch 22» oder Thomas Pynchons «Die Enden der Parabel», vorführen.
Die Enden von Barkers Parabel allerdings sind gelegentlich solider als nötig geerdet: mit Rivers, der Prior nach wie vor als Therapeut begleitet, etabliert sie eine Instanz im Erzählgeschehen, welche die imaginative Dimension des Romans zuverlässig in den Raster psychologischer Erklärungsmuster überführt. Auch die sich abzeichnende Symmetrie kindlicher Traumata in Priors und Rivers' Biographien wirkt forciert, und eine ausführlich geschilderte, aber nirgendwo in der Romanhandlung verhaftete Fallgeschichte aus Rivers' Dossier ist wohl vor vor allem als Hommage an den von der Autorin offensichtlich verehrten Arzt in den Text eingegangen.
Wenn Präsenz und Sympathien der Schriftstellerin in solchen Momenten allzu spürbar werden, bringt sie dafür um so subtiler die Kräfte zum Ausdruck, die zwischen den Figuren wirken: Priors scharfen Sinn für jede Fuge und Verwerfung im glatten Parkett der britischen Klassengesellschaft, aber auch sein zugleich verschlagenes und anrührendes Werben um Rivers' Zuneigung die sich wiederum, dem Arzt selbst kaum bewusst, auf Siegfried Sassoon fokussiert hat. Als lebendige Mikrostruktur hält dieses sorgfältig entwickelte Geflecht menschlicher Beziehungen den grossen Entwurf der «War Trilogy» zusammen; aus dem Gleichmass von Sachwissen und Menschenkenntnis heraus und mit einem Arsenal literarischer Mittel, das den Aufbau weiter Spannungsbögen so gut wie die in einem Halbsatz scharf umrissene Prosavignette einbegreift gelingt Pat Barker die stets sinn- und nur selten augenfällige Rekonstruktion einer Epoche.
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Zwei Seelen wohnen in seiner Brust: Der britische Offizier Billy Prior stammt aus der Arbeiterklasse und verkehrt in der Mittelschicht, er haßt den Krieg und verachtet die Kriegsdienstverweigerer, er fühlt sich mal zu Männern hingezogen und mal zu Frauen. Kein Wunder, daß der Arzt ihm eine Persönlichkeitsspaltung bescheinigt.- Prior, vom Krieg traumatisiert, führt Krieg mit sich selbst.
In Seelengewittern: Auch im zweiten Band ihrer Romantrilogie über den Ersten Weltkrieg stehen bei Pat Barker, 55, der Psychiater Dr. W. H. R. Rivers (den es wirklich gab) und einer seiner Patienten im Mittelpunkt. In diese Geschichte hat die britische Autorin wieder eine Menge Zeitgeschehen eingeflochten: die Klassenkonflikte im Großbritannien von 1917/18, die gesellschaftliche Ächtung von Homosexuellen und Pazifisten und den Kampf der Psychoanalytiker um die Anerkennung ihrer Wissenschaft.
All das ist sorgfältig recherchiert und um die Hauptfiguren herumkonstruiert, und genau das ist die Schwäche des Romans: Immer bleibt spürbar, wieviel die Autorin gleichzeitig wollte. Die unprätentiöse, oft etwas altbacken wirkende Sprache und die meist sehr mechanistischen psychologischen Erklärungsmuster mögen an den Anfang des Jahrhunderts gehören,- der Leser ist nun mal 80 Jahre weiter, und so bleibt eine merkwürdige Distanz zum Geschehen. Dennoch ist Barkers Roman das eindringliche, ungewöhnliche Porträt einer Epoche und dabei oft spannend wie ein Krimi.
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