Das Artefakt ist ein Stück besonders hoch entwickelter Technik, das vor Millionen von Jahren - vermutlich aus der Zukunft stammend - auf dem Planeten Heraklon erschien und aus den verschiedensten Gründen bei unterschiedlichen Gruppen Interessen und Begehrlichkeiten hervorruft. In einem Kosmos mit hohen Mächten, gefallenen Welten und einer Organisation namens Ägide erleben die Leserinnen und Leser zu Beginn des Romans, wie der bei der Erforschung des Artefakts ermordete Beauftragte der Ägide, Rahil Tennerit, wiedererweckt wird. Dies ist mithilfe der entsprechenden Technik dann möglich, wenn der genetische Code der betreffenden Person und ein sogenanntes "Image" vorhanden sind. Ein "Image" ist eine Art Aufzeichnung der Erlebnisse, Erinnerungen und Bewusstseinsinhalte eines Lebewesens, die zu einem bestimmten Zeitpunkt angefertigt wird. Da das verwendete "Image" von Rahil Tennerit ein Jahr alt ist, fehlen ihm bei seiner Wiedererweckung entscheidende Erinnerungen im Zusammenhang mit der von ihm durchgeführten Erforschung des Artefakts und seiner Ermordung. So macht sich der wiedererweckte Protagonist erneut auf die Reise zum Planteten Heraklon, um seinen ursprünglichen Auftrag zu erfüllen und die verlorenen Erinnerungen wiederzufinden, von denen angeblich eine Aufzeichnung existiert. Eine Reise mit allerlei Hindernissen, Irrwegen, Rückschlägen, Offenbarungen menschlicher Schicksale und überraschenden Wendungen und Erkenntnissen.
"Wo lagen die Grenzen der Phantasie?" sinniert Rahil Tennerit im Roman. Bei Andreas Brandhorst sicherlich nicht. In einem Feuerwerk an faszinierenden Ideen entführt er die Leserinnen und Leser in ein vielschichtiges Universum voller exotischer Welten und Lebewesen, geheimnisvoller Konstrukte und Schauplätze und einer komplexen, durch Rückblenden verschachtelten, auf verschiedene Zeitebenen angelegten Handlung, in der vieles nicht das ist, was es zunächst zu sein scheint.
Die es aber in sich hat: Abenteuer im Weltraum und unter archaischen Bedingungen auf Planeten, eine tragische Familiengeschichte mit Generationenkonflikt, philosophische Betrachtungen zu (allzu menschlichen) Eigenschaften wie Lüge, Wahrheit und Machtgier, die auch unsere heutige Gesellschaft zur Genüge kennt, und dazu ein Schuss Kosmologie bis in die Anfänge des Universums. Dabei stehen diese Geschehnisse nicht für sich, sondern sind über zahlreiche Beziehungen und Verflechtungen miteinander verknüpft, die sich im Finale offenbaren.
Brandhorsts Technik gründet zwar auf naturwissenschaftlichen Gesetzen, soweit das in der SF möglich ist, verzichtet aber auf die detaillierte Beschreibungen der theoretisch-hypothetischen Grundlagen, ganz in der Tradition der Kantaki-Romane und Kinder der Ewigkeit und der sinngemäßen Aussage, dass eine höher stehende Technik den Lebewesen, die nicht den nötigen Wissensstand besitzen, wie Magie erscheinen muss. Das Artefakt ist meiner Meinung nach kein Hard-SF-Roman, vielmehr eine breit angelegte, epische Space Opera. Besonders überzeugend fand ich, dass die Charaktere, v. a. die "Bösen", nicht in ein starres Gut-Böse- bzw. Schwarz-Weiß-Schema gepresst werden, sondern in den verschiedensten Abstufungen von Grautönen erscheinen. Auch diesmal ist mir sehr positiv aufgefallen, dass die Beschreibung waffenstarrender Raumschlachten völlig fehlt.
Wie immer gefällt der flüssige, greifbar-bildhafte Schreibstil des Autors. Das liest sich spannend und mitreißend.
Natürlich ist Geschmack eine äußerst subjektive Angelegenheit, aber wem die bisherigen Romane des Autors gefallen haben, der wird auch an "Das Artefakt" seine helle Freude haben.
Deshalb: Von meiner Seite eine absolute Kaufempfehlung!