John Keegans Buch war ein Meilenstein für die moderne Militärgeschichtsschreibung: Ein junger, ungedienter, britischer Historiker (man beachte die Kombination!) schreibt ein Buch über die individuelle Erfahrung der Schlacht - eine nicht nur für militärische Zeitgenossen verwirrende, für manche geradezu verstörende Konstellation. Konnte das gutgehen?
Es konnte.
Keegan sezierte die Schlachten von Azincourt (1415), Waterloo (1815) und der Somme (1916) und produzierte einen Text, der bis heute faszinieren kann. Was sah, was roch, was spürte der Soldat auf dem Schlachtfeld? Was passiert bei einer Kavallerieattacke eigentlich genau? Wie wird Trommelfeuer erlebt? Wie wird Verwundung erfahren? Und vor allem - wie ändern sich diese Aspekte durch die Jahrhunderte? In einer Zeit, in der Militärgeschichte sich noch praktich ausschließlich mit glorifizierten (oder verdammten) Generalen und klinisch-sauberen roten und blauen Pfeilen auf Landkarten beschäftige, war dieses Buch ein Paukenschlag für eine Perspektive von unten.
Über 30 Jahre später ist der Lack natürlich ein wenig ab. Das einführende Kapitel über Militärgeschichte ist selbstverständlich veraltet, daraus kann man dem Buch keinen Vorwurf machen. Aber auch der Text selber ist heute nicht mehr so leicht zu genießen, wie er es unter dem Eindruck der Neuartigkeit des Buches vielleicht war. Quellenkorpus und Belegarbeit sind mehr als dünn - und zwar nicht nur nach den bekanntlich sehr hohen, zeitgenössischen, deutschen Maßstäben. Viele Ableitungen und Generalisierungen sind doch recht gewagt. Im Lichte einer kritischen Sozial- und Kulturgeschichte, die in den letzten Jahrzehnten unsere Perspektive erweitert hat, sind viele Aussagen Keegans hoffnungslos veraltet.
Und doch: Keegans Schlacht bleibt eine unbedingte Leseempfehlung. Wer dieses Buch mit kritischem Blick und akademischer Distanz liest, wird immer noch eine Reihe von überraschenden und anregenden Punkten finden. Die Idee, die Erfahrung der Schlacht zu skizzieren, ist ja nicht vom Tisch, sondern im Gegenteil immer noch ein oft artikuliertes Desiderat. Keegans Buch stellte (und stellt teilweise immer noch!) Fragen, die sehr einfach und naheliegend erscheinen, sobald sie artikuliert waren - aber sie mussten erst einmal artikuliert werden, und das war das Verdienst dieses Buches, auch wenn es aus heutiger Sicht viele Antworten schuldig bleibt. Dass nicht wenige von Keegans Aussagen und Arbeitstechniken heute befremden, ist dabei aber dann eigentlich kein Mangel, sondern sollte kritische Leserinnen und Leser ganz im Gegenteil anregen und dazu beflügeln, sich um so enthusiastischer in die aktuelle wissenschaftliche Literatur zu den Themen zu vertiefen, die Keegan nur angerissen hat.
5 Sterne bekommt dieses Buch also nicht deshalb, weil es heute noch uneingeschränkt zu empfehlen wäre, sondern:
- wegen seines historischen Verdienstes um die akademische Militärgeschichtsschreibung
- weil es auch nach über 30 Jahren noch die Kraft hat, zu reizen und intellektuell herauszufordern
- weil es inhaltlich immer noch ein guter Startpunkt ist.
P.S. Keegan selber hat sich übrigens in den letzten 30 Jahren inhaltlich kaum ein Stück bewegt. War "Face of Battle" noch ein junges, wildes Buch in einem sehr konservativen Rahmen, so hat sich das wissenschaftliche Koordinatennetzwerk in den vergangenen 30 Jahren doch sehr verschoben. Keegan schreibt aber immer noch praktisch das gleiche, so dass sein Werk
Die Kultur des Krieges von 1997 plötzlich sehr verstaubt und beinahe klischeehaft chauvinistisch wirkt - trotz des (gescheiterten) Versuches, mit der Integration der kulturhistorischen Perspektive weiter an der Spitze des Diskurses zu bleiben.