Der Sklave Mai und seine schwangere Frau Nechbet erfahren beim Fischen zufällig von einem Anschlag, den ein böser Priester auf das Leben des Prinzen Ramses plant. Indem sie Ramses warnen, retten sie sein Leben und erhalten als Dank die Freiheit, ein Landgut im Nildelta und zwei Ohrringe, die sie nutzen können, sollten sie jemals Hilfe von Ramses benötigen. Bis hierhin ist es eine recht interessante Geschichte mit zwei sehr sympathischen Hauptfiguren. Dann jedoch stirbt Nechbet bei der Geburt ihrer Zwillinge und wenig später wird auch Mai von dem bösen Priester aus Rache getötet. Für Leser, welche die beiden Figuren bis hierhin liebgewonnen hatten, ist das ein harter Schlag: Hauptfiguren tot - und was kommt jetzt?
Danach beginnt die Geschichte der beiden Zwillinge Meret und Antef, die von ihrer Stiefmutter gequält, enterbt und schließlich verjagt werden. Natürlich dauert es eine Weile, bis man sich in diese neue Geschichte eingelesen hat und die beiden "neuen Hauptfiguren" akzeptiert. Dann aber steigert sich die Spannung stetig und erreicht ihren Höhepunkt, als die Zwillinge erfahren, dass der Priester wieder einen Anschlag auf den inzwischen zum Pharao gekrönten Ramses II. plant. Natürlich wollen Meret und Antef den Pharao warnen, aber die Palastwachen erkennen die zu Amuletten verarbeiteten Ohrringe nicht. Was also tun?
Auch hier wieder ein wenig Kritik am Aufbau der Story: Warum lässt die Autorin die Kinder zusammen mit ihrer Tante Tua fliehen, wenn auch diese Tante wenige Seiten später stirbt? Die Flucht der Kinder wäre die gleiche gewesen, wenn keine Tante dabei gewesen wäre. Was also war der Sinn dieser Figur?
Und warum betitelt sie den Roman mit "Das Amulett des Pharaos", wenn dieses Amulett dann völlig bedeutungslos bleibt? Die Palastwachen erkennen es ja nicht. Und danach tauchen die Amulette bis zum Ende der Geschichte nicht mehr auf.
Und noch ein Kritikpunkt: Der Grund, warum der Priester Ramses II. töten will, ist der, dass er Angst hat, Ramses könnte - wie der frühere Pharao Echnaton - die vielen Götter Ägyptens abschaffen wollen. Das ist historisch aber an den Haaren herbeigezogen. Da hätte sich die Autorin wirklich wirklich einen besseren Grund einfallen lassen können.
Nach so vielen Kritik nun aber das Positive: Der Erzählstil ist hervorragend. Die Figuren "leben" richtig und wachsen dem Leser schnell ans Herz. Man verfolgt die Geschichte mit zunehmender Spannung und bangt mit Merit, auf deren Schultern letztlich die ganze Last liegt. Gegen Ende konnte ich das Buch daher fast nicht mehr aus der Hand legen. Dennoch vergisst die Autorin nie, dass sie für Kinder schreibt. Trotz der manchmal düsteren Gedanken der beiden Zwillinge verlassen diese nie den Pfad der Tugend und bleiben stets aufrecht und höflich.
Sehr erfreulich ist, dass das Buch auch noch etwas über die Lebensumstände im alten Ägypten erzählt und sicher geeignet ist, das Interesse des jugendlichen Lesers für diese einmalige Hochkultur zu wecken. In erster Linie ist Christa-Maria Zimmermann aber trotz der angesprochenen historischen Ungenauigkeit und mir manchmal unverständlicher Handlungsfolge eine gut erzählte und anrührende Geschichte gelungen, die Leser jeder Altersklasse in ihren Bann schlagen kann.