Und wieder einmal, wie schon mit dem „indischen Tuch" zuvor, gelingt es Titania Medien eine triviale literarische Vorlage zu veredeln, sie in der Hörspiel-Umsetzung qualitativ sogar zu erhöhen. Meine dankbare Begeisterung über das ehrliche Engagement des kreativen Teams um Marc Gruppe (Adaption und Regie) und Stephan Bosenius (Produktion) ist kaum zu toppen. Die Romanvorlage von Dracula-Erfinder Bram Stoker ist kaum mehr als die schwülstige Anbiederung an eine kulturelle Mode Anfang des 20. Jahrhunderts: Damals grassierte das Ägypten-Fieber in ganz Europa. Dieses schwelte seit Kaiser Napoleons Ägypten-Feldzug 1789 lauwarm vor sich hin, machte den Nil-Staat zum ersten Touri-Ziel der Reisegeschichte, und wurde durch die Grab-Entdeckungen des britischen Archäologen Howard Carter (Amenophis, Hatschepsut und später natürlich Tut-Ench-Amun) zum regelrechten Trend: Ägypten-Klamotten, Ägypten-Ausstellungen, Ägypten-Romane. Auch Stoker griff diesen Society-Kult in seinem Roman auf, wohl in der (vergeblichen) Hoffnung, mal wieder einen Weltbestseller a la Dracula zu landen. Während man beim Lesen des Romans ob seiner überholten betulichen Salon-Attitüde kaum die einstige Ägypten-Begeisterung nachschmecken kann (wie bei einer alten Parfum-Flasche deren Duft völlig verraucht ist), gelingt es der Titania-Regie, den Sprechern und der Musik, das exotische Faszinosum von einst wiederauferstehen zu lassen, den Duft einer Ära zu re-kreieren. Salon, nach wie vor. Aber lebendig und stilecht. Es wird konsequent in eine Epoche eingetaucht. Und so wird aus dem Mumien-Melodram ein vergnüglicher romantischer Düster-Traum vergangener Zeiten. Die Sprecher - einfach perfekt. Hier bleibt nichts zu wünschen übrig. Die Hauptrollen werden durchweg brillant dargestellt - allen voran Janina Sachau, in der Rolle der Margret als Inbegriff der aufgeweckten, klugen, modernen jungen Frau. Aber auch die Nebenrollen glänzen wie die Juwelen in den Grabkammern - hier sei stellvertretend für alle die überaus berühmte Regina Lemnitz erwähnt; liebgewonnen durch legendäre Synchronarbeiten als Roseanne, Whoopi Goldberg oder Kathy Bates in „Misery". Dem Ensemble gelingt es, trancehafte Langsamkeit (die der Geschichte nunmal innewohnt, ist halt kein Mumien-Splatter-Schocker) so zu spielen, als stünden sie tatsächlich unwissentlich im Hypno-Bann alter Mächte. Richtiger geht es nicht. Dieses Trance-Gefühl überträgt sich auch auf den Hörer. Freilich hat der kongeniale Komponist Manuel Rösler wieder einen großen Anteil daran. Seine ägyptophilen Kadenzen, mal sehnsüchtig-flehend wie ein Liszt'scher Liebestraum wenn zarte Bande illustriert werden, dann wieder weitausholend sinfonisch, wenn majestätische Regenten-Aura erzeugt wird, ist einfach meisterlich. Weniger meisterlich allerdings empfinde ich bei der Gruselkabinett-Serie das Artwork. Das Produkt-Management überzeugt mich hier ganz und gar nicht: Schon allein der altbackene Titel „Gruselkabinett" ist recht halbgar. Wer weiß heute noch, was ein Kabinett ist? Auch wenn sich die Serie alten Klassikern widmet, sollte sie sich nicht selbst mit einem unglücklichen Titel in die verstaubte Ecke stellen. Oder sollte Gediegenheit signalisiert werden? Dazu passt dann aber der Schriftzug, der eher an Gespensterkrimi-Groschenromane erinnert, ganz und gar nicht. Und die flatternden Fledermäuse runden das Klischee vollends ab. Die Serie hat eine würdigere Verpackung verdient. Fazit: Ambitioniertes Hörspiel-Kino aus einer versunkenen Erzählepoche mit dem Mut zur gebotenen Langsamkeit - ein Antithesum zum reißerischen Ex- und Hopp-Horror. Für manche vielleicht nicht action-lastig genug, für Genießer ein 4-Sterne-Erlebnis.