Ich hatte ursprünglich Bedenken, ob das Werk auch für einen historisch interessierten Laien geeignet oder eher als ein Sammelband von Fachbeiträgen angelegt ist und wurde sehr angenehm überrascht. Obwohl hier ausweislich des Nachwortes sehr viele Autoren am Werk waren, wirkt der Text wie aus einem Guss und ist spannend, ja sogar ergreifend gestaltet. Schon in der Einleitung packen die Autoren den Leser mit drei biographischen Skizzen, die einen praktisch zur Lektüre zwingen. Zwei Karrieristen und Fritz Kolbe, dessen Name ich hier ausdrücklich erwähne, weil er 1933 aus innerer Überzeugung sein Amt niederlegte und nach dem Zweiten Weltkrieg vom Kartell der im Amt Verbliebenen an der Wiedereinstellung gehindert wurde, weil er sein Vaterland in schwerer Zeit im Stich gelassen habe. Das Buch liefert weitere Beispiele dafür, dass ganz normaler Anstand zum einen die Ausnahme darstellte, zum anderen aber auch zur Brandmarkung und gesellschaftlichen Ächtung durch das AA führte.
Dem steht die Einstellung der im Amt Verbliebenen gegenüber, die sich im Nachhinein damit rechtfertigten, Sie hätten auf diese Weise das Schlimmste verhindern wollen. Das Buch belegt im ersten Teil, dass dies eine wohlfeile Ausrede dafür war, unter dem faschistischen Regime Karriere zu machen. Denn nach einer kurzen Phase der außenpolitischen Unsicherheit und des Zögerns nahm Hitler das Heft des Handelns selbst in die Hand und benutzte das Auswärtige Amt nur noch dazu, seine Strategien abzusichern. Beim Einmarsch in das Ruhrgebiet etwa hatte der römische Botschafter gegenüber Mussolini "freie Fahrt" erwirkt usw. Verhindern konnte jetzt niemand mehr etwas; dies war allen Beteiligten auch klar. Darum geht es auch gar nicht: Denn in vorauseilendem Gehorsam schaltete sich das Auswärtige Amt nun selbst gleich und half den Faschisten ideenreich und durch seine Kontakte überall, wo es nur konnte, vor allem im Bereich der Ermittlung und Deportation der Juden. Die Art der Anbiederung wirkt im Einzelnen ausgesprochen widerlich. Und möglichst viele Leser sollten selbst erfahren, zu welchen Selbsterniedrigungen gestandene Leute, die einer ganz bestimmten Gesellschaftsschicht angehörten (ein Adelsprädikat und die Stellung als Berufsoffizier waren praktisch Einstellungsvoraussetzung im höheren Dienst) fähig waren. Hinzu tritt aber auch die eigene antisemitische Überzeugung der meisten AA-Vertreter. Erschreckend wirkt schon auf den ersten Seiten ein Zitat von E. von Weizsäcker, wonach die westlichen Mächte das Reich einfach nicht verstünden, weil sie selbst kein ähnliches Judenproblem vorfänden wie das Reich. Später wird er dieser Einsicht entsprechend auf erschreckende Weise handeln.
Ich würde das Buch vor allem auch den Lesern empfehlen, die sich ansonsten für Geschichte oder gerade für die Geschichte des Dritten Reichs nicht interessieren. Denn das Werk verrät unabhängig vom historischen Thema auch sehr viel über die menschliche Natur unter solchen Extrembedingungen: Ehrgeiz kann sich hier nur auf schlimmste Weise verwirklichen, deswegen müssen die Umstände schön geredet oder geleugnet werden. Kritische Mahner, denen das eigene Gewissen wichtiger ist, als der berufliche Erfolg, werden notwendig mundtot gemacht. Vielleicht sollte man sich hüten, vom heutigen Standpunkt aus auf die Akteure herabzusehen, weil wir alle selbst keiner vergleichbaren Prüfung ausgesetzt sind. Aber lehrreich ist der "Menschenzoo" AA in jedem Fall.
Dies gilt vor allem auch für den zweiten Teil des Werkes, das mit einer überraschenden Sichtweise aufwartet. Der sog. Wilhelmstraßen-Prozess der Alliierten gegen die Vertreter des AA hatte einen ungewollten Nebeneffekt. Er führte die schlimmsten Akteure zusammen und sorgte so dafür, dass diese eine gemeinsame Legende über die Motive ihres Wirkens erst entwickeln konnten. Hier kostet die Lektüre bisweilen ein Höchstmaß an Überwindungskraft.
Ich kann das Buch daher uneingeschränkt empfehlen: Es bereichert nicht nur das historische Wissen in spannender Darstellung, sondern gewährt einen seltenen Einblick in die condition humaine.