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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
103 von 138 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ein wichtiges Buch, das einen Teil der offiziellen deutschen Geschichtsschreibung vom Kopf auf die Füße stellt,
Von Winfried Stanzick (Ober-Ramstadt, Hessen Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen (HALL OF FAME REZENSENT) (TOP 10 REZENSENT)
Rezension bezieht sich auf: Das Amt und die Vergangenheit: Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik (Gebundene Ausgabe)
Es war im Jahr 2005, als der erste grüne Außenminister der Republik, Joschka Fischer, einer internationalen Historikerkommission den Auftrag gab, die Geschichte des Auswärtigen Amtes während der Nazizeit und vor allem seine fast nahtlose Weiterarbeit mit vielen ehemaligen Nazidiplomaten nach der Gründung der Bundesrepublik 1949 in Bonn n zu untersuchen.Herausgekommen ist ein Werk, das unter der Herausgeberschaft der international renommierten Historiker Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes und Moshe Zimmermann im Blessing Verlag veröffentlicht wird. Das Buch ist geeignet, den lange auch in der neuen Bundesrepublik gepflegten und gehüteten Mythos von der besonderen Rolle des Auswärtigen Amtes in der Hitlerdiktatur zu zerstören und das ist auch gut so. Mehr als man bisher angenommen hat bzw. mehr als von denen, die es wissen mussten, zugegeben wurde, war das Auswärtige Amt in Berlin von Anfang an involviert und aktiv beteiligt an der systematischen Verfolgung und Ausrottung der europäischen Juden. Von den damals beteiligten Personen wurden nur sehr wenige nach dem Krieg zur Rechenschaft gezogen, etwa Ernst von Weizsäcker, damals von seinem noch jungen Sohn Richard von Weizsäcker verteidigt. Dieser Richard von Weizsäcker legte mit seiner berühmten Rede als Bundespräsident 1985 vierzig Jahre nach Kriegsende vielleicht einer der wichtigsten politischen Grundlagen dafür, dass es noch einmal 20 Jahre später politisch möglich wurde, diese Untersuchung in Auftrag zu geben. Die meisten Diplomaten wurden nach 1949 übergangslos in das neue Außenamt übernommen und man erinnert sich an das böse Wort von Helmut Heißenbüttel, der den Adenauerstaat einmal "die Fortsetzung des Dritten Reiches mit demokratischen Mitteln" nannte. Die Diplomaten des Auswärtigen Amtes, so zeigt dieses Buch, waren mitnichten die heimlichen Oppositionellen der Nazidiktatur, die Schlimmeres verhüteten. Das war lange die raison d`etre der Außenpolitik der BRD bis lange nach der Adenauerzeit. Sie waren mitnichten die Verführten, auch wenn sie unter Nutzung vielfältiger familiärer und adelsständiger Netzwerke diesen Mythos begründeten und lange aufrechterhalten konnten. Ein wichtiges Buch, das einen Teil der offiziellen deutschen Geschichtsschreibung vom Kopf auf die Füße stellt. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
8 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Sehr lesenswert, aber unübersichtlich,
Von
Rezension bezieht sich auf: Das Amt und die Vergangenheit: Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik (Gebundene Ausgabe)
Das behandelte Thema ist sehr wichtig, weil es den Mechanismus aufdeckt, wie Täter immer wieder auf die Füße fallen. Dass das Auswärtige Amt so tief in die Verbrechen des 3. Reiches verstrickt war, überrascht einerseits, andererseits war nichts anderes zu erwarten. Dass Beamte die Politik ihres Geldgebers aktiv unterstützen, war schon immer so, weltweit.Die vielen Namen verwirren immens. Man hätte durchaus ein paar Tabellen anfügen können: Außenminister, Botschafter, Staatssekretäre. Um so das Verständnis zu verbessern. Ich persönlich hätte auch gern 5-10 Originaldokumente im Buch, wie die berühmte Kostenabrechnung einer Reise zur Beobachtung einer Judendeportation. Einige peinliche Fehler erstaunen: Luxemburg war nie ein Reichskommissariat, sondern hatte einen Chef der Zivilverwaltung. 1950 gab es noch kein Land Baden-Württemberg und Reinhold Maier war zu dieser Zeit Ministerpräsident des Landes Württemberg-Baden (S. 433. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
38 von 54 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Empfehlenswert,
Von
Rezension bezieht sich auf: Das Amt und die Vergangenheit: Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik (Gebundene Ausgabe)
Ich hatte ursprünglich Bedenken, ob das Werk auch für einen historisch interessierten Laien geeignet oder eher als ein Sammelband von Fachbeiträgen angelegt ist und wurde sehr angenehm überrascht. Obwohl hier ausweislich des Nachwortes sehr viele Autoren am Werk waren, wirkt der Text wie aus einem Guss und ist spannend, ja sogar ergreifend gestaltet. Schon in der Einleitung packen die Autoren den Leser mit drei biographischen Skizzen, die einen praktisch zur Lektüre zwingen. Zwei Karrieristen und Fritz Kolbe, dessen Name ich hier ausdrücklich erwähne, weil er 1933 aus innerer Überzeugung sein Amt niederlegte und nach dem Zweiten Weltkrieg vom Kartell der im Amt Verbliebenen an der Wiedereinstellung gehindert wurde, weil er sein Vaterland in schwerer Zeit im Stich gelassen habe. Das Buch liefert weitere Beispiele dafür, dass ganz normaler Anstand zum einen die Ausnahme darstellte, zum anderen aber auch zur Brandmarkung und gesellschaftlichen Ächtung durch das AA führte.Dem steht die Einstellung der im Amt Verbliebenen gegenüber, die sich im Nachhinein damit rechtfertigten, Sie hätten auf diese Weise das Schlimmste verhindern wollen. Das Buch belegt im ersten Teil, dass dies eine wohlfeile Ausrede dafür war, unter dem faschistischen Regime Karriere zu machen. Denn nach einer kurzen Phase der außenpolitischen Unsicherheit und des Zögerns nahm Hitler das Heft des Handelns selbst in die Hand und benutzte das Auswärtige Amt nur noch dazu, seine Strategien abzusichern. Beim Einmarsch in das Ruhrgebiet etwa hatte der römische Botschafter gegenüber Mussolini "freie Fahrt" erwirkt usw. Verhindern konnte jetzt niemand mehr etwas; dies war allen Beteiligten auch klar. Darum geht es auch gar nicht: Denn in vorauseilendem Gehorsam schaltete sich das Auswärtige Amt nun selbst gleich und half den Faschisten ideenreich und durch seine Kontakte überall, wo es nur konnte, vor allem im Bereich der Ermittlung und Deportation der Juden. Die Art der Anbiederung wirkt im Einzelnen ausgesprochen widerlich. Und möglichst viele Leser sollten selbst erfahren, zu welchen Selbsterniedrigungen gestandene Leute, die einer ganz bestimmten Gesellschaftsschicht angehörten (ein Adelsprädikat und die Stellung als Berufsoffizier waren praktisch Einstellungsvoraussetzung im höheren Dienst) fähig waren. Hinzu tritt aber auch die eigene antisemitische Überzeugung der meisten AA-Vertreter. Erschreckend wirkt schon auf den ersten Seiten ein Zitat von E. von Weizsäcker, wonach die westlichen Mächte das Reich einfach nicht verstünden, weil sie selbst kein ähnliches Judenproblem vorfänden wie das Reich. Später wird er dieser Einsicht entsprechend auf erschreckende Weise handeln. Ich würde das Buch vor allem auch den Lesern empfehlen, die sich ansonsten für Geschichte oder gerade für die Geschichte des Dritten Reichs nicht interessieren. Denn das Werk verrät unabhängig vom historischen Thema auch sehr viel über die menschliche Natur unter solchen Extrembedingungen: Ehrgeiz kann sich hier nur auf schlimmste Weise verwirklichen, deswegen müssen die Umstände schön geredet oder geleugnet werden. Kritische Mahner, denen das eigene Gewissen wichtiger ist, als der berufliche Erfolg, werden notwendig mundtot gemacht. Vielleicht sollte man sich hüten, vom heutigen Standpunkt aus auf die Akteure herabzusehen, weil wir alle selbst keiner vergleichbaren Prüfung ausgesetzt sind. Aber lehrreich ist der "Menschenzoo" AA in jedem Fall. Dies gilt vor allem auch für den zweiten Teil des Werkes, das mit einer überraschenden Sichtweise aufwartet. Der sog. Wilhelmstraßen-Prozess der Alliierten gegen die Vertreter des AA hatte einen ungewollten Nebeneffekt. Er führte die schlimmsten Akteure zusammen und sorgte so dafür, dass diese eine gemeinsame Legende über die Motive ihres Wirkens erst entwickeln konnten. Hier kostet die Lektüre bisweilen ein Höchstmaß an Überwindungskraft. Ich kann das Buch daher uneingeschränkt empfehlen: Es bereichert nicht nur das historische Wissen in spannender Darstellung, sondern gewährt einen seltenen Einblick in die condition humaine. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
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