Der schottische Literaturprofessor Murray Watson ist seit seiner Jugend fasziniert von den Gedichten seines Landmannes Archie Lunan. Der Dichter ist früh verstorben und hat der Nachwelt außer ein paar Gedichten nur wenig hinterlassen. Doch Murray Watson ist wild entschlossen, eine Biografie über den Hippie-Poeten und den tragischen Segelunfall zu schreiben. In ihrem Roman "Das Alphabet der Knochen" erzählt die schottische Schriftstellerin Louise Welsh von der Suche des jungen Professors nach den wahren Gründen und Hintergründen für den frühen Tod seines Idols.
Der eher langweilige Englischprofessor Murray Watson, der immerhin eine Affäre mit der Frau seines Chefs hat, ist fasziniert vom bunten Leben des Dichters Archie Lunan. Der war kein Kind von Traurigkeit und hat ganz im Geist der 1960er Jahre viel Zeit mit Drogen, Alkohol und Frauen verbracht. Archie Lunans Nachlass besteht nur aus einer kleinen Kiste zunächst unbedeutender Zettel. Der Literaturdozent Dr. Watson macht sich auf die Suche nach Zeitgenossen, Freunden und Kollegen des Dichters. Seine Recherchen kommen nur langsam voran, da er immer zu spät kommt: Den Freund Lunans trifft er gerade rechtzeitig zu dessen Beerdigung an, ein Suizidwissenschaftler, der über Lunan forschte, hat sich jüngst vor einen Baum gefahren, und Lunans Geliebte droht mit der Polizei, wenn sich Murray Watson ihr auch nur nähert. Doch der Tollpatsch Watson gibt nicht auf, stolpert den Ereignissen hinterher und versucht die mysteriösen Umstände von Lunans Tod aufzudecken. Dabei gerät er in ein Geflecht aus Lügen und Intrigen und macht einige recht unerwartete Entdeckungen.
Der Roman "Das Alphabet der Knochen" wurde von Wolfgang Müller aus dem Englischen übersetzt. Die Welt der Literaturwissenschaft in diesem Roman mit ihren Ränkespielen, Eitelkeiten und Schaumschlägern wird wunderbar dargestellt. Die Personen sind eher Typen als brüchige Charaktere. Diese in sich geschlossene Welt, die sich vor allem um sich selbst dreht, schreckt auch vor Gewaltverbrechen nicht zurück. Eine Biografie oder eine wissenschaftliche Arbeit zu schreiben ist immer eine langwierige Angelegenheit, die einiges an Geduld und Durchhaltewillen verlangt. In dem Roman "Das Alphabet der Knochen" verlangt die Autorin Louise Welsh diese Tugenden auch von ihren Lesern. Die Romanhandlung kommt ähnlich mühsam wie die Recherchen des Professors voran. Louise Welsh hat Geschichte studiert und als Antiquarin gearbeitet, sie kennt also das Metier über das sie schreibt sehr gut, leider fehlt es ihr jedoch an Abstand.
Im letzten Teil des Romans, der auf einer nordschottischen Insel spielt, überschlagen sich die Ereignisse und die Autorin findet endlich zu einer spannenden, stimmungsvollen Handlung. Hier verdient das Buch auch die Bezeichnung Kriminalroman. Geduldige Leser des Romans "Das Alphabet der Knochen", die es bis zur Insel geschafft haben, werden hier belohnt. Am Ende seiner Recherche hat Professor Dr. Watson viel über Archie Lunan aber noch mehr über sich selbst herausgefunden. Ein Kunstgriff, den man von einem gut konstruierten Roman, der in der Welt der Literaturwissenschaften spielt, durchaus erwarten kann!
Der Kriminalroman "Das Alphabet der Knochen" ist ein Entwicklungsroman für alle Leser, die Spaß am akademischen Literaturbetrieb haben und sich von stürmischem Schottlandwetter nicht abschrecken lassen.
(c) Maren Gierth von Literaturtipp.com