Wenn der Mond schon im Namen steckt, sind die Albträume oft nicht weit. Dem Bühnenillusionisten und Hobbydetektiv Edward Moon begegnen sie in diesem Buch zuhauf. Dabei steht ihm ein seltsamer Partner zur Seite, der "Schlafwandler": ein stummer, haarloser, scheinbar unverwundbarer Riese mit Rechtschreibschwäche und Suchtverhalten nach Milch.
Das ist aber erst der Anfang an Skurrilitäten. Die beiden Helden - wenn man sie als solche sehen mag - machen sich auf den Weg, einen außergewöhnlichen Mordfall zu untersuchen und werden dabei in dunkle Verschwörungen und Gegenverschwörungen hineingezogen. Dabei kreuzen immer wieder absurde Charaktere ihren Weg: z.B. der Geheimagent Skimpole, ein Albino, oder der aus dem Zeitgefüge fallende Thomas Cribb, ein Sonderling, der sich nicht an die Vergangenheit, sondern an die Zukunft zu erinnern pflegt.
Autor Jonathan Barnes, seines Zeichens Oxford-Absolvent und Zeitungskolumnist, hat mit schlafwandlerischer Sicherheit einen Bestseller gelandet. Zur großen Klasse fehlt es dem Roman aber. Die Gründe:
1) Barnes reizt das Topos Kuriositäten und Monstrositäten zu sehr aus. Kaum eine Figur ist "normal". Selbst die Prostituierten tragen Bärte oder zwei Köpfe. Durch diese übertriebene Skurrilität schrammt das Buch hart am Geschmacklosen vorbei.
2) Der Roman fängt wortgewaltig und witzig an, hat aber im Mittelteil arge erzählerische Schwächen und Hänger, ehe er in den drei Schlusskapiteln wieder ganz ordentlich an Ironie bzw. Tempo zulegt. Manches, wie die Frage nach dem Wer oder Was in Bezug auf den Schlafwandler, kommt dabei zu kurz.
3) Die Mixtur an entlehnten Elementen ist zu überladen: Moon und der Schlafwandler erscheinen als paradoxes Zerrbild von Holmes und Watson, während der Dichter Samuel Coleridge zu einer Mischung aus Frankensteins Monster und ätzendem Alien gerät.
4) Die Schuluniform tragenden "Präfekten" Boon und Hawker liefern sich zwar höllisch gute Dialoge, sind aber leider eine Kopie von Neil Gaimans dämonischen Killern Mr Croup und Mr Vandemar. Überhaupt erinnern die Geschehnisse in den Tunneln unterhalb Londons sehr an Gaimans "Niemalsland", das schon von Christoph Marzi in "Lycidas" schamlos kopiert worden war.
Aber "Das Albtraumreich des Edward Moon" hat auch seine Stärken. So erfährt man unerwartet und auf amüsante Art und Weise am Ende des 17. von 20 Kapiteln, wer eigentlich der wortgewandte Erzähler ist, der schon in den allerersten Zeilen voranstellte: "Seien Sie gewarnt. Dieses Buch besitzt keinen wie auch immer gearteten literarischen Wert. Es ist ein grässliches, gewundenes, zweifelhaftes Konvolut von Unsinnigkeiten, bevölkert von wenig überzeugenden Charakteren, geschrieben in trockener, öder Prosa, des Öfteren lächerlich und gewollt bizarr."
Schön, dass Jonathan Barnes einen ausgeprägten Sinn für Selbstironie besitzt!