Wenn aus Flugfiguren Denkfiguren werden
Daniele Del Giudice begreift Fliegen als Metapher
Von Albrecht Buschmann
Zwei Drittel Sog, ein Drittel Schub, dazu ausreichend Fahrt dann tragen Tragflächen ein Flugzeug in der Luft. Wussten Sie das? Glauben Sie daran, wenn Sie sich angeschnallt haben? Oder stellen Sie sich plötzlich all die Fragen, die im Physikunterricht hätten beantwortet werden sollen oder vielleicht eher in Philosophie, in Religion? Solche Fragen müssen auch Daniele Del Giudice umgetrieben haben. Er erwarb daraufhin den Pilotenschein, wühlte sich durch reichlich Literatur zum Thema Fliegerei, unterhielt sich mit alten Piloten, und aus diesem Material hat er ein ebenso poetisches wie spannendes Buch geformt.
In einer Mischung aus autobiographischen Erzählungen und essayistischen Einschüben berichtet er von seinen eigenen Flügen oder lässt andere Flieger ihre Geschichten erzählen, Luftwaffenpiloten, Flugkapitäne und einen Literaten: Antoine de Saint-Exupéry darf natürlich nicht fehlen. «Das Abheben des Schattens vom Boden» lautet der Titel des Buches, das klingt gemächlich, doch der Text beginnt alles andere als langsam; auf den ersten Seiten will einem der Angstschweiss ausbrechen.
Denn «für dich ist der Moment gekommen, da du dich in einem Flugzeug wiederfindest, in dem keine Passagiere und kein Pilot sitzen, niemand ausser dir, wie im schlimmsten Traum» dem Erzähler steht der erste Alleinflug bevor. «Und da bist du und drückst mit den Füssen verzweifelt auf die Pedale, damit das Flugzeug nicht statt deiner entscheidet und von selbst zu rollen beginnt möglicherweise zu seinem ersten Alleinflug.» Wenn der Leser am Ende des ersten Kapitels mit dem Piloten und Autor gelandet ist, atmet er erst einmal tief durch. Schon lange wurde man nicht mehr so elegant und doch so packend in eine Geschichte hineingezogen. Nach diesem rasanten Auftakt nimmt der Erzähler das Tempo erst einmal zurück. Abendstimmung, als letzter schlendert er über den verdorrten Rasen des Flugfeldes, als plötzlich aus dem Dunkel zwei Männer auftauchen, ein Flugkapitän und sein junger Co-Pilot. Sie erzählen ihm die letzten Minuten ihres Absturzes, damals, als sie bei einem Linienflug über die Alpen zu spät bemerkten, dass die Tragflächen vereisten. Eine Wolke, ein Reaktionsfehler, «und drei Minuten später war das Flugzeug kein Flugzeug mehr, sondern wir waren nur noch fünfzehntausend Kilo Metall und glasfaserverstärkter Kunststoff, die beinahe in Rückenlage in die Tiefe stürzten, inmitten der Finsternis». Immer wieder umkreist Del Giudice die Frage, wie sich «eine Menge Metall mit Hilfe der Luft in ein Flugzeug» verwandeln kann. Auf Ovids Spuren veranschaulicht der Autor die heiklen Gesetzmässigkeiten der Metamorphosen des Fliegens, die nur unter Idealbedingungen problemlos beherrschbar sind und deren Instabilität ihn besonders fasziniert.
Fliegen oder Abstürzen, das sind in Del Giudices Augen Metaphern für Erfolg oder Scheitern der menschlichen Vernunft. Dabei kann der Fehler, der zwischen Leben und Tod entscheidet, völlig harmlos sein. Im Erdenleben mögen sich Hypothesen versuchsweise durchspielen und ohne grösseren Schaden revidieren lassen nicht so in der Luft. Wer einmal trudelt, kommt nur schwer wieder ins Lot. «Die falsche Frau heiraten oder in den falschen Aufzug steigen waren Probleme von unterschiedlicher Tragweite, beim Fliegen jedoch konnte ein kleines Versäumnis zum völligen Zusammenbruch führen.»
Das Buch hat zwar nicht einmal zweihundert Seiten, aber nach der Lektüre glaubt man, viel mehr gelesen zu haben. Weil es mit viel Sachkenntnis und noch mehr Sprachgefühl geschrieben und von Karin Fleischanderl ebenso übersetzt ist, vor allem aber, weil immer wieder Stimmen anderer Erzähler aus dem Dunkel des Flugfeldes auftauchen. Die Geschichten dieser Piloten handeln letztlich immer von Abstürzen, sie sollen wohl in einer Art Geisterbeschwörung bewirken, dass der Autor bei seinen eigenen Flügen, bei seinen eigenen Reflexionen über das Fliegen, über das Lieben und das Leben vom Scheitern verschont bleiben möge. Die virtuos verschränkten Denkfiguren werden nie langatmig, weil sie eingebunden sind in die greifbare und ergreifende Schilderung der Flugfiguren. Denn auch die schlausten Seiten über den Zusammenhang von Strömungstheorie und Chaosforschung könnten langatmig werden würde der Autor sie nicht formulieren, während er bei einem Flug im Gebirge die Orientierung verliert. Del Giudices Buch fordert die eigene Intelligenz und erschliesst eine neue Welt.
Wunderbare nüchtern-lyrische Geschichten über einen der ältesten Träume der Welt: das Fliegen. Del Giudice spricht in seinen Geschichten vom Abenteuer des Fliegens und des Lebens, vom ersten Alleinflug eines jungen Piloten und vom letzten Flug Saint-Exupérys. Er belauscht das geisterhafte Gespräch zweier Piloten, die immer noch rätseln, welche Ursachen zum Absturz ihres vollbesetzten Passagierflugzeugs geführt haben. Und er rekonstruiert die bis heute ungeklärte Geschichte eines Flugzeugunglücks auf Sizilien anhand dessen, was die black box zutage förderte. Daniele Del Giudice ist »einer der überzeugendsten Zauberer neuerer italienischer Erzählkunst«. Herbert Wiesner in der SZ
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-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.