- Gebundene Ausgabe
- Verlag: C.H.Beck; Auflage: 1 (1995)
- Sprache: Deutsch
- ISBN-10: 3406398898
- ISBN-13: 978-3406398896
- Größe und/oder Gewicht: 20,4 x 13,2 x 3,2 cm
- Amazon Bestseller-Rang: Nr. 1.096.805 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)
Produktinformation
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Ein neues Bestiarium
«Kein menschlicher Verstand ist im Stande zu zählen, wie viel Säugethiere, Vögel, Fische, Amphibien, Reptilien, Würmer, Insekten und andere Tiere in Gottes grosser Schöpfung leben», schrieb 1840 in fortschritts- und zahlengläubiger Zeit teils ehrfürchtig staunend, teils resigniert ob des Faktums des Nichtzählbaren ein tüchtiger Bündner Landschulmeister in der Funktion als Lesebuchautor. Wie die Menschen von der Antike bis in die heutige Zeit ihre tierischen Mitgeschöpfe wahrgenommen und ihre Empfindungen in Sprache gefasst, ja sogar künstlerisch in verschiedenste Formen von Geschichten ver-dichtet haben, dies vermittelt Rudolf Schenda in 100 geistvoll-prägnant verfassten Essays. Der Autor, einer der besten Kenner populärer europäischer Literaturtraditionen und bekannt für seinen Gelehrtenfleiss, hat einmal mehr in jahrelanger Arbeit Wälzer um Wälzer exzerpiert, um eine möglichst facettenreiche Geschichte der menschlichen Einstellung zu einheimischen und exotischen, zu geliebten und traditionell verhassten Tieren vorlegen zu können.
Doch welche Buchquellen eignen sich für ein derart entsagungsvolles, doch im Endergebnis ungemein ertragreiches Unterfangen? Zum Beispiel das Buch der Bücher; es ist nämlich voll von kuriosen Tiergeschichten und poetisch-zarten Tierbildern. Welches Tier ist wohl mit dem «Behemoth» gemeint, der im Buch Hiob erscheint, ein Ungetüm, welches schier den Fluss Jordan ausschlürft, doch friedlich im Schatten döst und Kräuter frisst wie ein Ochse? Möglicherweise das Nilpferd. Die grossäugige und feingliedrige Gazelle hat den Dichter Salomo beflügelt, den zu seiner Geliebten eilenden Freund mit dem sich durch Eleganz der Bewegung und grazile Erscheinung auszeichnenden Tier zu vergleichen.
Das älteste und am weitesten verbreitete «Bestiarium» der christlichen Welt, der spätantike «Physiologus», fusst auf dem reichen Tierwissen der Antike, doch wurden die Vorstellungen des Aristoteles, Plinius Secundus und Aelian christlich uminterpretiert. So erscheint der Hirsch mit seinem Gifte tilgenden Geweih ebenso wie der Pelikan, der sich für seine hungrigen Jungen die Brust aufschlitzt, in der kirchlichen Kunst als Christussymbol.
Im europäischen Zaubermärchen agierten die tierischen Wunderwesen, bar ihres geistlichen Gehalts, als Retter, Helfer, Heiler bedrängter profaner Helden und Heldinnen. Wie Schenda anhand zahlreicher Märchenbeispiele nachzuweisen vermag, rühmt diese relativ junge Gattung der Volkspoesie aus ihrer keineswegs utilitaristischen Perspektive im Gegensatz zu anderen populären Erzählungen die spontane Hilfsbereitschaft und Dankbarkeit von Floh, Frosch, Fuchs, Geier, Kröte, Ratte, Schlange . . . Die phantastischste Rattengeschichte stammt aus der Lügenmärchen-Werkstatt von Philippe le Picard (1579): Eine Rättin nährt einen Wurf Kätzchen, die ihre Mutter verloren haben, mit ihrer eigenen Milch und wird deshalb von ihnen zeitlebens hoch geachtet.
Dieser ungeteilte, unvoreingenommene Blick auf die Kreatur der Autor vergleicht das Einteilen der Tiere in gute und böse, schöne und hässliche, schädliche und nützliche mit dem Rassismus, der Menschen als unmenschlich deklassiert hat sich in Kinderbüchern erhalten; man denke etwa an Hugh Loftings «Doctor Dolittle» (19201952). In der Gegenwart war es Elias Canetti, der in seiner «Fliegenpein» mit Überzeugungskraft den uneingeschränkten Blick auf die Tiere einforderte: «Das Gedeihen der Welt hängt davon ab, dass man mehr Tiere am Leben erhält. Aber die, die man nicht zu praktischen Zwecken braucht, sind die wichtigsten. Jede Tierart, die stirbt, macht es weniger wahrscheinlich, dass wir leben. Nur angesichts ihrer Gestalten und Stimmen können wir Menschen bleiben.»
Ursula Brunold-Bigler
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