Die meisten Film-Experten sehen in diesem jetzt neu als DVD aufgelegten Klassiker immer noch den besten Kinofilm über Leben und Werk Jesu - und das, obwohl der Italiener Pier Paolo Pasolini, Urheber obszöner und blasphemischer Machwerke, sich nicht gerade als Regisseur für eine wortgetreue Bibel-Verfilmung empfahl. Eher war etwas in der Art zu erwarten, wie es später Martin Scorsese mit seinem spekulativen Streifen "Die letzte Versuchung Christi" ablieferte. Doch offenbar konnte der kommunistische Kultregisseur auch anders. Sein einfaches Rezept: das Matthäus-Evangelium als Drehbuch.
Der Anfang ist Schweigen, entsetztes Schweigen. Wie kann Maria schwanger sein, obwohl sie doch von keinem Manne wusste? Es sind Gesten, die den Film bestimmen, nicht Dialoge. Die wiederum entstammen allesamt der Bibel. Braucht man mehr für einen authentischen Jesus-Film?
Der erste Auftritt des Galiläers am Jordan: eine Offenbarung, auch filmisch. Johannes der Täufer - ohne Rauschebart - sieht aus wie ein Bauarbeiter oder Kranführer unserer Tage. Immer wieder wirkt diese eigentümliche Stärke des Films: Er zeigt Menschen mit Gesichtern von heute, unmaskiert. Es ist gespenstisch: ein Lahmer, ein Aussätziger - plötzlich ist er einer von uns, keine Figur mehr in einem seelenlosen Sandalenfilm. So kommt die Botschaft des Gottessohnes uns besonders nahe. Die Kulissen: eher schlicht und ohne die Erhabenheit von Hollywoods Monumentalepen. Erhaben ist hier nur einer: der König der Könige. Unterstrichen wird das meditativ-kontemplative Gepräge des spröde-spartanischen Schwarzweißfilms durch die Musik: Der experimentelle Mix aus Kirchenchorälen, Orchestermusik und Gospelgesang war 1967 für den Oscar nominiert.
»Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet«, steht in Matthäus, Kapitel 21. Fast scheint es so, als habe Gott diesen Satz verbildlichen, versinnbildlichen wollen: indem er ausgerechnet einen "Heiden und Sünder" dazu bestimmte, diesen faszinierenden Film über seinen Gesalbten zu schaffen. Eines jedenfalls ist klar: Der Verdacht, der für provokante und tendenziöse Skandalfilme berüchtigte und 1975, nach dem Dreh der obszönen "120 Tage von Sodom", unter bis heute nicht ganz geklärten Umständen (verhaftet wurde ein Strichjunge) ermordete Regisseur würde Jesus zum Sozialreformer degradieren oder zum Hippie herabwürdigen, bestätigt sich nicht: Pasolini zeigt Jesus als unerschütterlichen Menschensohn, einen, der immer die Menschen um sich herum im Blick hat. Die göttliche Natur und Autorität des Messias bleibt dabei unangetastet. Und das macht Pasolinis (übrigens Papst Johannes XXIII. gewidmetes) Werk - mag er tausendmal Atheist gewesen sein - zu einem filmhistorischen Ereignis, noch heute so lebendig und aktuell wie die Stimme des berühmten Rufers in der Wüste.