... ist diese Fallsammlung menschlichen und ärztlichen Versagens, die von einem Insider des Krankenhausbetriebes hier zusammengestellt wurde.
Werner Bartens beklagt das Verschwinden der Menschlichkeit im zunehmend härter werdenden Klinikalltag. Überfordertes Personal und menschlich unzulängliche Personen bestimmen über das Schicksal von Patienten und gehen oft zynisch mit den Kranken um. Die Übel werden im Buch genau beschrieben: Ärzte, die jeden neuen Patienten als Bedrohung und Angehörige als Zumutung betrachten, Klinikpersonal, das Notfälle abschiebt und Patienten, die wenig Geld einbringen. Arztpraxen, in denen unnötige Leistungen an Gesunde verkauft werden. Und jede Menge Ärzte ohne Einfühlungsgabe für das Leid der Kranken. Dies wird in dem preiswerten Taschenbuch ausführlich und leicht lesbar anhand von exemplarischen Fällen beschrieben.
Genaue Analysen und Abhilfevorschläge für die angeprangerten Miseren kommen in dem Buch jedoch eindeutig zu kurz. Hier hätte der Autor mehr als die reine oberflächliche Erscheinung des Übels sehen dürfen, zumal er ja selbst als Klinikarzt gearbeitet hat. Immerhin hat er auf die unsaubere Trennung von Praxis, Lehre und Forschung hingewiesen und sich für mehr psychologische Schulung des Krankenhauspersonals eingesetzt.
Auf eine Grundursache für die größer werdende Zahl wenig einfühlsamer Ärzte ist er meiner Meinung nach jedoch nicht gekommen: Sie ist das Ergebnis des Ausleseverfahrens zum Medizinstudium. Als ich Ende der Siebziger Jahre die Schule verließ, war Medizin ein Numerus-clausus-Studienfach, für das man einen Notendurchschnitt von mindestens 1,2 benötigte. Es wurde also nur der Klassenbeste ohne Weiteres für das Medizinstudium zugelassen. Primus wird aber nicht der menschlich Einfühlsamste, sondern derjenige welcher optimal an unser Schulsystem angepasst ist. Das sind in vielen Fällen Theoretiker und manchmal auch schlichte Streber, die dann das Fach aufgrund ihres guten Abiturs studierten ohne eine echte Berufung zum Heilen zu verspüren. Ich habe damals schon zu meinen Mitschülern gesagt, dass es mich vor dieser Generation von Nachwuchsmedizinern graust. Nun haben wir sie.
Ich empfehle das Ärztehasserbuch trotz seiner gewissen Unausgewogenheit, weil es den Blick für das Wesentliche im Gesundheitswesen schärft und Patienten wie Angehörigen zeigt, wie sie sich ihrem Arzt gegenüber verhalten müssen, wenn es lebenswichtig wird. Bartens zeigt die Grenzen des Gesundheitswesens auf. Er erklärt, was man sich als Kranker gefallen lassen muss, und was nicht. Das Buch hilft auch, die überarbeiteten Ärzte und das Krankenhauspersonal besser zu verstehen.