Aus der Amazon.de-Redaktion
Dieses Buch enthält zwölf Aufsätze des berühmten Biologen Wilson. Er ist Evolutionsbiologe, einer der Begründer der Soziobiologie und einer der führenden Ameisenforscher, der bereits mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. Doch dieses Buch zeigt nicht nur seine umfassenden Kenntnisse, sondern auch seine besondere Art, Wissen, Thesen und Fragen anschaulich zu vermitteln.
Warum träumen Stadtmenschen genauso oft von Schlangen wie RegenwaldbewohnerInnen? Wie sähe wohl die Weltanschauung einer Termite aus? Wie zeigen sich Altruismus und Aggression im Tierreich -- und wie beim Menschen? Wieweit bestimmten die Gene unser Verhalten -- und wieweit unsere Kultur? Und begeht die Menschheit Selbstmord? Diesen Fragen und noch vielen mehr geht Wilson in seinem Buch nach. Eine seiner Hauptthesen: Menschen sind biophil, haben also eine angeborene emotionale Bindung an andere Lebewesen. Was bedeutet das für uns? Und was für unsere Umweltethik?
Wer sich auf dieses Buch einlässt, erfährt eine Menge Interessantes über die Natur allgemein, die Natur des Menschen und vor allem über die Beziehung von Natur und Mensch. Faszinierende Einsichten vermittelt Wilson, indem er sich auf ein breites Spektrum an eigenen Erfahrungen, Studien und anderen Untersuchungen stützt. So lernt man hier, wie komplex das Sozialverhalten zum Beispiel von Ameisen ist, was adaptive Radiation ist und welche biologischen Grundlagen des Sozialverhaltens die Soziobiologie untersucht.
Verblüffende Fakten (wussten Sie beispielsweise, dass stündlich etwa drei Arten ausgerottet werden?) führt Wilson in Mengen an -- aber nie als Selbstzweck, sondern um unser Verhältnis zur Natur mit seinen Konsequenzen und Implikationen zu illustrieren. Dabei bringt er auch brisante Themen zur Sprache: Welche Umweltethik brauchen wir? Welche Konsequenzen hat die massive Reduzierung der Artenvielfalt? Wie stehen Geistes- und Naturwissenschaften zueinander? Welches sind unsere biologischen Grundlagen?
Ein aufregendes Buch, das informiert und provoziert, das spannend geschrieben ist und -- in Geschichten verpackt -- eine Fülle von Daten und Fakten aus der Welt der Biologie präsentiert. --Gabi Neumayer
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
"Auf besonders anschauliche Weise verknüpft das Phänomen der Schlange Natur- und Geisteswissenschaften, Biologie und Kultur miteinander. Bei Tagträumereien wie in nächtlichen Träumen schleicht sich das symbolhafte Bild der Schlange, Träger magischer Vorzeichen, mühelos in unser Bewußtsein und unser Unbewußtes ein. Ohne Vorwarnung auftauchend, verschwindet es ebenso urplötzlich und läßt keine konkrete Erinnerung an eine echte Schlange zurück, sondern das undeutliche Gefühl der Präsenz einer mächtigeren Kreatur, der mythischen, in einem Nebel aus Furcht und Faszination lauernden Schlange.
Diese Merkmale treten in einem Traum, der mich gewissermaßen mein Leben lang begleitet hat, besonders deutlich hervor - aus Gründen, die wir bald verstehen werden.
Ich befinde mich inmitten einer von gespenstischer Stille erfüllten und ganz in Grautönen gemalten sumpfigen Waldlandschaft. Beim Eindringen in dieses düstere Dickicht überkommt mich ein schauriges Ge fühl. Das Gelände vor mir ist rätselhaft und unheimlich, friedlich und bedrohlich zugleich. Ich bin - aus Gründen, die ich in dem Traumzustand nicht erfassen kann - gezwungen, mich hier aufzuhalten. Plötzlich taucht die Schlange auf, kein Reptil im üblichen, wörtlichen Sinne, sondern weit mehr: eine bedrohliche Präsenz mit außergewöhnlichen Kräften. Es ist ein Wesen von veränderlicher Größe und Gestalt, gepanzert, unbezwingbar. Der Kopf mit den Giftzähnen strahlt eine kalte, unmenschliche Intelligenz aus. Der aufgerollte muskulöse Leib gleitet ins Wasser, verschwindet unter Stützwurzeln und kehrt ans Ufer zurück. Die Schlange ist gleichsam der Geist dieses schattigen Ortes und die Wächterin des Eingangs in tiefere Sphären. Ich spüre, daß ein undefinierbarer, aber tiefgreifender Wandel einträte, wenn ich die Schlange fangen oder in die Flucht schlagen oder ihr auch nur entkommen könnte. Der Gedanke an diese Verwandlung löst alte, namenlose Gefühle aus. Zugleich empfinde ich eine vag e Bedrohung, wie sie von einer Messerklinge oder einer hohen Klippe ausgeht. Die Schlange ist lebenverheißend und lebensbedrohend, verführerisch und heimtückisch. Jetzt kriecht sie auf mich zu, belauert mich, bereit zuzustoßen. Der Traum endet in einem Gefühl der Beklommenheit, ohne klare Lösung.
Die reale Schlange und die mythische Schlange - das Reptil aus Fleisch und Blut und das dämonische Traumbild - enthüllen die Komplexität unserer Beziehung zur Natur und den Zauber, die Schönheit, die allen Organismen innewohnen. Selbst die gefährlichsten und abstoßendsten Lebewesen besitzen für den Menschen noch eine gewisse Faszination. Der Mensch hat eine angeborene Furcht vor Schlangen; genauer gesagt, die angeborene Neigung, eine solche Furcht ab dem Alter von fünf Jahren rasch und mühelos zu erwerben. Die Bilder, die die Menschen aus dieser eigentümlichen Einstellung heraus konstruieren, sind ebenso wirkungsstark wie ambivalent und reichen von panischer Flucht bis hin zu dem Erlebnis vo n Macht und männlicher Sexualität. Infolgedessen nimmt die mythische Schlange in vielen Kulturen der Welt einen bedeutenden Platz ein.
Hier nun kommt ein überaus komplexes Prinzip zum Tragen, das weit über die gängige psychoanalytische Deutung sexueller Symbole hinausgeht. Jegliche Form von Leben ist unendlich viel interessanter als praktisch jede vorstellbare Spielart unbelebter Materie. Der Wert der letzteren bemißt sich hauptsächlich danach, in welchem Ausmaß sie in lebendes Gewebe umgewandelt werden kann, sie diesem zufälligerweise ähnelt oder zu einem nützlichen, quasi belebten Artefakt verarbeitet werden kann. Niemand, der halbwegs bei Verstand ist, schaut sich lieber einen Haufen toter Blätter an als den Baum, von dem sie herabfallen.
Was genau bindet uns so eng an Lebewesen? Der Biologe wird uns sagen, daß Leben in der Selbstreplikation von Riesenmolekülen aus einfacheren chemischen Bestandteilen besteht und in dem Zusammenbau komplexerung großer Mengen molekularer Information, Nahrungsaufnahme, Wachstum, zielgerichteter Bewegung und der Vermehrung einander sehr ähnlicher Organismen gipfelt. Und der Dichter im Biologen wird hinzufügen, daß Leben ein äußerst unwahrscheinlicher, metastabiler Zustand ist, der gegenüber anderen Systemen offen und daher vergänglich ist - und dessen Erhaltung jedes Opfer wert ist.
Einige Organismen haben aufgrund ihres besonderen Einflusses auf die seelische Entwicklung des Menschen noch mehr zu bieten. In dem 1984 erschienenen Buch Biophilia habe ich behauptet, daß unser Drang, die Nähe anderer Lebensformen zu suchen, bis zu einem gewissen Grad angeboren sei. Diese Behauptung ist freilich empirisch nicht besonders gut abgesichert, da sie noch nicht hinreichend nach dem anerkannten wissenschaftlichen Prozedere von Hypothesenbildung, Deduktion und experimenteller Überprüfung untersucht wurde, um uns - so oder so - Gewißheit zu verschaffen. ..."