"Nichts in der Biologie macht Sinn, außer man betrachtet es im Licht der Evolution", wird der Naturforscher und Genetiker Theodosius Dobzhansky gern zitiert. Diese gleichermaßen provokante wie pointierte Formulierung mag begründen, warum "Darwinisch denken" so wichtig ist. Volker Sommer, Professor für Evolutionäre Anthropologie am University College London, beschreibt darin die faszinierenden Horizonte der Evolutionsbiologie - zum Beispiel Traditionspflege bei Tieren, das Töten von Artgenossen, Altruismus und Egoismus bei Affen sowie biologische und philosophische Aspekte zum Rassismus und Artbegriff und zu Leiden und Sterblichkeit. Es geht um die Fragen, ob Tiere eine rudimentäre Form von Kultur haben (ja, das ist bei manchen Arten der Fall!), ob und wie sie das Geschlecht ihrer Nachkommen beeinflussen können und wie sie auf soziale und ökologische Herausforderungen flexibel reagieren. Sommer fällt nicht auf naturalistische Fehlschlüsse herein (aus dem "Sein" folgt kein "Sollen"!), aber er zeigt durchaus, inwiefern naturwissenschaftliche Erkenntnisse für ethische Fragestellungen relevant sind. Und das gilt nicht nur für unser eigenes zwischen- und unmenschliches Verhalten, sondern auch das gegenüber unseren planetaren Mitbewohnern. Sommer: "In dem Maße, wie wir hinzulernen über das evolutions-historische Gewordensein der Spezis Mensch, werden wir unsere nähere oder fernere Verwandtschaft mit anderen Lebewesen nicht nur besser begreifen lernen. Vielleicht, hoffentlich, werden wir sie auch so zu schätzen lernen, dass wir den täglichen Verlust biologischer und kultureller Vielfalt nicht klaglos hinnehmen wollen."