Als Japanologin mit eigenen Japan-Erfahrungen stößt mir dieses Buch sauer auf. Schon beim Lesen des Vorworts musste ich lächeln: Neumanns Buch war angeblich auch in Japan ein Bestseller (2001 erschienen) und er bedankt sich gleich einmal für "die unzähligen Mails, Briefe und Gespräche" mit japanischen Lesern. Seltsam, ich habe bei all meinen Japanaufenthalten das Buch auf keiner Bestsellerliste und auf keinem Präsentiertisch in einem Buchladen gesehen. Wer des Japanischen mächtig ist, sollte sich die 5 mickrigen Rezensionen zu diesem "Bestseller" bei Amazon Japan durchlesen (Schlagwörter: "Lieblose Verleumdung", "Dummes Geschwätz", "Enttäuschend").
Weitere Kritikpunkte:
- Persönliche Erfahrungen oder Erfahrungen von Dritten werden unreflektiert als japanischer Status Quo abgehandelt. In jedem Kapitel werden japanische Bekannte zitiert, deren Aussagen für den Autor die japanische Realität widerspiegeln. Gegenbeispiele werden nicht genannt und nur selten findet sich ein relativierender Nebensatz, der diese Pauschalverurteilungen etwas abmildern könnte.
- Mit ein paar wenigen Ausnahmen (wohl bei Neuauflage nachträglich eingefügt) bezieht sich der Autor auf das Japan der 90er Jahre, was in Fehlinformationen resultiert, die auf das Jahr 2010 nicht mehr zu übertragen sind. Beispiel: Das so furchtbare Karaoke-Singen habe es nicht in den Westen geschafft, wäre unbeliebt. Für die 90er Jahre mag das noch zutreffend sein, heutzutage klebt in deutschen Großstädten an fast jeder Bar mit jungem Publikum ein Karaokeschild.
- Der Schreibstil ist geprägt von verkrampfter Ironie und pseudo-humoristischen Zaunpfählen. Überspitzte Darstellungen kultureller Eigenheiten könnten durchaus amüsant sein, wie man z.B. in "Die Axt im Chrysanthemenwald" sehen kann, aber Neumann ist nicht mehr sarkastisch, sondern bösartig.
- Neumann benimmt sich in seinen Schilderungen wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen: Cholerisch, provozierend, rücksichtslos und ohne jegliches Feingefühl für seine Mitmenschen, unabhängig von deren Kultur. Wer sich so in einem fremden Land aufführt und erwartet, dass sich alle Anderen anpassen, nur nicht man selbst, braucht sich über negative Erfahrungen nicht zu wundern. Hybris, Selbstverliebtheit und Heuchelei prägen die Erzählungen des Autors. Leider geht das meist nach hinten los. Wenn man sich über die Fremdwörterliebe der Japaner aufregt, sollte man besser selbst dem Drang widerstehen, sich wahllos und sinnfrei aus toten und lebenden Sprachen des europäischen Sprachraums zu bedienen.
- In einem Interview zu seinem Buch gab Neumann zu, dass er selbst nach Bachelorabschluss, mehreren Jahren in Japan und japanischer Freundin nicht ausreichend Japanisch spricht, um sich allen Situationen angemessen verständigen zu können. Gleichzeitig bemängelt er im Buch, nie zu Japanern nach Hause und auf Partys eingeladen worden zu sein (natürlich mit dem Zusatz, das läge allein an den Japanern). Sich trotz mangelnder Sprachkenntnisse und Kontakte solche Pauschalurteile über das japanische Volk zu erlauben, ist mindestens gewagt, eher dreist.