Bei dieser Biographie handelt es sich offensichtlich um die langersehnte Neuauflage der vergriffenen Reclam-Ausgabe von 1989.
Christian Grawe, der bei der Übersetzung der
Romane von Jane Austen eine großartige Arbeit geleistet hat, ist es gelungen, anhand der wenigen Fakten über das Leben und Werk der Schriftstellerin eine zufriedenstellende Biographie für die interessierte deutsche Leserschaft zu schreiben.
Das war sicher keine leichte Aufgabe. Denn obwohl Jane Austen schon längst zu den beliebtesten Klassikern Großbritanniens gehört und sie die wohl am intensivsten erforschte Schriftstellerin der englischen Literatur ist, fällt eine genaue Darstellung ihrer Person schwer.
Fakt ist: Die große englische Schriftstellerin, Jane Austen, wurde am 16.12.1775 geboren und starb am 18.07.1817 im Alter von nur 41 Jahren. Sie blieb unverheiratet.
Ihre Lebenszeit umfasst eine der ereignisreichsten und turbulentesten Epochen der europäischen Geschichte, doch blieb ihr eigenes Leben von den geschichtlichen Ereignissen weitgehend unberührt. Sie lebte zurückgezogen im Kreise ihrer Familie im beschaulichen Süden Englands, der auch Schauplatz vieler ihrer Romane ist.
Selbst für viele Verwandte der Schriftstellerin blieb deren Tätigkeit verborgen und der Schleier der Anonymität wurde erst kurz vor dem Lebensende Jane Austens gelüftet. Und da ihre Geschwister um den Wunsch ihrer Schwester um Diskretion wussten, haben sie auch nach dem Tod der Autorin kaum etwas preisgegeben. Erhalten sind von Jane Aus-ten, außer den veröffentlichten Romanen, 153 Briefe, die fast ausschließlich an ihre Schwester gerichtet sind. Darüber hinaus gibt es eine Sammlung ihrer Jugendwerke und die Bücher und Aufzeichnungen einiger Neffen und Nichten der Schriftstellerin.
Da die Austens der "Gentry" angehörten und es einen vergleichbaren Gesellschaftsstand in Deutschland eigentlich nie gab, hat sich Herr Grawe um eine hilfreiche Darstellung der Lebensart bemüht. Außerdem zeigt er Mut zur Lücke und dichtet Jane Austen weder romantische, aber aussichtslose Liebschaften an, noch stellt er sie als arme Junger dar, deren Persönlichkeit von den vielen Neffen und Nichten in den Hintergrund gedrängt wurde.
Wie die Jugendwerke erkennen lassen, hat Jane Austen ihre Mitmenschen mit Freuden beobachtet und mit spitzer Feder deren Eigenheiten parodiert. Sie hatte große Freude an anregender Lektüre und vielseitiger Unterhaltung, aber den Smalltalk hat sie wohl nie in Perfektion beherrscht. Dies ist ein Beispiel, wie man sich der Persönlichkeit Jane Austen vorsichtig nähern kann.
Die Biographie umfasst noch mehr Möglichkeiten, die Schriftstellerin zu entdecken. Außer einigen sehr hübschen Bildern, Fotos und Zeichnungen, ist als zweiter Teil des Buches eine Auswahl an Werken, Briefen und Dokumenten aus dem Nachlass der Schriftstellerin enthalten. Diese beinhalten die Jugendwerke, "Liebe und Freundschaft" (umwerfend komischer Briefroman mit witzig-böser Note), "Das Geheimnis" (ziemlich kurz) und "Die drei Schwestern" (amüsanter Briefroman). Angeschlossen sind auch die Dokumente "Plan eines Romans" und "Sandition" (unvollendeter Entwurf) und Briefe an die Nichte, Fanny Knight, (der sie von einer Ehe ohne Liebe abrät), an Anna Austen sowie an den Verleger, James Clarke. Zum Abschluss ist noch der Brief Cassandras an Fanny Knight nach dem Tod der geliebten Schwester und Tante sowie die Henry Austens "Biographische Notiz über die Autorin".
Wer also auch gerne den Schleier der Anonymität lüften will und einen ganz persönlichen Blick auf die wunderbare Jane Austen werfen will, der ist zur Lektüre dieses anregenden Werkes ermuntert.