Dieser Film wurde bisher von rund dreißig Amazon-Rezensenten besprochen, überwiegend von (jungen?) Männern und überwiegend kam er dabei schlecht weg. Könnte ein guter "Frauenfilm" sein, dachte ich mir, sah ihn mir deshalb an und fand mich in meiner Vermutung bestätigt. Wahrscheinlich hätte man ihn nicht so massiv mit dem Horrorfilm "Der Ring" in Verbindung bringen dürfen, denn Dark Water gehört in die Kategorie der Mystery-und Psychodramen und zwar zu den besseren.
Da ist zunächst das Szenario. In der ersten, positiven Leserrezension wurde ein Umstand erwähnt, der in der Tat auffällig ist: Nur selten zeigt Hollywood so realistisch wie hier die trostlosen, menschenfeindlichen Wohnsilos im Umfeld der großen Städte, in denen viele amerikanische "Kleinbürger" leben. Hopp oder Top: Malibu-Strandvilla, tolle City oder Slum, dazwischen noch eine Brise Heile-Welt-Vororte oder idyllische Kleinstädte machen in aller Regel das Ambiente in Filmen aus den Staaten aus. Tatsächlich leben aber viele Amerikaner so, wie es hier gezeigt wird. Es sind New Yorker, die zwar den Stadtteil Manhattan, der für viele das eigentliche New York ausmacht, täglich vor Augen haben, aber dennoch nur vom glänzenden, aufregenden Leben im Big Apple träumen können.
In diesem Film hat es eine junge Mutter mit ihrer kleinen Tochter in so eine trostlose Gegend verschlagen. Sie lebt in Trennung, ein Sorgerechtstreit bahnt sich an und Geldnöte können durch einen schlecht bezahlten Job nur unzureichend gemildert werden. Die Miete ist einigermaßen erträglich und eine gute Schule (unrealistisch?) liegt in unmittelbarer Nähe. Auch das ist real. Amerikanische Familien, die ihre Kinder nicht auf Privatschulen schicken (können), treffen ihre Wohnortentscheidung oft auch unter den Aspekt von erreichbaren "guten" öffentlichen Schulen. Diese Schule ist der einzige Farbtupfer in einer tristen Umgebung. Die Mutter und das Kind sind einsam, verunsichert und überfordert von der neuen Situation. Der Umgang mit anderen Menschen hat stets formalen, niemals privaten Charakter. Auch diese Menschen vermitteln einen einsamen Eindruck. Nie scheinen sie die zu sein, für die sie sich ausgeben. Zu allem Überfluss entpuppt sich die eigene Wohnung zunehmend als Alptraum, statt Raum für Rückzug und Geborgenheit zu bieten. Der Geist eines Kindes manifestiert sich zunächst als Fleck, Schimmel und schmutziges Wasser und anschließen als Mensch und fordert nach längerer, subtiler, sich steigernder Bedrohung eine grausame Entscheidung von der Mutter: Sie oder das Kind wird überleben. Oder.
Dieser Film spielt geschickt mit den Urängsten von Müttern und ihrem dringenden, vorrangigen (leider unerreichbaren) Wunsch, das eigene Kind in jeder nur denkbaren Situation beschützen zu können. Die gut spielende Protagonistin des Films hat eine schwierige Beziehung zur Mutter und will bei ihrem eigenen Kind unter keinen Umständen versagen. Nahezu jede Frau setzt sich, wenn auch vielleicht nur in Gedanken, noch einmal intensiv mit der Beziehung zu ihrer Mutter auseinander, wenn sie ebenfalls Mutter wird. Bis zu diesem Zeitpunkt ist sie stets nur Tochter gewesen. Jetzt lernt sie die andere Seite kennen. Das kann schmerzhaft sein. Möglich, dass seelische Verletzungen wieder hochkommen, die man längst überwunden glaubte. Verletzungen der Seele, gar ein Trauma, verhalten sich wie eine Schallplatte, die immer wieder an der gleichen Stelle hängen bleibt. Oft wissen selbst jahrelange Lebenspartner nichts von diesen speziellen Stellen. Fremde schon gar nicht. Trotzdem bestimmen sie das Verhalten der Menschen untereinander. Jeder von uns muss sich immer wieder im Umgang mit anderen unterschwellig damit auseinandersetzen. Das gleicht dem Stochern im Nebel und kann sehr schwierig sein. Wie sagte einmal Stephen King, der Meister des Schreckens: "'Das Leben hat Zähne und irgendwann einmal beißt es fast jeden von uns mehr oder weniger stark."'
Mehr Horror ist doch eigentlich gar nicht nötig, oder?